„Ausstiegskonzept“ und „Exitplan“ – Wissenschaftler und Mediziner fordern neue Corona-Politik

© REUTERS / MICHELE TANTUSSIEine Krankenschwester bereitet eine Impfung mit dem Impfstoff gegen die Coronavirus-Krankheit (COVID-19) von Pfizer-BioNTech im Impfzentrum im Humboldt-Forum in Berlin vor, Deutschland, am 19. Januar 2022.
Eine Krankenschwester bereitet eine Impfung mit dem Impfstoff gegen die Coronavirus-Krankheit (COVID-19) von Pfizer-BioNTech im Impfzentrum im Humboldt-Forum in Berlin vor, Deutschland, am 19. Januar 2022. - SNA, 1920, 05.02.2022
Wie kann eine Exitstrategie aus der Covid-19-Pandemie aussehen? Dazu haben zwei Gruppen von Wissenschaftlern Konzepte vorgelegt. Beide sind sich darin einig, dass der Zeitpunkt gekommen ist, statt Angstmache vor den kommenden Virus-Varianten auf wirkungsvolle Schutzmaßnahmen zu setzen. Sie fordern einen Paradigmenwechsel.
„Die Dominanz einer einzigen, nämlich virologischen Logik, muss beendet werden. Andere Aspekte, etwa volkswirtschaftliche, soziale, psychologische, pädagogische und ganzheitlich medizinische Betrachtungen müssen einbezogen werden“, fordert die Gesellschaft„Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie e.V.“ (MWGFD) im fünften von insgesamt zehn Punkten ihres „Corona-Ausstiegskonzeptes“. Das wurde am 19. Januar 2022 in einem Offenen Brief an „die Bevölkerung, an alle politischen und administrativen Entscheidungsträger […] im Bund, in den Ländern und auf Kommunalebene“ vorgelegt.
Zu den Autoren gehören, neben anderen Ärzten und Wissenschaftlern aus verschiedenen Bereichen, die Virologen und Epidemiologen Sucharit Bhakdi und Martin Haditsch, der Gesundheitswissenschaftler und Psychologe Harald Walach, der Lungenarzt Wolfgang Wodarg, der Philosoph Daniel von Wachter sowie der Psychiater und Psychotherapeut Christian Schubert. Martin Schwab vertritt das Rechts- und Werner Müller das Rechnungswesen.

Gescheiterte Anti-Corona-Strategie

Die Mediziner und Wissenschaftler halten die „bisherige Strategie, die ausschließlich auf Kontaktvermeidung, auf Massentestungen und den Großversuch einer Immunisierung setzt, für untauglich, unverhältnismäßig und für medizinisch sehr gefährlich“. Sie begründen das damit, dass Menschen von der Natur mit einer sehr wirksamen Immunabwehr gegen Infektionen ausgestattet seien. Sie plädieren dafür, die Corona-Politik in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs zu überdenken und Alternativen zuzulassen und heben hervor:
„Bei unsicherer Faktenlage sind sozialer Zusammenhalt und eine vernunftgesteuerte, umsichtige und wahrhaftige Kommunikation die Basis für wirkungsvolle Maßnahmen.“
Laut den Autoren könnten die von ihnen erarbeiteten, auf wissenschaftlicher Evidenz basierten Lösungsvorschläge zu einem sehr kurzfristigen und kostengünstigen Ausstieg aus der „Corona-Krise“ beitragen. Ihr Konzept fassen sie in zehn Punkten zusammen.

Ende der pauschalen Maßnahmen

Im ersten Punkt fordern sie, die Covid-Impfungen sofort einzustellen und auf die vorgesehene Impfpflicht zu verzichten. Im zweiten: sämtliche nicht evidenzbasierte Anti-Corona-Maßnahmen zu beenden, wie Lockdowns, Schulschließungen, Maskenpflicht im öffentlichen Raum, Isolation, Quarantäne, Kontaktverfolgung, Abstandsregeln sowie PCR- und Antigenschnelltest bei Menschen ohne Krankheitssymptome. Eine weitere Forderung ist: die „sofortige Öffnung der Sportstätten, Gaststätten, Kirchen und Kultureinrichtungen für alle, ohne Zugangsbedingung“.
Das Pandemie-Management muss aus ihrer Sicht auf der Basis von Wissenschaftlichkeit und Evidenz vernünftig gesteuert werden, unter anderem durch korrektes Testen tatsächlich Kranker und genaue Erfassung der epidemischen Lage. „Eine Testung auf Atemwegsviren ist aus medizinischer Sicht nur bei therapeutischen Konsequenzen, in der Regel nur bei schwer kranken hospitalisierten Patienten mit spezifischem (antiviralem) Therapiebedarf, bei Erkrankten im Rahmen des Überwachungssystems für Atemwegsinfekte und bei Angehörigen einer bis heute nicht existierenden epidemiologischen Studienkohorte sinnvoll.“
Weiter plädieren die Autoren für leicht anwendbare Konzepte zur Vorbeugung und Frühbehandlung von Erkrankungen – zahlreiche Pflanzen und Maßnahmen seien dafür aus Komplementärmedizin, Naturheilkunde und traditioneller Medizin bekannt. Sie betonen die Wichtigkeit eines gesunden Lebensstils, vieler sozialer Kontakte und des Vitamins D3. Außerdem gebe es eine wirksame konventionelle Therapie von Covid-19, so die Autoren. Dazu ist mehr in der Langfassung des Konzepts zu finden.
Covid-19-Zeichen (Symbolbild) - SNA, 1920, 18.01.2022
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Wider die geschürte Angst

Die Mediziner und Wissenschaftler machen auf weitere Aspekte außerhalb der „virologischen Logik“ aufmerksam. Statt Angst vor einem „Killervirus“ zu schüren sollte die Politik die Bevölkerung hinsichtlich ausreichender medizinischer Versorgung für alle beruhigen. Denn:
„Wir wissen aus langjährigen interdisziplinären Forschungen zur innigen Verbindung zwischen Psyche und Immunsystem, dass Angst neben Stress ein Hauptfaktor ist, der zur Schwächung des Immunsystems beiträgt.“
Mediale Panikmache sei in dieser Situation nicht hilfreich, betonen die Autoren. Im Gegenteil sollten Medienmacher nicht nur Katastrophenmeldungen verbreiten, sondern vor allem Anlass zur Hoffnung geben. Die Entlastung und Entspannung der Bevölkerung sollte eine wichtigere Rolle spielen als das Schüren von Angst und Panik.

Für Korrektur der Politik

Der Aufgabe der Medien widmen die Mediziner und Wissenschaftler einen eigenen Punkt:
„Die Medien sollten breitgefächerte Information bereitstellen, gemäß den im Pressekodex formulierten Ethikrichtlinien für Journalisten, ohne Angst- und Panikerzeugung.“
Beiträge zu Themen wie gesunde Lebensweise und Stärkung des Immunsystems könnten aus ihrer Sicht hilfreich sein.
Außerdem fordern die Autoren Programme zur Behandlung der durch die Maßnahmen entstandenen physischen und psychischen Verletzungen und Schäden, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Ein erster Schritt sei hier, unnötige Belastungen durch Testungen und Maskenpflicht zu beenden.
Der Pflegenotstand in der Intensivmedizin ist laut den Autoren „einem politischen Versagen geschuldet“. „Anstatt ausreichende Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen und Anerkennung für Pflegende versuchte man durch dubiose Anreizsysteme für Covid-Gehorsam Ausgleich zu schaffen.
Die Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit sollten wiederhergestellt werden:
Der Staat dürfe „nicht die Möglichkeit haben, den Menschen alles Mögliche vorzuschreiben, z. B. Masken zu tragen, voneinander Abstand zu halten, sich nicht zu versammeln, ihr Geschäft zu schließen, nur Geimpfte anzustellen oder sich impfen zu lassen“.
Leiter des Krisenstabs Covid im Bundeskanzleramt, Generalmajor Carsten Breuer bei einem Besuch der Intensivstation für mit dem Coronavirus infizierte Patienten in der Klinik in München-Schwabing (Archivbild) - SNA, 1920, 02.02.2022
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Gesellschaftliche Diskussion öffnen

