Die Europäer und das Politikum Erdgasversorgung

© SNA / Alexej WitwizkijEine Radfahrerin vor der Baustelle der Gaspipeline Nord Stream 2 in Lubmin (Archivbild)
Eine Radfahrerin vor der Baustelle der Gaspipeline Nord Stream 2 in Lubmin (Archivbild) - SNA, 1920, 14.02.2022
Russisches Erdgas via Pipelines lässt sich nicht so rasch ersetzen, wie oft suggeriert wird, auch wenn seit 2006 politisch „diversifiziert“ wird. Nord Stream 2 ist das aktuelle Brennglas, in dem sich die internationalen Beziehungen brechen.
Die Ereignisse zur Jahreswende 2006/7 und dann vor allem 2008/9 provozierten infolge der damaligen Unterbrechungen russischer Erdgaslieferungen den Wendepunkt. Es waren zwar innerukrainische Dispute, die zur Gasverknappung und teils auch Totalausfall führten, aber die Wahrnehmung war: die Energieverträge seien Spielball der russischen Politik. Die unendliche Geschichte rund um den Bau und nunmehr die Inbetriebnahme der erweiterten Stränge der Erdgasleitung „Nord Stream" dominiert geradezu die Weltpolitik.
Wenn deutsche Politiker nun fast schon im Chor ankündigen, dass die seit September fertiggestellten Leitungen, also Nord Stream 2 nicht operativ werden, falls Russland die Ukraine angreifen sollte, dann drehen sich Krieg und Frieden offenbar nur mehr um russische Erdgasexporte. Es geht schon lange nicht mehr um die vielen anderen Probleme in der Ostukraine, die sich seit dem Frühjahr 2014 militärisch entladen.

Dann eben keine Energie-Importe?

Wie mangelhaft das Wissen um die Faktenlage in der deutschen Energieversorgung ist, zeigt sich dann bei solchen fast saloppen Sanktionsdrohungen. Die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten beträgt 64 Prozent. Dennoch fallen im Tagesintervall weltfremde Aussagen, die eher einer Palisadenzaun-Mentalität entsprechen. Man hat den Eindruck, die deutsche Wirtschaft und Bevölkerung sind nicht Teil eines weltweit verbundenen Marktes. Was passiert, wenn zum Beispiel die Gasimporte gekappt werden, aber Russland auch die Erdöl- und Kohlelieferungen stoppt?
Ein Kohlekraftwerk in der Nähe des Kohletagebaus Garzweiler  - SNA, 1920, 01.10.2021
Im Namen der Energie – Das bittere Erwachen zwischen Energiewende und Verknappung
Werden nordamerikanische Flüssiggas-(LNG)-Tanker oder Katar und Algerien das russische Erdgas substituieren? US-Unterhändler twittern ihre Termine zu diesem Thema, und geradezu dramatisch ist die Rede von einer amerikanischen „Kavallerie“, in Gestalt der LNG-Tanker, die Europa zu Hilfe eilt. Im letzten Halbjahr verkauften auch US-Exporteure vorzugsweise ihre Produktion an asiatische Kunden, da diese höhere Preise als die Europäer zahlen. Der russische Energiekonzern Gazprom deckt mehr als die Hälfte des deutschen Energiebedarfs.
Infolge der Energiewende in Deutschland steigen auch die deutschen CO2 Emissionen der Kohlekraftwerke, die immer dann einspringen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Deutschland benötigt auch Kohle und raffiniertes Erdöl für seine Mobilität. Den deutschen Bedarf an Steinkohle deckt Russland zu 45 Prozent. Die deutschen Erdölimporte stammen zu mehr als einem Drittel, nämlich 34 Prozent, aus Russland.

Beunruhigende Mischung aus Naivität und Verantwortungslosigkeit

Anhand dieser Zahlen lässt sich leicht nachvollziehen, dass Russland als Energielieferant nicht leicht und schon gar nicht im Ruckzuck-Verfahren zu ersetzen ist. Nichtsdestotrotz erfahren wir mehrfach täglich, dass Aserbaidschan einspringen könnte und manche Golfstaaten ebenso bereit seien. So simpel funktioniert die Substitution nicht, auch wenn die Europäische Kommission seit 20 Jahren bewusst auf den kurzfristigen Spot Market und nicht mehr langfristige Lieferverträge setzt.
Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan - SNA, 1920, 09.02.2022
Klimaaktivismus statt Energiepolitik: Greenpeace-Chefin soll ins Auswärtige Amt in Berlin
Zu bedenken sind neben den Kosten auch die jeweilige chemische Zusammensetzung von Erdöl und Erdgas für die Raffinierung. Jede Sorte ist anders und erfordert andere Verarbeitungsverfahren.
Seitdem ich das Thema Energiepolitik vor rund 20 Jahren zu lehren begann, war ich bei Vorträgen für sogenannte Entscheidungsträger immer wieder über das geringe Wissen über die energiepolitischen Zusammenhänge erstaunt. Oft sagte ich mir nach einer Debatte, mit diesen Leuten würde ich lieber nicht durch eine Krise gehen. Nun stecken wir in einer Kaskade von Krisen und erleben die Folgen von Dilettantismus. Dieser kann in einer Versorgungskrise mit Energie zu viel größerem Chaos führen als wir dies bislang in der Handhabung der Pandemie erleben mussten.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала