Diskussion um Johns-Hopkins-Studie: Hatten Lockdowns nur geringen Einfluss auf Todeszahlen?

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Dokumente (Symbolbild) - SNA, 1920, 09.02.2022
Ökonomen am „Johns Hopkins Institute for Applied Economics“ von der gleichnamigen Universität haben analysiert, was staatlich verordnete Anti-Corona-Maßnahmen zu Beginn der Covid-19-Pandemie gebracht haben. Sie kommen zu dem Schluss, dass es keinen Vorteil gegenüber weniger starken Maßnahmen gab. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten.
Die Studie “A literature review and meta-analysis of the effects of lockdowns on Covid-19 mortality“ (eine Literaturübersicht und Meta-Analyse der Auswirkungen von Lockdowns auf Covid-19 Sterblichkeit) dreier Wirtschaftswissenschaftler sorg für Diskussionen. Das Ergebnis, dass die Lockdown-Maßnahmen einen sehr geringen Einfluss auf Todeszahlen in der Corona-Pandemie gehabt hätten, stößt auf Kritik anderer Experten. Diese Kernaussage der Analyse, ist zum Beispiel aus Sicht des Leiters des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Universität Marburg, Max Geraedts, „so nicht haltbar“.

Vorwurf: Nur empirische Studien verwendet

Ihr Papier bezeichnen die Autoren Jonas Herby, Lars Jonung und Steve H. Hanke als Meta-Studie, welche die Daten von rund 30 Einzelstudien und Arbeitspapieren zusammenfasse. Herby und seine Kollegen kommen in ihrem Papier zu dem Schluss, dass staatlich geregelte Maßnahmen weltweit im Vergleich zu Empfehlungen und freiwilligen Verhaltensänderungen der Bevölkerung kaum Effekt gehabt haben: In der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 sei aus den untersuchten Studien herauszulesen, dass die Covid-Todesrate durch verordnete Regelungen um nur 0,2 Prozent gesenkt worden sei.
Gedenken an Corona-Tote in Washington am 1. Oktober 2021 (Archivbild ) - SNA, 1920, 05.02.2022
Mehr als 900.000 coronabedingte Todesfälle in USA – Johns Hopkins University
Es gebe eine Fülle wissenschaftlich qualitativ wesentlich hochwertiger Studien, „die aber auf der Basis der von den Autoren gewählten Auswahlkriterien nicht berücksichtigt wurden“, sagte Geraedts der Deutschen Presse-Agentur (DPA). Die drei Autoren beschränken sich nach eigenen Angaben auf rein empirische Studien, die auf den realen Fakten basieren. Diese vergleichen die Veränderungen der Corona-Todesfälle in Ländern mit unterschiedlich harten staatlichen Maßnahmen.
Dabei schieden unter anderem solche Analysen aus, die sich auf Modellierungen stützen. Dazu zählte zum Beispiel eine Arbeit von Statistikern um Seth Flaxman vom Imperial College in Großbritannien, die bereits im Juni 2020 im renommierten Fachjournal „Nature“ publiziert worden war. Die britischen Wissenschaftler waren darin zu dem Ergebnis gekommen, dass die staatlichen Maßnahmen während der ersten Welle in elf europäischen Ländern zusammengenommen rund drei Millionen Todesfälle verhindert hätten. Die Methode, eine vermutete Entwicklung mit Hilfe von Computern zu modellieren, stößt allerdings immer wieder auf Kritik, da sie abhängig von den dafür verwendeten Faktoren ist.

Einzelstudien „nicht übermäßig überzeugend“

Der Ökonom Andreas Backhaus, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, erklärt laut DPA, dass einige der untersuchten Einzelstudien „nicht übermäßig überzeugend“ seien. Sie erhielten „in der Meta-Analyse jedoch ein sehr hohes Gewicht, treiben also das Gesamtergebnis“, twitterte er über das US-Papier.
Die Untersuchung von Herby und seinen Kollegen wurde nicht in einem Fachjournal herausgegeben, sondern Ende Januar von einem der Autoren auf der Homepage des „Johns Hopkins Institute for Applied Economics“ veröffentlicht. „Dadurch umgehen die Autoren die Begutachtung durch Fachleute (Peer Review), eine der wichtigsten Maßnahmen zur Qualitätssicherung in der Wissenschaft“, meinte der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen gegenüber der DPA. „Studien im Eigenverlag herausgeben ist absolut unüblich und unwissenschaftlich.“
Spritze (Symbolbild) - SNA, 1920, 02.12.2021
Mehr Corona-Tote in Bundesländern mit niedriger Impfquote

Die beste Schätzung, die man bekommen kann

Positiv äußert sich dagegen David Paton, Professor für Industrieökonomik an der Nottingham University Business School. Die Arbeit der drei Ökonomen leiste einen signifikanten Beitrag, die Wirkung von Lockdowns zu verstehen und stimme auch mit anderen Arbeiten überein.
Auch der US-amerikanische Epidemiologe und Statistiker John Ioannidis von der Stanford University bewertet in der „Welt“ die Arbeit positiv: „Nach meiner Ansicht handelt es sich um eine gut durchgeführte, methodisch gründliche Arbeit. Die Auswahl der Studien ist angemessen. Das geschätzte Ergebnis ist mit großer Unsicherheit behaftet, da keine der Studien randomisiert waren – aber es ist die beste Schätzung, die man bekommen kann.“
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