Ähnliches wie die Experten der MWGFD schlägt die Thesenpapier-Autorengruppe mit ihrer 5. Adhoc-Stellungnahme zu der „Entwicklung durch Omikron“ vom 21. Januar 2022 vor. Die ebenfalls aus Medizinern und Wissenschaftlern bestehende Gruppe um Matthias Schrappe, ehemaliger Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit, ruft dazu auf, „jetzt den Übergang in die Endemie aktiv zu gestalten und die gesellschaftliche Diskussion zu öffnen“. Sie schreiben:
„Bei stetig steigenden Infektionen pro Tag lässt sich eine Unterbrechung der Infektionsketten über Kontaktverfolgung nicht mehr sinnvoll umsetzten. Ein solches Vorgehen ist ohnehin nur am Anfang eines pandemischen Ausbruchs erfolgversprechend.“
Sie empfehlen eine „Ebenen übergreifende Exitstrategie“, um einer weiteren Spaltung der Gesellschaft vorzubeugen. Ansonsten drohe ein Schwinden des Vertrauens in die politische Führung und Teile der Bevölkerung würden nach individuellen Lösungen suchen. Dadurch könnten den Autoren zufolge „radikale Tendenzen in der Bevölkerung verstärkt werden“.
Ein solcher Prozess müsse mittels eines verlässlichen Exitplans verhindert und ab sofort von der Politik angestoßen werden.

Eigenverantwortung statt 2G-Regeln und Massentests

Zu den 2G-Regeln in der Gastronomie und im Einzelhandel schreiben die Autoren des Papiers: Sie „führt nicht zur Spaltung der Gesellschaft, sondern praktiziert sie“. Die Politik solle auf die „Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger vertrauen“ und „mit allergrößter Sorgfalt auf die Einhaltung der Hygiene-und Schutzmaßnahmen“ in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen achten. Die Experten betonen aber auch: „Dies ist nicht gleichzusetzen mit einer kompletten Abschottung von Patienten und Pflegebedürftigen oder gar Sterbenden.“
Weiter fordern sie, die Datenbasis zu verbessern. Infektion bedeute nicht Erkrankung, ein positiver PCR-Test sei nicht mit Infektiosität gleichzustellen. Zwischen Infizierten und Erkrankten müsse unterschieden werden. Dringend seien Daten darüber nötig, wer sich infiziert, wo dies geschieht und welchen Einfluss beispielsweise die Saisonalität hat.
Statt anlassloser und ungezielter Massentestungen mit Antigenschnelltest, so die Autoren, sollte eine gezielte Testung im Verdachtsfall und in vulnerablen Bereichen erfolgen. Die Experten kommen zu dem Schluss, dass FFP2-Masken für die allgemeine Bevölkerung, insbesondere für Kinder, ungeeignet seien. „Hier sind korrekt getragene chirurgische Masken absolut ausreichend.“
Bundesagentur für Arbeit (Archivfoto) - SNA, 1920, 31.01.2022
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Kritischer Blick auf Impfungen

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt würden die Covid-19-Impfungen einen „zuverlässigen individuellen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf“ bieten, schreiben sie. Aber: Da eine dauerhafte Immunisierung nicht möglich sei, erscheint eine allgemeine Impfpflicht den Autoren „sehr fraglich“.
Die Gruppe erinnert daran, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO vor flächendeckenden Auffrischungsprogrammen in einzelnen Ländern“ warne. Diese könnten laut der Organisation die Pandemie eher verlängern, statt sie zu beenden, „da von den unterversorgten Ländern die Gefahr der Ausbreitung weiterer Mutationen ausgeht“. Die Verkürzung des Genesenen-Status auf 90 Tage betrachten die Experten ebenfalls kritisch.

Mit dem Virus leben lernen

Für Kinder und Jugendliche fordern sie eine „Rückkehr zur Normalität“:
„Kita- und Schulbesuch ohne Beschränkungen, ohne Isolation, ohne Massentestungen gesunder Kinder und im Primarbereich bereits jetzt ohne Maske, spätestens mit Abklingen der Omikron-Welle für alle.“
Es sei notwendig, staatliche Handlungsfähigkeit dort zu zeigen, wo diese tatsächlich gefragt sei: nicht bei den Kindern und Jugendlichen, sondern bei den vulnerablen Gruppen und der kritischen Infrastruktur.
„Jetzt ist die Zeit, neu zu justieren“, erklärte der Lungenarzt Thomas Voshaar in der Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 20. Januar ebenfalls. „In der Medizin machen wir nach zwei Jahren noch vieles falsch, statt auf Evidenz und Vernunft zu setzten“. Er sagte der Zeitung:
„Den wiederholten Alarmismus aus der Intensivmedizin halte ich für unverhältnismäßig, vor allem wenn sich daran die gesamte Pandemiepolitik orientiert. Wir bewegen uns von Welle zu Welle, sind jedes Mal neu überrascht. Wir müssen jetzt überlegen, wie wir Schritt für Schritt aus dieser Pandemie herauskommen. Und wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.“
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