Zwei Jahre nach der Explosion: Beirut im Dauertrauma

© AP Photo / Hussein MallaNach der Explosionskatastrophe in Beirut 2020
Nach der Explosionskatastrophe in Beirut 2020 - SNA, 1920, 04.08.2022
Zwei Jahre nach der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut hat der Libanon das Geschehene immer noch nicht richtig aufgearbeitet – die Ruinen im Hafen sind nach wie vor eine Gefahr, die Wiederherstellung der Infrastruktur läuft eher schleppend und die Bevölkerung sucht weiterhin vergeblich nach den Verantwortlichen für diese Tragödie.
Seit einigen Wochen geht vom Hafen wieder eine Gefahr für die Einwohner der libanesischen Hauptstadt aus: Das gespeicherte Getreide hat Feuer gefangen und brennt die Silos langsam nieder. Wie es in der Regierung heißt, können sie nicht abgerissen werden, weil die Verwandten der Todesopfer angeblich dagegen sind und wollen, dass die Ruinen im Hafen als Denkmal für diese Tragödie erhalten werden.
Allerdings wurde der Wiederaufbau des Hafens bereits im vergangenen Jahr von den zuständigen Ministerien in Angriff genommen: Ausländische Unternehmen begannen mit der Rekonstruktion der Containerhalle, einige Handelsschiffe dürfen im Hafen wieder anlegen. Dennoch fehlen dem Libanon die nötigen Mittel und Ressourcen, um mit dem Umbau des Hafens zu beginnen.
Im Unterschied zum vergangenen Jahr hat der Wiederaufbau der bei der Explosion am stärksten betroffenen Stadtviertel immerhin an Tempo gewonnen. Die am stärksten beschädigten Häuser wurden mit Hilfe von Nichtregierungsorganisationen abgerissen, an ihrer Stelle entstehen nun neue Gebäude – der Regierung fehlt es an finanziellen Mitteln für die Wiederherstellung der Infrastruktur, hinzu kommen die üblichen Streitereien.
Wie sich der 63-jährige Siham Tekiyan, Einwohner des vorwiegend von Armeniern bewohnten Viertels Dschamisa, erinnert, hat die schwere Explosion sein Leben in zwei Teile geteilt:
„Die Explosion war unglaublich mächtig. Ich war zu diesem Zeitpunkt in meinem Laden. Ich wurde durch die Splitter stark verletzt – im Krankenhaus wurde ich mit 30 Stichen genäht. Vom Geschäft ist nichts übrig geblieben. Ich habe das Haus und das Geschäft aus eigener Kraft renoviert, der Staat stellte mir nur neun Millionen Lira für Reparaturarbeiten bereit, sie kosteten aber 60 Millionen. Ansonsten hat der Staat nicht geholfen, es wird immer schlimmer, die Ruinen im Hafen stellen weiterhin eine Gefahr für die Einwohner der nahegelegenen Bezirke dar. Wir können kaum damit rechnen, dass alles zumindest etwas besser wird. Es gibt keine Hoffnung, dass die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden“, so Tekiyan.
Doch die Untersuchung und die Suche nach den Verantwortlichen laufen weiter. Richter Tarik Bitar, der für die Untersuchung zuständig ist, beschwert sich regelmäßig über Probleme seitens der Regierung und einflussreicher Clans im Libanon. Die wichtigsten Verdächtigen weigern sich einfach, mit der Ermittlung zu kooperieren. Deswegen wurden innerhalb von zwei Jahren keine Ergebnisse erzielt.
Widah al-Sadiq, Mitglied des libanesischen Parlaments von der Partei des Wandels, sagt, dass die Explosion im Hafen von Beirut eine der größten nichtnuklearen Explosionen aller Zeiten war. Danach hätte man sämtliche Regierungseliten im Libanon vor Gericht stellen müssen, doch dazu sei es nicht gekommen.
„Nach einem solch beispiellosen Vorfall war der Rücktritt der Regierung eine geringe Maßnahme. Die gesamte Regierung, alle langjährigen Mitglieder der Regierungscliquen hätten vor Gericht gestellt werden müssen – sie haben eine Katastrophe zugelassen. Und nun verhindern sie eine Untersuchung, bremsen sie – niemand will die Verantwortung für die jahrelange Fahrlässigkeit und Explosion tragen“, erbost er sich.
Bislang hat kein einziger libanesischer Politiker die Verantwortung für das Schicksal der Hauptstadt übernommen, das tun die einfachen Einwohner Beiruts. Darüber berichtet Rimma al-Zahed, Schwester eines Opfers der Tragödie.
„Das bin ich sowie alle anderen Einwohner der Stadt, die die Verantwortung für den Staat tragen. Unsere Regierung kümmert sich nicht um ihre Pflichten, lagerte im Laufe von sieben Jahren Ammoniumnitrat im Hafen – da ist das Ergebnis. Wir erlaubten ihnen, sich so zu benehmen. Doch wir fordern weiterhin eine faire Untersuchung, die Bestrafung der Verantwortlichen und zumindest irgendeine Entschädigung. Nicht alle konnten ihren Job, ihr Geschäft wieder beginnen, das Wohnhaus wiederaufbauen, die Gesundheit wiederherstellen. Viele brauchen akut Hilfe“, sagte sie.
Ihr zufolge wandten sich die Familien der Opfer an das Kulturministerium mit der Bitte, den Ort der Explosion zu einem Denkmal zu machen.
„Die wichtigste Botschaft dieses Denkmals wird die Suche nach der Wahrheit, nach Gerechtigkeit sein“, so die Einwohnerin von Beirut.
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