Realer Politkrimi: „Schmutziges Geld“, britische Banken und die Krise in Kasachstan

© AP Photo / Vladimir TretyakovUnruhen in Almaty, Kasachstan
Unruhen in Almaty, Kasachstan - SNA, 1920, 19.02.2022
„Kleptopia: Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern“. Dieser Buchtitel lässt aufhorchen. Im SNA-Interview spricht der britische Autor und Journalist Tom Burgis über weltweite Korruption und Geschäfte zwischen kasachischen Machtcliquen und britischen Banken sowie über die Krise in Kasachstan.
Schon die Recherchen zum Buch „Kleptopia“ begannen für den britischen Autor Tom Burgis wie in einer Szene aus einem Krimi oder Polit-Thriller. Das berichtete er im Interview mit SNA News.
Er hatte 2015 eine Veranstaltung über Korruption in einem Kriegskorrespondentenclub in der Nähe der Paddington Station in London organisiert, erklärte der Autor. „Gegen Ende hob ein kahlköpfiger Mann mit Brille im Hintergrund die Hand. Er stellte eine Frage über schmutziges Geld, weil er früher in der britischen Niederlassung einer Schweizer Bank gearbeitet habe. Sein Name war Nigel Wilkins. Ich wusste es damals nicht, aber das war der Anfang von ‚Kleptopia‘.“
Burgis arbeitet als investigativer Journalist für die renommierte britische Tageszeitung „Financial Times“, hat laut seinem Verlag in mehr als 40 Ländern recherchiert und „wichtige Journalistenpreise in den USA und Asien gewonnen“. Bereits sein erstes Buch mit dem Titel „Der Fluch des Reichtums: Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas“ sorgte vor sechs Jahren weltweit für Furore.
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Kleptokratie bedeutet „Herrschaft der Plünderer“, bei der Politiker und Staatsführer willkürliche Verfügungsgewalt über Besitz und Einkünfte der Beherrschten haben und entweder sich oder ihre Klientel auf deren Kosten bereichern. Umgangssprachlich wird auch von geplünderten Staatskassen gesprochen. All dies gehe einher mit „Akten unaussprechlicher Gewalt, die diese Wahrheit über Kleptokratie enthüllen“, ergänzte Burgis. Das Hinweisen auf diese Gewalt sei das Herzstück seiner beiden Bücher.

„Ich traf Kasachen und Anwälte in London ...“

Zurück zum Kontaktmann namens Wilkins: Jener erklärte Burgis damals die Mechanismen großer Bankhäuser und Finanzinstitutionen in Europa und deren Verbindungen zu korrupten Cliquen weltweit, unter anderem in Kasachstan. Darunter Banken in Großbritannien und der Schweiz, die „heimlich schmutziges Geld durch die Weltwirtschaft bewegen und es Kleptokraten damit ermöglichen, ihre Macht in Reichtum umzuwandeln.“ Er habe Burgis Kisten voll mit Beweisen und Dokumenten übergeben, die diese Mechanismen und Geschäftstätigkeiten beweisen würden.

„In den nächsten fünf Jahren bereiste ich die Welt und berichtete vor Ort von den Grenzen des globalen Imperiums der Kleptokratie, von dem Nigels Akten einen flüchtigen Blick zeigten“, berichtete der Autor. „Ich traf Überlebende eines Massakers in der kasachischen Steppe, Dissidenten in Simbabwe, Gangster in Moskau, Anwälte in London und politische Aktivisten in Washington. Alle waren sie Teil desselben Netzes.“

Diese Recherchen mündeten schließlich in sein aktuelles Werk, das 2020 im renommierten britischen Verlagshaus „Harper Collins“ erschienen war. In deutscher Übersetzung ist es ein Jahr später im „Westend“-Verlag erschienen. Das Buch hat Burgis in Form eines Polit-Krimis geschrieben – mit echten Fakten und einer wahren Geschichte.

Der „Khan“: Zwielichtige Geschäfte und Unruhen in Kasachstan

Mehrere Kapitel „Kleptopia“ sind dem „Khan“ und dessen Macht gewidmet, seinen Cliquen und Konkurrenten. So nennt der britische Journalist den langjährigen Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nasarbajew. Dieses Amt hatte er von 1990 bis 2019 inne, doch auch nach seinem offiziellen Abtritt behielt Nasarbajew über seine Seilschaften im Land die Strippen der Macht weiterhin in der Hand. Erst die innenpolitische Krise, die zu Jahresbeginn Kasachstan erschüttert hatte, kostete ihm im Januar seinen Posten als Chef des kasachischen Sicherheitsrats. Viel ist seitdem über die Hintergründe der Aufstände in der früheren sowjetischen Republik geschrieben und spekuliert worden.
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Für Buchautor und Journalist Burgis bestätigt die Krise in Kasachstan direkt die Thesen in seinem Buch. „Dies ist eine Krise der Kleptokratie. Da diese Regime auf Korruption aufgebaut sind, ist niemand – egal wie reich – jemals sicher. Es gibt keine Rechtsstaatlichkeit, die ihren Reichtum davor schützt, von Rivalen und Konkurrenten gestohlen zu werden.“ Ein Oligarch Kasachstans, Muchtar Äbljasow, habe das am eigenen Leib erfahren. Der Geschäftsmann war „so unverfroren gewesen, demokratische Reformen zu verlangen“, heißt es im Buch. „Daraufhin war sein Unternehmen konfisziert und er selbst in ein Gefängnislager gesteckt worden.“
Burgis betonte im SNA-Gespräch:

