Abschied von Gorbatschow: Tragischer Held und romantischer Reformer

© SNA / Ramil Sitdikow / Zugriff auf das MedienarchivTrauerfeier für Michail Gorbaschow
Trauerfeier für Michail Gorbaschow  - SNA, 1920, 03.09.2022
Hunderte Russen haben am Samstag, den 3. September, im prachtvollen Säulensaal des Gewerkschaftshauses in unmittelbarer Nähe des Kremls Abschied vom ersten und letzten Präsidenten der UdSSR, Michail Gorbatschow, genommen. Der Zugang stand allen offen, die ihm die letzte Ehre erweisen wollten.
Noch am selben Tag wurde Gorbatschow auf dem Nowodewitschi-Friedhof neben seiner Frau Raissa beigesetzt.
Vor zwei Jahren wurde auf der Bühne des Theaters der Nationen in Moskau das Stück "Gorbatschow" mit Jewgeni Mironow in der Hauptrolle gespielt. Er erinnert sich, wie Gorbatschow zur Premiere kam: „Während der Aufführung wollte ich einige Passagen ändern, weil ich dachte, dass sie ihn beleidigen könnten. Sie könnten schmerzhaft für ihn sein oder unangenehm, weil es viele persönliche Momente im Stück gibt, entnommen aus Erinnerungen, einschließlich auch aus seinen eigenen. Aber er sah es mit großem Mut. Es gefiel ihm gut, und er sagte, er wolle wiederkommen.
© SNA / Sergej Gunejew  / Zugriff auf das MedienarchivBeerdigung von Michail Gorbatschow
Beerdigung von Michail Gorbatschow - SNA, 1920, 03.09.2022
Beerdigung von Michail Gorbatschow
Gorbatschow unterscheidet sich von anderen Politikern dadurch, dass er sehr lebhaft war. Er reagierte auf alle Witze über ihn und Parodien immer mit Humor. Journalisten fragen mich, ob er das Stück korrigiert hat. Ein anderer an seiner Stelle würde sagen:
„Ich will es zunächst mal lesen. Dann kommt es: Das will ich nicht und jenes. Bitte streichen. Es gab nichts dergleichen von ihm. Er ist ein absolut freier Mensch, und darum geht es in dem Stück. Auch als er schon unbeliebt war, hat er sich immer so verhalten, wie er sich im Leben immer verhalten hat. Er selbst hat sich nie verändert. Das ist für mich jetzt der größte Wert in dieser Figur.“
Im Jahr 2022 trat Gorbatschow nicht in der Öffentlichkeit auf, gab keine Interviews und keine öffentlichen Erklärungen ab. Er wurde in letzter Zeit mehrmals ins Krankenhaus eingeliefert. In den vergangenen Jahren gab er jedoch aktiv Interviews für russische und westliche Medien.
In einem Interview mit der Los Angeles Times 2004 sagte er: „Ich habe den Eindruck, dass der Westen, die Vereinigten Staaten und Europa glücklich waren, wenn Russland mit dem Gesicht nach unten lag. Aber Russland kann nicht mit dem Gesicht nach unten liegen. Russland kann nicht erdrosselt werden.“
© SNA / Alexej Majschew / Zugriff auf das MedienarchivTrauerfeier für Michail Gorbatschow
Trauerfeier für Michail Gorbatschow - SNA, 1920, 03.09.2022
Trauerfeier für Michail Gorbatschow
2016 charakterisierte Michail Gorbatschow in einem Interview mit der britischen Zeitung The Sunday Times die Vereinigten Staaten. „Sie wurden von Arroganz besessen. Sie erklärten ihren Sieg im Kalten Krieg. Aber wir haben gemeinsam die Welt aus der Konfrontation herausgezogen, aus dem nuklearen Wettlauf. Aber die ,Sieger‘ entschieden, ein neues Imperium aufzubauen. Und da entstand die Idee der Nato-Osterweiterung.“
Ein Jahr zuvor hatte Gorbatschow in einem Interview mit Interfax über das Thema Kalter Krieg gesprochen: „Jetzt hört man aus Amerika und der Europäischen Union von den Sanktionen gegen Russland. Hat man völlig den Kopf verloren? Die USA haben sich im Dschungel verloren, und wir werden dorthin gezogen. Und wenn man die Dinge beim Namen nennt, so haben sie uns bereits in einen neuen Kalten Krieg hineingezogen und versuchen dabei, ihre Idee des Triumphs zu verwirklichen. Leider kann ich nicht bestimmt sagen, dass der kalte Krieg nicht zu einem heißen führen wird. Ich fürchte, sie können doch ein Risiko eingehen."
