Wie Russlands Donbass-Einsatz vor Ort wahrgenommen wird

© SNA / Sergej Awerin / Zur BilddatenbankEin Stück Munition, die bei Beschüssen von Ortschaften in der Donbass-Region verwendet wurde
Ein Stück Munition, die bei Beschüssen von Ortschaften in der Donbass-Region verwendet wurde - SNA, 1920, 25.02.2022
Die Sonderoperation in Donezk begann mit donnerndem Artilleriefeuer am nördlichen und westlichen Stadtrand. Laut Augenzeugen hat es schon lange kein so intensives Feuer gegeben. Die Zusammenstöße zwischen den Armeen der Volksrepubliken und den ukrainischen Streitkräften verlaufen entlang der gesamten Kontaktlinie.
Zur Lage in dieser Reportage von RIA Novosti.
Die Einwohner von Donezk verheimlichen nicht ihre Freude – hier wartete man seit langem auf Hilfe aus Russland.

Bis an die Grenzen vorrücken

Die Straßen sind leer. Die Männer zogen in den Kampf, fast alle Frauen wurden nach Russland evakuiert. An den Türen vieler Läden steht „Geschlossen“. Doch Donezk lebt. Auf den Straßen fahren PKWs mit Sirenen und der Flagge Russlands und der Volksrepublik Donezk. Autofahrer markieren ihre Wagen mit dem weißen Buchstaben „Z“. Solche taktischen Zeichen stehen auf der russischen Kampftechnik, die in der Sonderoperation eingesetzt wird.
Bei den wenigen Passanten in den Straßen erinnert man sich an die Krim-Bewohner 2014 – sie sehen schockiert, aber glücklich aus. Wie auch in den damaligen historischen Tagen ist die Stimmung optimistisch: „Russland ist endlich zu Hilfe gekommen“.
„Mich rief meine Schwester aus Awdejewka an (bislang unter Kontrolle der ukrainischen Armee – Anm.d.Red.), sie fragte, wann sie befreit werden“, sagt Nikolaj aus Donezk. „Ich sagte, dass jetzt alles gut wird. Bis zu den Grenzen der Gebiete Lugansk und Donezk muss vorgerückt werden. Dort sind unsere Leute, sie warten mit Ungeduld, um sich mit uns wiederzuvereinigen. Sie können sich nicht vorstellen, wie wir diese acht Jahre lang unterdrückt wurden. Und es geht nicht nur um den Beschuss.“
Angeblich würden sich ukrainische Soldaten nicht immer gut zu den dortigen Zivilisten verhalten. „Meine Schwester erzählte, dass Soldaten in ein Nachbarhaus eingedrungen waren und das Essen wegnahmen.“

Totenstille auf den Straßen

Während die Stadtmitte von Donezk noch etwas belebt ist, wirken die Randgebiete nahezu wie ausgestorben. Die in der Nähe des Flughafens gelegene Stratonauten-Straße ist absolut leer. Es gibt hier fast keine intakten Häuser mehr – 2014 und 2015 ereigneten sich hier erbitterte Kämpfe um den Flughafen, pausenlos wurde geschossen. In der Nähe befindet sich das damals bekannte neungeschossige Gebäude, von dessen oberen Stockwerken Kommandeure der Aufständischen das Artilleriefeuer lenkten. Jetzt ist es hier still. Ein älterer Mann taucht plötzlich auf und versucht, den mit Splittern beschädigten Zaun zu reparieren.
„Ich wohne in dieser Straße seit 1980“, sagt der 70-jährige Wladimir Demtschenko. „Aber die letzten acht Jahre waren kaum einem Leben ähnlich. Als um den Flughafen gekämpft wurde, wurden wir mehrmals am Tag beschossen. Ich hatte Glück, es wurden nur Fenster zerbrochen. Beim Nachbarn wurde das Haus bis zum Fundament zerstört. Gott sei Dank gab es drinnen niemanden. Zu Russland habe ich nur gute Gefühle, obwohl ich ein echter Ukrainer bin.“
Der Rentner macht eine Pause. Ihm steigen Tränen in die Augen. Die ukrainischen Streitkräfte beschossen ihm zufolge absichtlich den Friedhof. Das Denkmal am Grab seiner Frau wurde mit Splittern beschädigt. „Wie kann man gegen Tote kämpfen?“ Auf dem Friedhof soll es keine Stellungen der Aufständischen gegeben haben.
Passagierflugzeug - SNA, 1920, 25.02.2022
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Acht Jahre im Keller

Auch der Landkreis Petrowski im Norden von Donezk wurde stark getroffen. Gewehrsalven sind zu hören. Nur 1,5 Kilometer entfernt – intensive Gefechte. Journalisten werden nur mit Erlaubnis der Militärs reingelassen. Eine Patrouille aus drei stark bewaffneten Kämpfern verbietet den Zugang zur Front. Doch einer von ihnen, Major der Volksmiliz der Volksrepublik Donezk, Dschawad Iskenderow, Stabschef des 107. Bataillons, willigt in ein kurzes Gespräch ein. Er kämpft seit 2014.
Jetzt werde eine ganz andere „Musik” gespielt, sagt er. „Wir haben verstanden, dass wir nicht allein sind, hinter uns ist ein riesengroßes Land mit der besten Armee weltweit. Wir halten hier seit acht Jahren die Stellung für Russland, für die russische Welt. (…) Wir werden die verlorenen Gebiete zurückerkämpfen, und die Menschen werden sich endlich mit den Verwandten auf der anderen Seite wiedervereinigen. Ich freue mich sehr, dass die Minsker Abkommen annulliert wurden. Dieser sogenannte Waffenstillstand war schlimmer als aktive Kampfhandlungen. Die Nazis beschossen die Städte aus Waffen jeden Kalibers, und uns wurde verboten, darauf zu reagieren. Sprechen Sie mit älteren Frauen, die seit acht Jahren in den Kellern sitzen, wie es für sie in ihrem hohen Alter ist, solche Prüfungen zu ertragen.“
Der Eingang in einen Bunker befindet sich nahe dem Verwaltungsgebäude eines Förderschachts. Ein Verschlag mit Tür, dahinter eine lange Treppe in den Keller. Unten gibt es ziemlich viel Platz, es gibt Licht, Heizung. Zwei Rentnerinnen sitzen auf einem Bett und spielen mit einer Katze. Katzen sorgen dafür, dass die Lebensmittelvorräte nicht von den Mäusen gefressen werden.
„Hier ist es ein bisschen dunkel, wir haben uns daran gewöhnt“, sagt Wera Aleksejewna. „Die Behörden helfen uns, installierten hier eine Dusche, einen Boiler. Ich habe auch nichts, wohin ich zurückkehren kann – das Haus ist vollständig zerstört. Ich hoffe sehr, dass die Regierung mir und solchen Menschen wie ich es bin mit einer Wohnung helfen wird. Und der Krieg wird früher oder später enden. Ich mache mir Sorgen um meinen Enkel Mischa. Er dient in der Volksmiliz und kämpft jetzt bei Wolnowacha. Er rief heute an, sagte, dass man vorrückt.“
Nach einer Pause stelle ich die wichtigste Frage an die Frauen: Ist es fair, dass in die Keller nun vielleicht Menschen von der anderen Seite gehen müssen? Die Rentnerinnen, die den ganzen Krieg im Bunker erlebten, sagten fast unisono – einfache Ukrainer seien keine Feinde. Aber sie hoffen sehr, dass jene, die ihre Häuser seit vielen Jahren beschossen haben, ihre verdiente Strafe bekommen.
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