„Nasarbajews Korruption und Unterdrückung haben die politische Opposition so gründlich zerschlagen, dass, wenn die Unruhen beginnen, von einer farbigen Revolution keine Rede sein kann. Es geht nur darum, welche Fraktionen innerhalb des korrupten Regimes die Instabilität nutzen können, um ihre eigenen Interessen vorantreiben und ihre Konkurrenten betrügen zu können. Jeder weiß, dass dieser Moment kommen wird: Deshalb unternimmt die herrschende Klasse solche Anstrengungen, um ihre Reichtümer an Orte wie Großbritannien zu verlagern, wo sie den Schutz der Rechtsstaatlichkeit genießen – genau den Schutz, der gewöhnlichen Kasachen verweigert wird. Ich denke, es gibt viele Anwälte, PR-Manager und Lobbyisten im Westen, die ein wenig nervös sind, was für Geheimnisse jetzt ans Licht kommen könnten.“

Kasachisches Unternehmen geht juristisch gegen „Kleptopia“ vor

In seinem Buch beschreibt er als Beispiel die Gründung der kasachischen „Eurasian Natural Resources Corporation“ (ENRC) ab 1994 durch Oligarchen, die teilweise mit Ex-Präsident Nasarbajew zunächst zusammengearbeitet hatten, dann aber gegen ihn konkurrierten. Diese kasachischen Oligarchen hatten „einen Großteil ihrer Aktien an meistbietende Interessenten verkauft, die nun an der Londoner Börse damit handeln konnten. Für den kirgisischen Philologen, den usbekischen Diplomaten und den undurchsichtigen uigurischen Gewerbetreibenden und dritten Mann des Trios, Alidschan Ibragimow, war das ein Traum, der Wirklichkeit wurde. (...) Das Erste, was man dazu tun musste, war die Umwandlung des eigenen Unternehmens in eine Aktiengesellschaft (...). Zweitens musste man diesem Unternehmen alle Vermögensstände überschreiben, deren Erwerb Nasarbajew einem erlaubt hatte – Bergwerke, Banken und vieles andere mehr.“
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Zwischenzeitlich stieg die ENRC als großes kasachisches Bergbau- und Stahl-Unternehmen in die Top-100 „der vermögendsten britischen Aktiengesellschaften“ auf. Der Preis dafür war laut Burgis für die zentralasiatischen Oligarchen jedoch hoch. Die Deutsche Bank, die Schweizer Credit Suisse sowie weitere westliche Großbanken wie Morgan Stanley „verlangten 118 Millionen Dollar“ als quasi Eintrittsgebühr für die ENRC-Geschäftsführung. „Dazu kamen noch die Anwälte der Firmen Jones Day und Cleary Gottlieb. Weitere 30 Millionen Dollar gingen an die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers PWC.“
Ebenfalls teuer seien „all die Prominenten“ aus der britischen Upperclass gewesen, die loyale Vorstandsmitglieder der ENRC werden sollten. Darunter konservative Politiker, Akademiker des renommierten Imperial College oder frühere Manager von IBM oder dem britischen Pharma-Giganten GlaxoSmithKline.
Die Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher und Tony Blair habe diese Investments der aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden „Moneymen“ begünstigt. „Sie und die Wirtschaftsliberalen der Londoner City waren sich einig in ihrer Verachtung für den Staat“, schreibt Burgis. „Sie hatten hervorragende Geschäft miteinander gemacht.“ In seinem Buch führt der britische Investigativ-Journalist diese teilweise illegal ablaufenden Geschäftsaktivitäten detailliert aus.
Daher verwundert es kaum, dass laut Medienberichten die Muttergesellschaft der ENRC im September 2021 rechtliche Schritte gegen den britischen Verlag von Burgis und die „Financial Times“ unternahm. Mit dem Ziel, die öffentliche Darstellung dieser Tatsachen zu unterbinden. Allerdings ist das Buch immer noch beispielsweise in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in Großbritannien im Handel erhältlich.

Schmutziges Geld

Doch das Problem betreffe nicht nur Kasachstan, unterstrich Burgis. „Kleptokraten aus der ganzen Welt kommen nach London (und Paris, Brüssel, New York und, ja, auch Berlin), um ihre Macht zu legitimieren und Gelder zu waschen. Dies hilft ihnen, die Kontrolle in ihren Heimatländern zu behalten, indem sie sich als echte Staatsmänner ausgeben und gleichzeitig ihre korrupten Geschäfte in der Weltwirtschaft abwickeln. Genauso mächtig und manchmal genauso reich sind ihre westlichen Verbündeten, die mit schmutzigem Geld fett werden. Wie ich in meinem Buch zeige, ist Trump das spektakulärste Beispiel dieser modernen westlichen Kleptokraten.“
Unruhen in Almaty, Kasachstan - SNA, 1920, 14.01.2022
„Wir wussten nicht, was passiert“ – Einwohnerin von Almaty zu Informationsvakuum während der Unruhen
Burgis hofft auf wachsenden Widerstand in der Zivilgesellschaft gegen diese Entwicklung. Ansonsten befürchtet er, „dass wir eines Morgens aufwachen und feststellen, dass wir nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer Kleptokratie leben.“
Tom Burgis: „Kleptopia: Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern“, Verlag „Westend“, Frankfurt/Main, erste Auflage, September 2021, 441 Seiten, 22 Euro
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