„Kosten für Abschreckung tragen“: Wagenknecht gegen „Transatlantiker“ bei „Anne Will“

© AP Photo / Fritz ReissDie linke Politikerin Sahra Wagenknecht
Die linke Politikerin Sahra Wagenknecht - SNA, 1920, 21.02.2022
Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht scheint für ARD- und ZDF-Talks langsam unentbehrlich zu werden. Ob es um die Impfpflicht geht oder um die Ukraine-Krise – ihre Meinung ist stets gefragt. So war es auch am Sonntagabend bei „Anne Will“, wo sie Russlands Standpunkt gegen zahlenmäßig überlegene Opponenten wacker verteidigt hat.
„Russland hat faktisch kein Interesse daran, in die Ukraine einzumarschieren. Es geht ihnen darum, Sicherheitsgarantien zu bekommen“, erläuterte Wagenknecht in der Talkrunde am Sonntag. „Vielleicht sollte man einfach mal ernst nehmen, dass auch Russland Sicherheitsinteressen hat.“ Selbst ein flüchtiger Blick auf die Landkarte würde genügen, um Moskaus Sicherheitsbesorgnis zu begreifen, fügte die Linken-Ikone hinzu. Dies sei auch der Kern der jetzigen gefährlichen Zuspitzung.
CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen scheint diesen Kern zu begreifen. „Putin meint es ernst damit, dass er das politische Ergebnis des Kalten Krieges nicht akzeptiert, er findet sich damit nicht ab“, stellte er bei „Anne Will“ fest. Im Unterschied zum Kreml erscheinen ihm aber dieses politische Ergebnis und die entstandene Konstellation „ok“. Sinngemäß: Russland müsse sich mit der Rolle des Verlierers in diesem Krieg abfinden, zufriedengeben und nicht meckern.
Ex-Innenminister Gerhart Baum (Archivbild) - SNA, 1920, 10.02.2022
Zwang zur Solidarität? – Wagenknecht und Baum streiten im ARD über Impfpflicht und Putin
Diesen Standpunkt verteidigt auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Wir wollen, dass die europäische Friedensordnung respektiert wird“, erklärte sie in einem Interview, das sie Anne Will im Vorfeld der Talkshow gegeben hatte. Die Tatsache, dass Russlands Führung diese Ordnung eben nicht als eine Friedensordnung akzeptieren will, stört sie nicht. Im Falle einer „Aggression“ würden Russland „massive Konsequenzen“ drohen und die Schwachstelle – Russlands Wirtschaft – schmerzhaft treffen: „Wir haben in dieser Zeit systematisch daran gearbeitet, ein großes Sanktionspaket zusammenzustellen“, sagte von der Leyen und fügte hinzu: „Wir antworten mit dem mächtigsten Hebel, den wir haben.“
Auch der zugeschaltete SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil meinte, Russland sollte stillhalten: „Ich sehe überhaupt nicht, von wem Russland aktuell bedroht sein soll.

Wer sind die Profiteure? Wer trägt die Kosten?

Wagenknecht, die in der Talkrunde hoffnungslos alleinstehende „Russland-Versteherin“, verwies darauf, dass die US-Amerikaner und nicht die Russen dauernd von einem schier unvermeidlichen russischen „Einmarsch“ in die Ukraine reden würden:

„Ich finde die Aggressivität, mit der vor allem von amerikanischer Seite ein russischer Einmarsch geradezu herbeigeredet wird, bemerkenswert“, so die Linken-Bundestagsabgeordnete. „Man hat das Gefühl, hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens.“

Ihre Erklärung dafür: Es seien die Amerikaner, die von einer solchen Entwicklung vor allem profitieren würden. „Natürlich würden die Sanktionen Russland erheblich schaden, sie würden aber auch vor allem Deutschland und Europa massiv schaden“, stellte sie fest. Die USA dagegen „gewinnen geopolitisch und wirtschaftlich dabei, und deswegen sind wir einfach dumm, uns darauf einzulassen.“
Andrej Melnyk (Archivbild) - SNA, 1920, 21.02.2022
Verweigerte Waffenlieferungen: Ukrainischer Botschafter warnt Berlin vor „Verrat“
Zumindest in dem Punkt, dass die Europäer und wohl vor allem die Deutschen für die Durchsetzung der US-amerikanischen Interessen würden zahlen müssen, stimmten Wagenknechts Opponenten zu. Paradoxerweise fanden sie aber diesen Umstand nahezu erfreulich. Die Publizistin Constanze Stelzenmüller formulierte diese Einstellung auf eine ziemlich masochistische Art:

„Abschreckung funktioniert dann am besten, wenn wir etwas tun, wofür wir bereit sind auch Kosten zu tragen.“

Da rutschte der Expertin noch ein Satz raus, der viel darüber verrät, wie sich die europäischen „Transatlantiker“ im Verhältnis zu den USA positionieren:

„Dies ist der erste Konflikt, in dem Europa auf Augenhöhe von den Amerikanern behandelt wird. Ich habe das noch nicht so erlebt.“

Sprich: Bisher wurde Europa von den Amerikanern als Vasall behandelt, was Europa offenbar auch „ok“ fand.
Quasi nebenbei wurde auch gemerkt, dass sich die Solidarität der Europäer mit der Ukraine in Grenzen hält. „Wir werden nicht Krieg um die Ukraine mit Russland führen“, versicherte Röttgen. „Und das ist auch der Unterschied zwischen einem Nato-Mitglied und einem Nicht-Nato-Mitglied.“ Dem ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenski „muss man sagen, dass man, wenn es einen entschlossenen Aggressor gibt, den Frieden nicht garantieren kann. Das können wir nicht“, fügte der Außenpolitiker hinzu. Die Zuschauer konnten insofern halbwegs beruhigt zu Bett gehen.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала