Löhne in Europa: Deutsche nicht an der Spitze und siebenfache Unterschiede

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Lohn (Symbolbild) - SNA, 1920, 24.02.2022
Die Bundesregierung hat die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf den Weg gebracht. Wie sieht aktuell die Lage mit Löhnen in Europa aus? Wo wird es am meisten und am wenigsten verdient? Wir präsentieren Ihnen die aktuellen Zahlen zum Thema und verraten bereits: Deutschland liegt nicht an der Spitze der Liste.
Das Bundeskabinett hat am Mittwoch die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns zum 1. Oktober auf zwölf Euro und höhere Verdienstgrenzen für Minijobs auf den Weg gebracht.
„Viele Bürgerinnen und Bürger unseres Landes arbeiten viel, aber verdienen wenig – das muss sich ändern“, schrieb Bundeskanzler Olaf Scholz in seinem Instagram-Account am späten Mittwochabend und erklärte, er freue sich deshalb sehr, dass das Kabinett die Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro auf den Weg gebracht habe. Es sei für ihn eines der wichtigsten Gesetze und der ganz konkrete Ausdruck einer Politik des Respekts.
Die Agentur Reuters teilte unter Berufung auf den ihr vorliegenden Gesetzentwurf mit, dass nun etwa 6,2 Millionen Beschäftigte durch den höheren Mindestlohn mit einer Gehaltserhöhung rechnen können. Auf die Arbeitgeber kommen demnach Mehrkosten von etwa 5,6 Milliarden Euro pro Jahr zu, für die Sozialabgaben anfallen. Für die Sozialversicherungen werde daher mit Mehreinnahmen von 2,2 Milliarden Euro gerechnet.
Derzeit beträgt seit dem 1. Januar der gesetzliche Mindestlohn noch 9,82 Euro pro Stunde, der am 1. Juli auf 10,45 Euro steigen soll, geht aus der Dritten Verordnung zur Anpassung der Höhe des Mindestlohns hervor.
Laut dem Statistischen Bundesamt entspricht dies jetzt bei einer Vollzeitstelle rechnerisch einer Lohnuntergrenze von 1621 Euro brutto pro Monat.
Zurzeit gilt insgesamt in 21 der 27 EU-Staaten ein gesetzlicher Mindestlohn, so die EU-Statistikbehörde Eurostat.
Die Unterschiede sind durchaus hoch: von 2257 bis 332 Euro, nämlich um fast das Siebenfache.
In sechs EU-Ländern werden Mindestlöhne in Höhe von 1600 Euro und mehr gezahlt. An der Spitze dieser Skala befindet sich Luxemburg mit seinen über 2200 Euro:
Luxemburg (2257 Euro)
Irland (1775 Euro)
den Niederlanden (1725 Euro)
Belgien (1658 Euro)
Deutschland (1621 Euro)
Frankreich (1603 Euro)
In der Gruppe mit dem Mindestlohn von 700 bis unter 1200 Euro befinden sich meist die südeuropäischen Länder:
Spanien (1126 Euro)
Slowenien (1074 Euro)
Portugal (823 Euro)
Malta (792 Euro)
Griechenland (774 Euro)
Litauen (730 Euro)
Die noch niedrigeren Mindestlöhne in Höhe von 600 bis unter 700 Euro sind folgende EU-Länder zu verzeichnen:
Polen (655 Euro)
Estland (654 Euro)
Tschechien (652 Euro)
Slowakei (646 Euro)
Kroatien (624 Euro)
Am unteren Ende der Skala liegen mit ihren Mindestlöhnen von weniger als 600 Euro brutto im Monat vier EU-Länder, von denen der niedrigste Wert in Bulgarien registriert ist:
Ungarn (542 Euro)
Rumänien (515 Euro)
Lettland (500 Euro)
Bulgarien (332 Euro)

Kein Mindestlohn

Sechs EU-Länder haben keinen gesetzlich festgelegten Mindestlohn. Dies sind:
Dänemark
Finnland
Italien
Österreich
Schweden
Zypern

Folgen der Mindestlohn-Erhöhung

Die kräftige Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro wird laut Dominik Groll, einem Arbeitsmarktexperten am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) voraussichtlich größere Folgen haben als seine Einführung 2015.
„Bei einem so hohen Mindestlohn steigt die Gefahr, dass es zum Abbau von Beschäftigung in den betroffenen Lohnbereichen kommt. Das gilt selbst dort, wo Arbeitgeber relativ großen Lohnsetzungsspielraum haben, also Arbeitnehmern gegenüber Marktmacht besitzen“, zitiert das IfW-Institut Groll am Mittwoch.
Gleichzeitig werde der höhere Mindestlohn kaum zum Abbau von Armut oder sozialer Ungleichheit führen. „Ein Mindestlohn kann den weitaus größten Teil der von Armut gefährdeten Personen nicht erreichen, das sind vor allem Rentner, Selbstständige, Arbeitslose oder Teilzeitbeschäftigte. Und nur ein relativ kleiner Teil der Niedriglohnbezieher lebt in Haushalten nahe der Armutsgrenze, deutlich mehr dagegen in Haushalten mit mittleren oder hohen Einkommen“, so Groll weiter.
So hat die Einführung des Mindestlohns 2015 die Stundenlöhne zwar erhöht, die Zahl der Arbeitsstunden aber sinken lassen, erklären Experte unter Verweis auf die entsprechenden wissenschaftlichen Studien. Die Monatslöhne blieben demnach unverändert. Auch deswegen blieb die Wirkung gegen Armut beziehungsweise Einkommensungleichheit aus.
„Das Versprechen eines deutlich höheren Mindestlohns klingt verlockend, arbeits- und sozialpolitisch dürfte die Steigerung aber ihre versprochene Wirkung verfehlen“, erläutert Groll.

Mindestlohn in Deutschland

Einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn gibt es hierzulande seit dem 1. Januar 2015 einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Bei dessen Einführung lag er bei 8,50 Euro brutto pro Stunde. Noch damals fanden ihn die meisten Deutschen (77 Prozent) ungeachtet deren Höhe als gut, geht aus der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Yougov", die im Sommer 2016 veröffentlich worden ist. Fast jeder Zehnte (elf Prozent) bezeichnete ihn als weder gut noch schlecht. Zehn Prozent gaben an, er sei schlecht. Und ein Prozent machte keine Angabe oder wusste nicht, was zu antworten.
ein Einkaufswagen - SNA, 1920, 16.02.2022
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Der gesetzliche Mindestlohn gilt in Deutschland als unterste Lohngrenzefür nahezu alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Ausgenommen sind nur wenige Personengruppen wie Auszubildende, Langzeitarbeitslose oder teilweise Praktikantinnen und Praktikanten, so das Statistische Bundesamt. Über mehrere Stufen (am 1. Januar 2017 auf 8,84 Euro, am 1. Januar 2019 auf 9,19 Euro, am 1. Januar 2020 auf 9,35 Euro, am 1. Januar 2021 auf 9,50 Euro und am 1. Juli 2021 auf 9,60 Euro) stieg der Mindestlohn zum 1. Januar 2022 nun auf 9,82 Euro.
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