Schelmisches Frühlingserwachen in der Infektionslotterie

© AP Photo / Vadim GhirdaMenschen sitzen in einem Café in Wien (Archivbild)
Menschen sitzen in einem Café in Wien (Archivbild) - SNA, 1920, 19.02.2022
Was haben die Österreicher im Laufe der Pandemie nicht schon alles mitmachen müssen?!
Das Virus allein ist Herausforderung genug, aber mit einer Regierung, die von einer falschen Prophezeiung zur nächsten dahindümpelt und dazu noch Personalrochaden auf höchster politischer Ebene vollzieht, wird es nicht leichter.
Das neueste Gustostückerl* auf der Klaviatur der Konfusion ist die unter dem klingenden Namen „Frühlingserwachen“ firmierende Kombination aus Impfpflicht und Lockerungen.
2G-Regel (Symbolbild) - SNA, 1920, 16.02.2022
Schweiz und Österreich verkünden Ende fast aller Corona-Maßnahmen

Flexibel wie das Virus

Freitag, 19. November 2021: nach intensiven Verhandlungen und einer Entschuldigung seitens des Gesundheitsministers Mückstein ("Leider sind auch wir als Bundesregierung unseren Ansprüchen hinterhergeblieben") verkündete der gerade amtierende Bundeskanzler Schallenberg die Einführung einer Covid-Impfpflicht, die ab Februar 2022 gelten werde.
So weit, so gut und in der angespannten Situation mit Delta und geringer Impfquote vielleicht nachvollziehbar.
Die Impfpflicht wurde dann auch tatsächlich am 20. Jänner vom Nationalrat beschlossen und passierte den notwendigen Bundesrat am 4. Februar. Dazwischen konnte die neue, Corona-(Maßnahmen)-kritische Partei MFG (Menschen, Freiheit, Grundrechte) ausgerechnet in der Heimatgemeinde von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) ganze 17,10 Prozent der gültigen Stimmen ergattern.
Einstweilen ist die Impfpflicht zwar formal installiert, aber mehr oder weniger völlig egal, da mögliche Strafen erst ab 15. März exekutiert werden sollen. Vielleicht! Vielleicht aber auch nicht! Denn: „Das Impfpflichtgesetz ist ein Werkzeugkasten und ist genauso flexibel, wie das Virus“ ließ uns Bundeskanzler Karli Nehammer wissen.
Impfung gegen Covid-19 - SNA, 1920, 13.02.2022
Österreich
Aussetzen der Corona-Impfpflicht in Österreich nicht ausgeschlossen

Frühlingserwachen

Nach dem „Licht am Ende des Tunnels“ von Sebastian Kurz, das dieser bereits im August 2020 ausmachte, lautet das neue Schlagwort „Frühlingserwachen“.
Ab 5. März ist faktisch dann eh schon alles wurscht. Da gibt es dann keine einzige der 3G-Regeln (genesen, geimpft und/oder getestet) mehr, nur in den öffentlichen Verkehrsmitteln und anderer kritischer Infrastruktur bleibt die Pflicht zum Anlegen der FFP2-Maske. Sperrstunde gibt’s dann keine mehr und auch Veranstaltungen werden ohne Einschränkungen möglich sein.
Ob die Impfpflicht wirklich ab 15. März exekutiert wird, steht nicht (nur) in den Sternen, sondern auf dem von der neuen Kommission zur Impfpflicht zu erstellenden Vorschlag. Trotz größten Engagements wurde übrigens mein Ansinnen, das Akronym KIFF (Kommission zur ImpFpFlicht) für dieses neue Beratungsorgan zu verwenden, nicht in Erwägung gezogen! Ich finde, Sie als treuer Leser sollten das wissen!

Einmal Kommission, immer Kommission

Am 17. Februar wurde endlich bekannt, wer nun in dieser neuen leider-nicht-KIFF sitzen wird. Die Namen sind aus der GECKO-Kommission bzw. der Bioethik-Kommission geläufig. Wichtig ist freilich zu betonen, dass die Kommission „ehrenamtlich“arbeite. Eine dramaturgisch pipifeine Umschreibung für „unbezahlt“.
Auch wenn die leider-nicht-KIFF hier noch nicht berücksichtigt ist, so ist es doch interessant, welche Experten in den vielen Gremien und Kommissionen ihr (Ehren)Amt versehen.

Wien ist anders

Warum genau die Regierung die leider-nicht-KIFF braucht, warum die Agenden nicht bei GECKO angesiedelt sind und ob sich das flexible Virus dank des Frühlingserwachens bereits die Spikeproteine reibt, wissen wir noch nicht. Zumindest hat der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker haarscharf und korrekt bemerkt, dass die abgesetzte „Impflotterie“ nun durch eine „Infektionslotterie“ersetzt wurde. Der über die Jahrzehnte beliebte Slogan der Stadt „Wien ist anders“ kommt auch in der Pandemie zum Tragen, denn in der Bundeshauptstadt gilt beispielsweise weiterhin in der Gastronomie 2G, also Zutritt nur für Genesene oder vollständig Geimpfte.
Als Schelm könnte man natürlich annehmen, die zeitliche Nähe der neuen Lockerungen (5. März) zum Start des parlamentarischen ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschusses (2 .März) wäre kein Zufall und wegen des freudigen Frohlockens ob der anstehenden Parties wird sich das Interesse beim schnöden Wahlvolk für potentielle Korruption in engen Grenzen halten.
Ich bin übrigens gerne ein Schelm. Sie auch?
Anmerkung:
* österreichisch für leckeres Essen
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала