Alles vorausgesehen: Wovor Putin vor 15 Jahren warnte

© Foto / Public domain / Sgt. Arturo GuzmanNATO-Übungen in Polen
NATO-Übungen in Polen - SNA, 1920, 11.02.2022
15 Jahre nach der Münchner Sicherheitskonferenz, auf der Russlands Präsident Wladimir Putin auf die aggressiven Absichten des Westens und die Versuche, die Weltgemeinschaft zu unterwerfen, hingewiesen hatte, rückt die Nato weiterhin gen Osten vor.
Die UN-Charta verkommt zu einer unwichtigen Formalität und das Weltall entwickelt sich zu einem Kriegsschauplatz. Im globalen Kräftegleichgewicht sind gerade gewaltige Verschiebungen im Gange.

Alternative zu den USA

Die Rede Putins hinterließ damals einen starken Eindruck. Die Vertreter der USA und europäischer Länder liefen blass an – so hatte mit ihnen seit langem niemand gesprochen. Auch die westlichen Medien waren verwirrt. Die Tonalität der damaligen Pressemeldungen – „Was erlaubt Putin sich überhaupt?“.
Putin warf den USA und der Nato vor, ihre eigenen Interessen anderen Staaten aufzudrängen, sich nicht an die Versprechen, sich nicht gen Osten zu erweitern, zu halten. Zudem übte er scharfe Kritik an den Versuchen des Westens, eine unipolare Welt zu schaffen. Ein solches System der internationalen Beziehungen habe nichts gemeinsam mit der Demokratie und Koexistenz verschiedener Kulturen. Der Kreml-Chef sagte damals, dass neue Machtzentren die nach dem Kalten Krieg gebildete Weltordnung herausfordern werden. Alle diesen Thesen gelten auch heute.
Ex-Innenminister Gerhart Baum (Archivbild) - SNA, 1920, 10.02.2022
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„Er blickte damals in die Zukunft“, sagte der Vizepräsident der Akademie für geopolitische Probleme, Konstantin Sokolow. „Heute wird die Weltordnung durch das Kräfteverhältnis in der Troika Russland-China-USA bestimmt. Innerhalb von 15 Jahren erweiterten Moskau und Peking ihr politisches, wirtschaftliches und militärisches Potenzial. Das kann kaum in Abrede gestellt werden. Zudem entstehen gerade neue, alternative Strukturen Verbündeter als Gegenpol zum kollektiven Westen. Das sind SOZ, BRICS und andere Vereinigungen. Die Politik Washingtons drängt Moskau und Peking in ein militärpolitisches Bündnis“, so der Experte.

Neuer Status

Laut dem Experten hatte Russland 2007 keine Verbündeten. Es gab auch keine Länder, die Moskau als Schutzherr betrachteten. Heute hat sich die Situation grundlegend geändert. Syrien, das sich 2015 an Russland wandte und um Hilfe bat, zeigte der Welt: In der Welt gibt es auch ein anderes Schutzsystem neben dem, das von den Amerikanern aufgedrängt wird. Außerdem funktioniert es viel effektiver.
„Moskau konnte einzigartiges Gut anbieten – Export der Sicherheit, ein Monopol, das früher Washington gehört hatte“, so Sokolow.
„Es handelt sich nicht nur um Syrien. Unsere Militärspezialisten sind tätig in Libyen und anderen Ländern Afrikas, Venezuelas. Auch aus Argentinien kommen Signale, zu einem Zusammenwirken bereit zu sein. Selbst in der EU gibt es Länder, die dem „Kurs der regierenden Partei“ widersprechen und sich für eine Zusammenarbeit mit Moskau stark machen. Ein anschauliches Beispiel ist Ungarn. Im Ganzen kann man sagen, dass Russland in den vergangenen 15 Jahren sich aus einem im Kalten Krieg zerschlagenen Staat in eine Weltmacht verwandelt hat“.
Mit neuem außenpolitischem Gewicht trat Moskau erstmals im Sommer 2013 auf, als die Amerikaner einen zerstörerischen Angriff auf Syrien planten. Ein Vorwand – unbestätigte Informationen über den Chemiewaffeneinsatz von Damaskus zur Unterdrückung der Opposition. Der Kreml überredete den Westen, das Giftgas unter internationale Aufsicht zu stellen und es zu vernichten. Die Invasion wurde zwar verhindert, doch die Nato-Länder stiegen damals trotzdem in den syrischen Bürgerkrieg ein.
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Wiedergeburt der Militärstärke

