- SNA, 1920
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Abgewohnte IKEA-Möbel, der rumänische Flitzer und Nordkorea – Journalismus-Highlight in Österreich

CC BY-SA 3.0 / Thomas Ledl / Wikimedia CommonsHaupteingang zum ORF-Sendezentrum in Wien-Küniglberg
Haupteingang zum ORF-Sendezentrum in Wien-Küniglberg - SNA, 1920, 08.02.2022
Viele westliche Medien, vor allem öffentlich-rechtlich organisierte, gerieren sich regelmäßig als Lehrmeister in Sachen angeblich politisch unabhängiger Qualitätsjournalismus. Leider verhalten sie sich in der Realität dann genauso regemäßig deutlich anders. Unsere Gastkolumnistin hatte diesbezüglich vor wenigen Tagen ihr Erweckungserlebnis.
Was unterscheidet einen Staatssender von einem Rundfunk, der durch staatliche Gebühren allein durch den bloßen Besitz eines empfangsbereiten Gerätes finanziert wird und dessen Führungspositionen durch die Regierung besetzt werden?
Genau genommen wenig bis nichts. Bis auf die Kleinigkeit, dass der eine explizit sagt, er sei eben der Staatssender und der andere nicht müde wird, seine „Unabhängigkeit“ zu betonen. Wer sich allerdings jemals auch nur ansatzweise mit dem Propagandamodell von Noam Chomsky und Edward S. Herman beschäftigt hat, wird wissen, dass es „Unabhängigkeit“ nicht gibt, gar nicht geben kann. Na macht ja nix. Versuchen zu behaupten kann man es immer.

Ein Highlight des österreichischen Journalismus

Der schnöde Bürger regt sich schon kaum mehr auf, wenn er suggestive Überschriften wie „Nicht mal die Hälfte der Wiener geht arbeiten“ liest. Man kennt schließlich die Quelle, wie in diesem Fall die Kronenzeitung, und ordnet die Schlagzeile entsprechend ein.
Karl Nehammer vor einem Wahlplakat mit Sebastian Kurz (Archivbild) - SNA, 1920, 31.12.2021
Österreich
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Der öffentlich-rechtliche ORF hingegen gibt sich nicht nur „unabhängig“, sondern auch seriös und genießt entsprechendes Vertrauen. Und so kam es, dass der unabhängige Rundfunk am Sonntag, 6. Februar 2022 die Bürgermeisterin von Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, zu Gast in der „Pressestunde“ hatte. Zu besprechen gibt es in Tagen wie diesen wahrlich genug und so waren Claudia Dannhauser vom ORF und Hubert Patterer, Chefredakteur der Kleinen Zeitung, angetreten, um Fragen zu stellen. Eine knappe Stunde hatte man zur Verfügung, um Elke Kahr zu befragen.

Im festen Griff des Schocks

Die ganze Welt beschäftigt sich mit Corona, Inflation, steigender Armut, Klimawandel und Energiefragen. Die ganze Welt? Nein! Die Journalisten in der Pressestunde hatten zuerst einmal ganz andere Sorgen. Warum dies so war, lässt sich leicht erklären: Elke Kahr ist keine gewöhnliche Politikerin. Weder besuchte sie NLP-Kurse noch erinnert sie auch sonst nur annähernd an das, was man heutzutage an Politikern vorgesetzt bekommt. Das alleine wäre schon irritierend genug, aber dass sie auch noch von der KPÖ (Kommunistischen Partei Österreichs) ist, war Anlass genug, um die Hälfte der Sendezeit mit Themen zu verplempern, die man anderen Politikern wohl nicht zugemutet hätte.
 Fassade der Karl-Franzens-Universität in Graz - SNA, 1920, 26.09.2021
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Vielleicht war es aber auch der Schock der Außenwelt ob des Wahlsiegs der KPÖ im September 2021 mit 28,86 %, der auch Herrn Patterer immer noch fest im Griff hatte. So monierte er bereits zu Beginn:
„Wir haben ja heute die selbe Anfahrt gehabt von Graz aus und Sie haben mich leider mit ihrem rumänischen Flitzer auf den letzten Metern noch abgefangen und überholt. […] Es ist noch unklar, was sie mit dieser bürgerlichen Stadt eigentlich vorhaben. Sie haben zum Beispiel die Designmöbel ihres Vorgängers weggeräumt und haben Ihre abgewohnten IKEA-Möbel, was die steirischen Tischler nicht sehr gefreut hat, wie wir mitbekommen haben, hingestellt mit der Kinderspielecke. Unterliegen Sie nicht einem Missverständnis, was das Rollenbild betrifft? Sie sind jetzt nicht mehr die Sozialarbeiterin, auch nicht die Sprechstundenpolitikerin, Sie sind jetzt Managerin der zweitgrößten Stadt in diesem Land. Ist Ihnen das bewusst und nehmen Sie die Rolle an überhaupt?“
Ja, so geht „unabhängiger“Journalismus!

Die Ruhe selbst und der Blick von unten

Wer sich das gesamte Interview ansieht, wird nicht umhinkommen, Elke Kahr für ihre Ruhe, Gelassenheit und Integrität einfach nur zu bewundern.
Wie einer kranken Kuh erklärte sie mit einer Engelsgeduld, dass Sie den „Blick von unten“ bevorzugt und zudem nicht mit Nordkorea sympathisiert.
Elke Kahr ist betreffend des „Kommunismus“ sicherlich einiges gewohnt und wohl auch deshalb gegenüber der einen oder anderen Frage schon abgehärtet. Als sie nach dem Wahlsieg am 27. September 2021 in der ZIB2 zu Gast war, wurde sie vom unabhängigen Anchorman Armin Wolf mit folgender Frage konfrontiert:
„Wieso ist Kommunistische Partei im Jahr 2021 noch ein guter Name nach all den Verbrechen mit den Abermillionen Toten, die Kommunisten überall, wo sie regiert haben, in der Geschichte begangen haben?“
Ihre Antwort darauf lautete:
„Ich bin jetzt seit Anfang der 80er Jahren bei der KPÖ und nicht nur mit Tausenden Menschen pro Jahr im Gespräch. Das, was Sie mich jetzt gefragt haben, das bin ich eigentlich nie gefragt worden - außer von Journalisten oder politisch Andersdenkenden.“
Dumm gelaufen, wenn der Rundfunk und seine (eingeladenen) Journalisten so „unabhängig“ sind, dass sie keine Ahnung mehr davon haben, was eigentlich für ihre Zuseher relevant wäre und was nicht. Die persönliche Befindlichkeit der Herren Journalisten ist es jedenfalls nicht!
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