„Natürlich brauchen wir es!“ – Kretschmer über russisches Gas

© SNA / Nikolaj JolkinMichael Kretschmer vor der Presse in Moskau
Michael Kretschmer vor der Presse in Moskau - SNA, 1920, 03.09.2022
Der sächsische Ministerpräsident, Michael Kretschmer, hat sich in einem Interview für die „Welt am Sonntag“ zum aktuellen Thema der Energiekrise ausgesprochen. Deutschland wird ihm zufolge noch mindestens ein Jahrzehnt auf russische Gaslieferungen angewiesen sein.
„Ich glaube, dass man bis zum Ende dieses Jahrzehnts eine Menge an Dingen verändern kann – sowohl im Strom- als auch im Gasbereich. Aber es wird eben auch ein Jahrzehnt dauern, bis wir so weit sind“, so Kretschmer.
Die Bundesregierung stelle sich aber nicht die Frage, was eine grundlastfähige Energieform für die nächsten Jahre sein könnte. Mit Windkraft und Fotovoltaik allein werde Deutschland seinen Energiebedarf nicht decken können. Ohne Atomstrom werde das Land es nicht schaffen und die AKW-Laufzeitverlängerung müsse geschehen. Gleiches gelte für die Braunkohleverstromung und nicht zuletzt für die heimischen Erdgasvorkommen.
„Keinem Menschen leuchtet ein, dass wir Fracking-Gas aus den USA kaufen, aber unsere eigenen Vorkommen nicht abbauen. Und schließlich das russische Gas. Natürlich brauchen wir es!“
Deutschland kann laut Kretschmer diese Energiekrise nicht lange durchstehen: „Wir sehen doch schon jetzt, dass bei diesen Verteuerungen die ökonomischen Grundlagen unserer Produktion wegbrechen. In Sachsen-Anhalt stehen die ersten Fabriken still, die Stickstoff hergestellt haben. Wir werden diese Probleme bald in allen weiteren Wirtschaftsbereichen durchdeklinieren können“.
Der deutsche Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck - SNA, 1920, 02.09.2022
Bei Lösung der Energiekrise hofft Habeck auf „ein bisschen Regen“
Die finanziellen Herausforderungen würden gigantisch und viel tiefgreifender sein als die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008. Das Einzige, was Deutschland tun könne, sei pragmatisch zu sein. Doch die Bundesregierung mache durch ihr Zögern die Krise immer schlimmer und erwecke nur den Eindruck alles getan zu haben. Die deutsche Wirtschaft verkrafte die gegenwärtige Verteuerung nicht, deshalb sei Deutschland auf das russische Gas angewiesen und brauche auch das russische Öl.
„Schauen Sie sich die Marktpreise an der Leipziger Energiebörse an. Der aktuelle Preis liegt derzeit bei 800 Euro, und wir kommen von 40 Euro der Megawattstunde! Es ist einfach nicht wahr, wenn die Grünen behaupten, nicht der Strompreis, der Gaspreis sei das Problem. Beide Preise sind ein Riesenproblem“, so Kretschmer.
Die Bundesregierung müsse aufwachen und endlich handeln. Genau das forderten die Wirtschaftskammern und Handwerkerverbände.
Zuvor war berichtet worden, dass die deutschen AKW laut der Bundesnetzagentur länger am Netz bleiben müssen, um im Winter Strombedarf auch in Europa zu decken. Bereits jetzt verstrome Deutschland zu viel, vor allem, um Frankreich zu helfen. Der Behördenchef Klaus Müller erklärte gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, dass er den Atomstrom nicht als Ersatz für fehlendes Gas sehe, „denn wir benötigen das Gas als Grundstoff in der chemischen Industrie und für die Kraft-Wärme-Kopplung, also zum Heizen. Für beides ist Atomstrom kein Ersatz.“
Der mitteleuropäische Gasknotenpunkt Baumgarten - SNA, 1920, 31.08.2022
Wegen Energiekrise: Stadtwerke rechnen mit starken Preiserhöhungen und Zahlungsausfällen
Der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Robert Habeck, teilte am Donnerstag mit, Deutschland habe in großen Teilen von den 55 Prozent Gas kompensiert, die es von Russland bekommt. Und wenn der Winter komme, werde ein Teil fehlen. Die Lücke muss nun laut Habeck mit Einsparungen geschlossen werden.
Bundeskanzler Olaf Scholz hatte zuvor auch am Donnerstagabend bei dem so genannten „KanzlerGespräch“ in Essen erklärt, dass Deutschland auf den kommenden Winter gut vorbereitet sei. Einen vollständigen Verzicht auf russisches Gas lehne er aber ab.
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