„Fühlen uns Patienten dort verpflichtet“: Berlin-Chemie stoppt sein Russland-Geschäft nicht

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Arzneimittel (Symbolbild) - SNA, 1920, 18.09.2022
Im Unterschied zu mehreren anderen europäischen Firmen betreibt das Pharmaunternehmen Berlin-Chemie immer noch seine Produktion in Russland und für den russischen Markt. Dies gab das Vorstandsmitglied Christian Matschke in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ bekannt.
Die Ausrichtung des Unternehmens auf den Osten habe historische Gründe, sagte Matschke: „Wir waren aus der DDR-Tradition heraus sehr gut in dieser Region vernetzt. Das hat sich auch bis heute bewährt. Wir produzieren viel für osteuropäische und zentralasiatische Märkte, aber nicht ausschließlich.“ Allerdings würden in vielen Ländern die in Berlin-Chemie hergestellten Medikamente unter dem Label Menarini verkauft.
Übrigens habe das Unternehmen zwei Besonderheiten aus den DDR-Zeiten geerbt. Erstens verfüge die Firma über eine hauseigene Werkstatt für Maschinen-Ersatzteile. „So etwas hat nicht jedes Unternehmen, in der DDR war es üblich. Heute passt das natürlich gut zum Thema Nachhaltigkeit.“
Die zweite sei der Aspekt der sozialen Verantwortung: „Schon zu DDR-Zeiten haben bei uns Menschen mit Behinderung gearbeitet und das ist auch heute noch so in unserer geschützten Betriebsabteilung, wo wir über 30 Kollegen beschäftigen.“

In Russland wird weiter gearbeitet, aber „in einem Ruhemodus“

Derzeit werde im russischen Standort von Berlin-Chemie weiter gearbeitet und ausschließlich für den russischen Markt produziert, so Matschke weiter.
„Den Patienten dort, die auf unsere Medikamente angewiesen sind, fühlen wir uns weiter verpflichtet.“
Allerdings befinde sich das Geschäft in Russland „in einem Ruhemodus“: Alle Neuinvestitionen und Werbeausgaben seien gestoppt, neuen Maschinen würden nicht gekauft, auch beim Personal gebe es keine Einstellungen.
Das Unternehmen empfinde auch gegenüber seinen Kollegen in der Niederlassung in Kiew Verantwortung und stehe mit allen in engem Kontakt. Zudem spende Berlin-Chemie regelmäßig Geld und Medikamente für die Zivilbevölkerung in der Ukraine.

Trotz Energiekrise: „Wir bleiben hier“

Angesichts der steigenden Energiekosten habe der Arzneimittelhersteller seine Produktion in Berlin bislang nicht einschränken müssen: „Bislang produzieren wir dieselben Mengen wie immer. Wir beobachten die steigenden Gas- und Strompreise aber mit großer Sorge, genau wie die fehlende Versorgungssicherheit“, betonte Matschke. Das Unternehmen sei auf Gas angewiesen, um den Wasserdampf zu erzeugen, mit dem die Maschinen gereinigt würden. Langfristiges Ziel sei jedoch, den Übergang von fossilen Brennstoffen hin zu komplett erneuerbaren Energien zu schaffen.
Spritze (Symbolbild) - SNA, 1920, 12.09.2022
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Auch die Lieferketten seien nicht mehr so stabil wie vor der Energiekrise, „und das schon seit Beginn der Pandemie. Dennoch habe Berlin-Chemie bislang keine Produktionsausfälle verzeichnet.
Eine Verlegung der Produktion in Länder außerhalb Europas werde nicht geplant: „Wir bleiben hier, daran gibt es keinerlei Zweifel“, sagte Matschke. „Ohne den Produktionsstandort Berlin ist unser Unternehmen nicht denkbar. Wir tragen die Stadt im Namen, sie ist Teil unserer Identität.“
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