Ukraine-Konflikt: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo – Wiener Sozialforscher

© REUTERS / CHRISTIAN MANGEine Person hält ein Schild vor dem Brandenburger Tor, das während eines Antikriegsprotestes in den Farben der ukrainischen Flagge beleuchtet wurde, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin am 24. Februar 2022 in Berlin, Deutschland, eine Militäroperation in der Ukraine genehmigt hatte.
Eine Person hält ein Schild vor dem Brandenburger Tor, das während eines Antikriegsprotestes in den Farben der ukrainischen Flagge beleuchtet wurde, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin am 24. Februar 2022 in Berlin, Deutschland, eine Militäroperation in der Ukraine genehmigt hatte. - SNA, 1920, 28.02.2022
Krieg findet laut Daniel Witzeling, Leiter des Humaninstituts Vienna, im 21. Jahrhundert bei Weitem nicht nur auf dem realen Schlachtfeld statt. Neben der Wahl der Waffen im realen Kriegsgebiet sind die kognitiven Voraussetzungen, über welche die jeweiligen Konfliktparteien und deren Anführer verfügen, von elementarer Bedeutung.
„Sehr lange existierte auf unserem Erdball eine mehr oder weniger unipolare Weltordnung“, sagte er im SNA-Gespräch, „in der es scheinbar nur einen großen Player, nämlich die Vereinigten Staaten von Amerika, gab. Seit dem Antritt von Waldimir Putin als Präsident der Russischen Föderation hat sich das internationale Kräfteverhältnis signifikant von einer unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung verschoben. Kriege und Konflikte sind so wie der aktuelle Ukraine-Konflikt immer eine Lose-Lose Situation. Das wissen auch das russische Staatsoberhaupt und die Bewohner der Russischen Föderation. Nun ist es leider zu einer militärischen Auseinandersetzung in der Ukraine gekommen.“

Einmarsch in die Ukraine: Emotionales Trauma

„Der Einmarsch russischer Streitkräfte war ein Schock für Europa und den Westen“, so der Psychologe weiter. „In der Wahrnehmung hat kaum jemand, trotz der Vorhersagen des US-Präsidenten Joe Biden, mit einer realen und - aus der Sicht des politischen Westens - derart starken Militärintervention von Russland gerechnet. Es kam aus der Perspektive vieler in dieser Wucht unerwartet, und die russische Seele konnte schwer emotional decodiert werden.
Man könne, begleitet durch eine eher eindimensionale Berichterstattung, von einem psychologischen Trauma sprechen, stellt der Sozialforscher fest. „Die Bilder des Krieges in einem Land an den EU-Grenzen sind für eine Kultur, die bis dato als größte Bedrohungen den Klimawandel und die Corona-Pandemie kannte, schwer emotional zu verdauen. Beide Seiten, der Westen und Russland, sind jetzt gefragt, einen ehrlichen Schritt aufeinander zuzugehen und sich nicht in strategischen Machtspielen zu verheddern. Denn ein Krieg kennt nur Verlierer.“
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron - SNA, 1920, 28.02.2022
Putin zu Macron: Für Konflikt-Regelung muss man russische Sicherheitsinteressen in Betracht ziehen

Frieden durch Soziale Intelligenz

Putin und Russland als die Böse Seite der Macht abzustempeln, sei für einen Konfliktlösungsprozess äußerst kontraproduktiv, ist sich Witzeling sicher. „Betrachtet man die westliche Berichterstattung, fällt einem sofort auf, dass das Urteil schnell gefällt wurde. Russland in der Inkarnation von Wladimir Putin sei der Aggressor, der ohne Grund mit fadenscheinigen Argumenten in die Ukraine einmarschiert sei. Eine ähnlich schnelle Analyse westlicher Medien wäre ebenso im Zusammenhang mit den Militärinterventionen der USA im Irak, in dem es um angebliche Massenvernichtungswaffen ging, sowie im Afghanistan-Krieg im Zeichen des Krieges gegen den Terror und anderen Beispielen, die eine Destabilisierung in den Regionen zur Folge hatte, löblich gewesen.“
„Eine Position von außen - egal für welche Seite - einzunehmen, ist, wenn man Mediator sein will und zu einer Deeskalation beitragen möchte, wenig intelligent“, fährt der Psychologe fort. „Soziale Intelligenz ist frei definiert die Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen und klug im Umgang mit anderen Menschen zu handeln. Sie beinhaltet somit einen mentalen und einen verhaltensbezogenen Aspekt. Der Aufbau von Feindbildern ist in diesem Zusammenhang mehr als strategisch nachteilig.“

Fallstudie Emmanuel Macron

Bis jetzt habe der französische Präsident Emmanuel Macron intensiv den Dialog mit Wladimir Putin gesucht, mit dem höheren Ziel, die Einstellung der Feindseligkeiten zu erreichen, urteilt der Sozialforscher. „Selbst wenn diese Strategie noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat, ist der Weg des Dialogs fortzuführen. Putin ist in seinem Selbstbild kein negativer Mensch, der anderen schaden will. Um die international angespannte Lage zu beruhigen, wird es darum gehen, die Dimensionen Selbstbild, Fremdbild und Wunschbild zwischen Ost und West mehr in Richtung Konvergenz zu bringen.“
Es sei ein schwieriger Prozess, aber nicht unmöglich, fügt Witzeling zu. „Ziel ist es, dass am Ende die Intelligenz und nicht die Aggression siegt. In der Konsequenz fährt dann der internationale Friedenszug nicht, wie vom deutschen Schlagersänger Christian Anders besungen, nach Nirgendwo. Deshalb werden Krieg und Frieden nicht nur am Schlachtfeld, sondern darüber hinaus durch soziale Intelligenz entschieden“, schlußfolgert der Wiener Sozialforscher.
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