Auch Russlands Stellung als Militärmacht hat sich geändert. Sechs Monate nach der Münchner Rede unterzeichnete Putin einen Erlass über den Austritt aus dem Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa. Dieses Dokument legte die Anzahl der Kräfte, Panzer und Waffen fest, die Moskau an den westlichen Grenzen und die Nato an den östlichen Grenzen haben durfte. Doch der Nato-Beitritt baltischer und osteuropäischer Länder brachte das Kräftegleichgewicht aus den Fugen. Dieses Dokument war somit ihr Papier nicht wert.
“Der Vertrag verlor seine Kraft nach dem Nato-Beitritt ehemaliger Verbündeter des Warschauer Pakts”, so Leonkow. „Für eine symmetrische Antwort hätten wir die Streitkräfte um das Zweifache bis 2,5-fache aufrüsten, enorme Summe ausgeben müssen, für die Wirtschaft wäre das eine große Belastung geworden. Deswegen wurde beschlossen, die Militärdoktrin zu ändern. Zum wichtigsten Prinzip des Schutzes entwickelte sich die Strategie der Verteidigungssuffizienz und der Fokus auf hochpräzise Waffen, die weit entfernt, schnell und präzise eingesetzt werden können“, so der Experte.
Im August 2008 drängten die USA und ihre Verbündeten den damaligen georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili zu einem Angriff auf Südossetien. In den ersten Stunden des Kriegs wurden bei einem georgischen Artilleriebeschuss 15 russische Friedenssoldaten, die sich in Zchinwal laut UN-Mandat befanden, getötet. Russland reagierte auf die Provokation mit dem Angriff der 58. Armee. Der Aggressor wurde innerhalb von fünf Tagen zum Frieden gezwungen und sein rüstungsindustrielles Potenzial vollständig zerschlagen. Doch bei der Operation wurden zahlreiche Probleme festgestellt: schwaches Zusammenwirken, Mangel an modernen Waffen und geschultem Personal, veraltete Taktik. Der Fünf-Tage-Krieg wurde zum Ausgangspunkt für eine weit um sich greifende Militärreform.
„Der Kreml verstand, dass der größte Trumpf der USA und der Nato Flugzeuge und Drohnen sind, die sie sehr viel haben. Davon wurde bei der Modernisierung ausgegangen. Innerhalb von 15 Jahren wurde ein dichtes Radarfeld an der Grenze errichtet – heute kann kein einziges ausländisches Flugzeug unbemerkt in unseren Luftraum eindringen. Zudem wurde das automatisierte Truppensteuerungssystem komplett neu aufgebaut“, so der Experte.
Dieses System ergänzt das moderne Konzept des allgemeinen Truppenkampfes und ermöglicht den Truppen, blitzschnell auf neue Aufgaben zu reagieren. In Syrien wurde es ausprobiert. Beim Großmanöver „Zapad 2021“auf 14 Militärgeländen mit insgesamt 200.000 Soldaten wurde dieses System erstmals komplett auf den Prüfstand gestellt - in der postsowjetischen Periode ein absoluter Rekord.
Russlands Präsident Wladimir Putin  - SNA, 1920, 10.02.2022
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Die Einheiten mit Panzern, Flugabwehrmitteln, Kampfjets und Bombern wurden umfassend modernisiert, die Möglichkeiten der atomaren Triade erweitert. Die Serienproduktion des Kampfjets der 5. Generation Su-57 wurde gestartet. Moskau ist Washington bei den Hyperschall-Waffen deutlich überlegen.

Historisches Recht

Viele von diesen Schritten wurden erzwungen: Während die Nato 2007 noch ein geopolitisches Bündnis war, hat sie nun wieder den Status einer Militärallianz. Nach der Wiedervereinigung Russlands und der Krim 2014 schlossen sich die Nato-Länder zusammen und stellten multinationale Kampfgruppen auf.
„Die Amerikaner vereinten die Verbündeten unter einer gemeinsamen Fahne gegen einen gemeinsamen Feind“, so Sokolow. „US-Einheiten werden aktiv nach Europa verlegt, Truppen werden zu unseren Grenzen gebracht. Das geschieht vor dem Hintergrund einer antirussischen Hysterie. Die Nato ist ein gefährlicher und sehr reicher Gegner. Doch auch unsere Armee ist heute nicht mehr so wie früher.“
Nach der Münchner Rede, die für so viel Aufsehen gesorgt hatte, schrieben viele westliche Medien, dass Putin, dessen Amtszeit damals 2008 zu Ende ging, einen antiamerikanischen Ton angeschlagen hätte, nur um politisch zu punkten. Doch die Zeit zeigte, dass Russland trotz Sanktionen der USA und der EU ein selbstständiger Akteur in der internationalen Arena bleibt. Denn das sei „unser historisches Recht“, wie Putin damals betonte.
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