Russische Olympioniken zurückgekommen: 6-mal Gold, 12-mal Silber und 14-mal Bronze — Freud und Leid

© SNA / Pawel Bednjakow / Zur BilddatenbankAlexander Bolschunow gewinnt Gold im Skiathlon
Alexander Bolschunow gewinnt Gold im Skiathlon  - SNA, 1920, 26.02.2022
Die Mannschaft des Russischen Olympischen Komitees hat mit 32 Podestplätzen einen Medaillenrekord seit ihrer Teilnahme an Winterspielen in Peking aufgestellt. Vier Goldmedaillen haben die Skiläufer geerntet, weitere zwei sind im Eiskunstlauf errungen worden. Bei der erfolgsten Olympia 2014 in Sotschi waren es insgesamt 30 gewesen.
Alexander Bolschunow hat elegant und mit einem kolossalen Vorsprung den Titel des besten Skiläufers der Olympischen Spiele errungen, indem er ein komplettes Medaillenspektrum erntete (dreimal Gold: bei Skiathlon, Marathon und Staffellauf, einmal Silber bei 15 km klassisch Individualstart sowie einmal Bronze bei Teamsprint gemeinsam mit Alexander Terentjew). Nach seinem luxuriösen Sieg beim Massenstart sind selbst seiner norwegischen Konkurrenz die Zweifel an seiner Überlegenheit vergangen. Der große Petter Northug erging sich in Lobreden auf Bolschunow: „Er ist so stark. Während wir wissen, wie gut unser Simen Krüger ist, lässt ihn Bolschunow ohne Weiteres zurück! Ein Skikönig, wie man in Russland genannt wird, wenn man über 50 km gewonnen hat. Hut ab!“
Russlands Ski-Sieg über Norwegen, das übrigens in Peking 16-mal Gold gewonnen und somit den 1. Platz belegt hat, wurde zum angenehmen Moment dieser Olympischen Spiele. Der Zieleinlauf der Staffel mit der ROC-Fahne wird sich in Russland für immer einprägen. Der Olympiasieger Bolschunow verbeugte sich vor den Zuschauern und küsste den Schnee dreimal, wie es in Russland Brauch ist. Außerdem wartete er, wie es sich für den wahren König gehört, seine Rivalen ab, die unter den Letzten einliefen, und dankte der Olympiapiste, die von allen Sportlern wegen der fürchterlichen Gleiteigenschaften verwünscht wurde. Sicher hat Bolschunow das Interesse am Skilanglauf in Russland auf einen höheren Stand gebracht, nun wird man dem Niveau gerecht werden müssen, was nicht leicht ist.
Aber auch die Hauptfigur des russischen Skisports, Jelena Välbe, Präsidentin des Langlauf-Verbandes, wurde nicht müde, alle in Staunen zu versetzen. Im Vorfeld des Herren-Staffellaufs haben zumindest fünf Spitzensportler die vier Stellen in der russischen Mannschaft für sich beansprucht. Die endgültige Entscheidung lag bei ihr. Die Kandidatur des Spurtläufers war die meistdiskutierte und unklarste. Välbe wählte den meistbetitelten Langläufer Sergej Ustjugow, der unter einem erfundenen Vorwand, ohne jeglichen Nachweis, ohne eine positive Probe, nach dem Grundsatz der kollektiven Verantwortung Russlands von den vorigen Spielen ausgeschlossen worden war.
Nun hat Russland mit ihm erstmals seit 42 Jahren bei der olympischen Staffel Gold gewonnen! „Wir waren uns dessen durchaus bewusst, dass er bei anderen Rennen keine Medaillenchancen gehabt hätte. Er war es aber wert. Bei ihm musste man die Gerechtigkeit walten lassen. Ustjugow hat das Rennen einfach großartig absolviert“, schlussfolgerte Välbe. Wenn die Olympischen Spiele in Italien kommen, wird er 33 Jahre alt sein. Deswegen konnte sie nicht umhin, ihm diese Chance in Peking zu bieten, obwohl das persönliche Verhältnis der beiden belastet ist. Ustjugow gestand: „Ich hatte es sehr schwer gehabt im letzten Monat, wegen Covid und Verletzungen. Der Körper versagte. Der Skisport hing mir schon zum Halse heraus. Aber ich lebte für dieses Olympia und träumte von einer Medaille.“
Weltcup-Spitzenreiterin Natalia Neprjajewa gewinnt Silber im Skiathlon-Rennen bei den Olympischen Spielen in Peking - SNA, 1920, 05.02.2022
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Doping vs. russische Fahne

Die russische Skilangläuferin Weronika Stepanowa kommentierte dreist die Aussagen in norwegischen Medien, die russischen Sportler hätten von den Spielen in Peking allesamt wegbleiben sollen. „Wir haben alle das Recht, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, genau wie die norwegischen Sportler. Bei dem nächsten Olympia möchte ich unter der russischen Fahne antreten und hoffe, die russische Hymne hören zu können.“
Auch Bolschunow erwiderte dem amerikanischen Journalisten, der meinte, einige seine Leser würden sich fragen im Hinblick auf den Hintergrund des russischen Teams, ob seine Leistung in Peking sauber war: „Olympiasieger wird man nicht von ungefähr. In den letzten Jahren beweise ich mein Können bei jedem Rennen, kämpfe mich durch. Was das Doping angeht, wird mir bei diesem Wort wirklich übel. Für meine Begriffe ist es mit dem Sport unvereinbar. Hier (in Peking) befinden sich saubere Sportler aus Russland, die mehr als andere getestet werden. Möchten Sie miterleben, wie wir trainieren, dann sollen Sie kommen und es sehen, das ist tatsächlich harte Arbeit. Nachdem Sie es gesehen haben, fallen Ihnen solche Fragen nicht mehr ein.“

Athleten zeigten den Politikern ein gutes Beispiel

Der IOC-Präsident Thomas Bach bezeichnete als sehr symbolhaft die Episode, bei der die Ski-Freestyler Abramenko aus der Ukraine und Burow aus Russland einander zu ihren Olympiamedaillen in Peking gratulierten. Während der Schlussfeier griff Bach das Thema wieder auf: „Sie haben nicht einfach einander respektiert. Sie haben einander unterstützt, sich umarmt, ungeachtet der Konflikte zwischen Ihren Ländern. Sie haben alle Grenzen überwunden, indem Sie gezeigt haben, dass in der olympischen Gemeinschaft die allgemeine Gleichheit herrscht“.
Der US-Amerikaner Vic Wild, der den Einzug in die US-Nationalmannschaft wegen der hohen Konkurrenz verpasst hat, besitzt inzwischen die meisten Titel im russischen Snowboard-Team. Dem Helden von Sotschi 2014, der in Russland und in seine Ehefrau, die Snowboarderin Aljona Sawarsina verliebt war und nach der Heiratet einen russischen Pass mit dem russischen Namen Wiktor bekam, ging es in der letzten Zeit nicht sehr gut. Seine 10 Jahre alte Ehe scheiterte, es stellten sich Gesundheitsprobleme ein, die großangelegten Sanktionen gegen Russland erschwerten ihm die Zulassung zu internationalen Turnieren. Die sportlichen Leistungen des zweifachen Olympiasiegers ließen so stark nach, dass er an das Ende seiner Karriere dachte. Dennoch kam er nach Peking, erkämpfte die sehr unerwartete, aber auch sehr verdiente Bronze und gab den Abschluss seiner Karriere bekannt. Allerdings will er Russland nicht verlassen, sondern hier Geschäfte machen.

Drama der 15-jährigen Eiskunstläuferin Kamila Walijewa

Betrübt war man in Russland über die Folgen der nicht nachgewiesenen Beschuldigungen, denen die Hauptanwärterin auf das Olympiagold im individuellen Wettkampf, die 15-jährige Eiskunstläuferin Kamila Walijewa ausgesetzt wurde. Das zur Vorbeugung von Stenokardie-Anfällen bestimmte Arzneimittel Trimetazidin, dessen Spuren in ihrer Dopingprobe entdeckt worden war, kann die sportliche Leistung nicht verbessern. Das wurde sogar von "The Guardian" mitgeteilt, die sich auf mehrere Quellen berief. Dennoch büßten dadurch alle Gewinner der Mannschaftswertung im Eiskunstlauf ihre Medaillen ein. Das russische Team führte die Mannschaftstabelle an, das US-Team hat sich den 2. und Japan den 3. Platz gesichert. Obwohl zur weiteren Teilnahme zugelassen, blieb Walijewa in der Schwebe, was auf ihr schwer lastete.
Die haltlosen Anklagen der Sportfunktionäre und der Presse beeinträchtigten natürlich ihren psychologischen Zustand und ihre Körperverfassung. Sie leistete sich eine Reihe von Fehlern und Stürzen und sah sich auf dem schmerzlichsten vierten Platz. Mit Tränen ringend, sagte sie zu ihrer Trainerin Etheri Tutberidse: „Nun wird wenigstens die Preisverleihungszeremonie jetzt meinetwegen nicht ausbleiben.“ Kurz und gut, es war ein Drama, sportlich und menschlich.
„Man hat sie einfach kaputtgemacht!“ — rief in diesem Augenblick die Eiskunstläuferin Irina Sluzkaja aus, die den Wettkampf für das russische Fernsehen kommentierte. Die Trainerin Tutberidse meinte ihrerseits: „Kamila Walijewa ist eine sehr zarte und zugleich sehr starke Sportlerin. Aber diejenigen, die ihr noch gestern zugelächelt haben, sind heute gleich Schakalen über sie hergefallen, wobei sie allerlei Inquisitionsverfahren vorschlagen. Sie schöpft Kraft in ihrem Inneren, weil sie weiß, dass sie rein ist. Auf ihr lastet keine Schuld. Auf Eis ist sie kaum zu besiegen. Sie ist die Galionsfigur unserer Mannschaft, darum ist sie auch zur Zielscheibe gewählt worden. Kein Doping kann einen Sportler Quads springen lernen noch ihm Plastizität verleihen und ihn dazu befähigen, Musik auszudrücken. Ich hoffe, dass es uns gelingt, diese gekonnt geplante Aktion genauso gekonnt zu untersuchen und ein gerechtes Urteil zu fällen.“ So viele russische Sportler sind nämlich zunächst disqualifiziert und dann freigesprochen worden, aber erst nachdem der einschlägige Wettkampf zu Ende war.
Zwei andere russische Eiskunstläuferinnen, Anna Schtscherbakowa und Alexandra Trussowa, konnten sich über Gold und Silber freuen. Dabei hat Trussowa in ihrer Kür erstmals in der Geschichte des internationalen Eiskunstlaufs fünf Vierfachsprünge gestanden.
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