In einem Interview mit der Nesawissimaja Gazeta am 15. August 2006 sagte er: „Als Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR in eine schwierige Situation geriet, fingen sie einfach an, es aus der politischen Arena zu verdrängen. Der entwickelte Westen nutzte die Lage des Landes aus, das noch nicht bereit war, unter Marktbedingungen zu leben. Als Russland begann, sich von den Knien zu erheben, stellte es sich heraus, dass dies für den Westen nicht akzeptabel ist.
Über Gorbatschows Tätigkeit gibt es in Russland keine einheitliche Meinung. „Das liegt daran, dass man immer noch in einer Zeit des Wandels lebt. Seine wahren Verdienste lassen sich erst später anerkennen, sagt Alexej Arbatow, Leiter des Zentrums für Internationale Sicherheit am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen Moskau: „Gorbatschows Tätigkeit wird in Russland oft negativ wahrgenommen. Die Bilanz seines Lebens umfasst Fehler, Fehlkalkulationen und Erfolge. Und deshalb ist es noch zu früh eine endgültige Bilanz zu ziehen.“
Porträt von Michail Gorbatschow - SNA, 1920, 31.08.2022
Kluger Apparatschik – miserabler Zauberlehrling
„Mit Gorbatschow geht nun auch die Sowjetzeit. Mit ihm an der Macht fühlten wir uns aber anders“, sagt Alexej Malaschenko,Forschungsleiter am gleichen Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen Moskau: „Das ist der unvermeidliche Punkt. Er war der letzte sowjetische Politiker. Eine sehr tragische Figur, weil Gorbatschow aufrichtig versuchte, die Sowjetunion zu reformieren und zu verbessern. Es war unmöglich, aber er glaubte daran, dass er dies schafft.
Man kann seine Fehler endlos kritisieren, aber wenn man sich in seine Lage versetzt (...). Ein treuer Leninist, der sowohl die wirtschaftliche Katastrophe als auch die Isolation der Sowjetunion vollkommen versteht. Wo ist denn dann der Ausweg? Er kannte den Ausweg nicht, wie keiner der Politiker ihn damals kannte. Er hat es versucht, aber es ist so, als würde man mit einem Bleistift auf eine Betonwand schlagen. Er war zum Scheitern verurteilt. Das Land ließ sich nicht reformieren. Es ist einfach kaputt gegangen, weil es verrottet war.
Dennoch spürte er am Ende seines Lebens den Untergang der Sowjetunion. Was hat er für die Menschen getan? Unter ihm begann die Angst aus den Menschen, aus der Gesellschaft zu verschwinden. Er war der erste sowjetische Politiker, den man öffentlich kritisieren durfte.
Er hat sehr wohl verstanden, dass Russland ein Teil Europas ist und dass wir uns in diese Richtung bewegen müssen. Der Weg war schmerzhaft, es gab viele Probleme. Aber wir fühlten uns freier, kultivierter, wenn man so will.“
Michail Gorbatschow, Ex-Präsident der UdSSR - SNA, 1920, 31.08.2022
„Großer Einfluss auf Weltgeschichte“: Führende Politiker würdigen Gorbatschow
„Gorbatschow verabschiedete sich vom Kommunismus ohne Blutvergießen“, schrieb der Chefredakteur der Novaya Gazeta und Nobelpreisträger Dmitri Muratow. „Ständig wurde ihm von den Anhängern des Imperiums vorgeworfen, er habe Deutschland, Tschechien, Polen verschenkt. Er antwortete einmal mit einem Sarkasmus: ,Und wem habe ich sie gegeben? Deutschland den Deutschen. Polen – den Polen, Tschechien – den Tschechen. Und wer sollte es bekommen?‘
Ich habe gehört, dass er es geschafft hat, die Welt zu verändern, aber nicht sein Land. Vielleicht stimmt das. Aber er hat sowohl dem Land als auch der Welt ein unglaubliches Geschenk gemacht – er hat uns dreißig Jahre Frieden geschenkt. Ohne die Bedrohung durch einen globalen und nuklearen Krieg. Wer sonst ist dazu in der Lage? Aber. Das Geschenk ist vorbei. Es ist nicht mehr da. Und es wird keine Geschenke mehr geben.“
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