Weniger deutsche Firmen in Russland tätig

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Brauerei (Symbolbild) - SNA, 1920, 09.02.2022
Wegen Kriegsangst, medizinischer Zwangstests für Manager und drohender Sanktionen warnt die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) vor weiterer massiver Abwanderung deutscher Unternehmen aus Russland.
Die Anzahl der deutschen Unternehmen in Russland ist 2021 im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent zurückgegangen. Insgesamt sind aktuell 3651 Firmen mit deutschem Kapital in Russland registriert, meldet die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer unter Berufung auf die russische Steuerbehörde. „Die Kriegsangst rund um die Ukraine-Krise, drohende neue Sanktionen und diskriminierende Zwangstests für Topmanager und Ingenieure stellen ein massives Risiko und Ärgernis dar“, sagt Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der AHK und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland.
„Es liegt auf der Hand, dass 2022 noch mehr Firmen die Koffer packen, wenn nicht bald Lösungen gefunden werden, die das Geschäftsklima stabilisieren.“

Weniger Firmen – mehr Investitionen

Von ihrer Höchstzahl im Jahr 2011 mit damals 6300 Unternehmen ist die Anzahl deutscher Firmen insgesamt um 42 Prozent gesunken. AHK-Chef Schepp macht allerdings auch positive Tendenzen aus. So investieren deutsche Firmen nach wie vor hohe Milliardensummen im größten Flächenland der Erde, die Zahl der Mitglieder der AHK ist in den vergangenen fünf Jahren von 800 auf 1050 gewachsen. Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) ist die Vertretung deutscher Unternehmen in Russland und russischer Unternehmen in Deutschland und insgesamt der größte ausländische Wirtschaftsverband in Russland.
Eine russische und eine deutsche Flagge - SNA, 1920, 15.12.2021
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Die vergangenen Jahre waren laut Deutscher Bundesbank mit Ausnahme vom Corona-Jahr 2020 von Rekord-Nettodirektinvestitionen geprägt: 2018 investierte die deutsche Wirtschaft 3,4 Milliarden Euro in Russland, 2019 knapp 2 Milliarden Euro und in den ersten drei Quartalen 2021 mehr als 1,3 Milliarden Euro. „Russland bleibt ein großer und wegen der Konsumfreude der Bevölkerung lukrativer Markt für unsere Unternehmen, auch wenn die schwache Konjunktur der vergangenen Jahre und die Corona-Krise mit Lieferkettenunterbrechung die Entwicklung bremsen“, erklärt Schepp.
„Die Quantität der deutschen Firmen geht zurück, die Qualität des Engagements aber bleibt auf hohem Niveau.“
Großkonzerne und Mittelständler investierten strategisch und langfristig in Russland, so Schepp.
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Deutsche Firmen krisenresistent

„Natürlich bereitet uns die angespannte Lage rund um die Ukraine Sorge“, so Schepp. „Unsere Firmen hoffen auf eine Verhandlungslösung und schnelle Beruhigung der Lage.“ Seit dem Zerfall der Sowjetunion vor 30 Jahren ist die wirtschaftliche Lage von einem Auf und Ab zwischen Boomzeiten und Krisen wie dem Staatsbankrott 1998, der Weltfinanzkrise 2008 und der Ukraine-Krise ab 2014 geprägt.
„Die deutschen Unternehmen sind in einem beachtlichen Maße krisenresistent, und lassen sich in vielen Fällen nicht von temporären Schwierigkeiten abschrecken.“

Kafkaeske und diskriminierende Medizintests

In scharfer Form wendet sich die AHK gegen die im Dezember eingeführten medizinischen Zwangstests, bei denen Ausländer in Russland regelmäßig auf Drogenkonsum und Infektionskrankheiten wie HIV, Syphillis, Tuberkulose und Covid-19 getestet werden. Neben Blut- und Urinproben müssen sich auch Kinder ab sechs Jahren und Ehepartner alle drei Monate Röntgentests mit hoher Strahlenbelastung aussetzen. Deutsche Manager berichten in empörten Briefen an die AHK von „kafkaesken Zuständen wie in Filmen aus Gulagzeiten“ mit stundenlangen Wartezeiten und mangelnder Einhaltung von Corona-Vorschriften unter hunderten Gastarbeitern in einem Testzentrum unweit von Moskau.
Botschaft der Russischen Föderation in Berlin - SNA, 1920, 09.12.2021
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Zehn ausländische Wirtschaftsverbände haben im Dezember auf Initiative der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer einen Brief an die russische Regierung verfasst, mit der Forderung die „diskriminierende Regelung zu kippen und abzumildern“. Schepp sagt dazu: „Wir hoffen auf die Unterstützung des an Investitionen interessierten Flügels der russischen Regierung.“
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