„Was will eigentlich Putin?“ – „Russland-Versteher“ ratlos im ZDF-Talk

© REUTERS / POOLRusslands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin - SNA, 1920, 04.02.2022
Ausnahmsweise diesmal kein Corona-Talk: Bei „Maybrit Illner“ stand am Donnerstagabend im ZDF die Ukraine-Krise im Mittelpunkt. Es ging darum, wie sich Deutschland positionieren soll – und was Wladimir Putin eigentlich will.
„Putin-Versteher oder Amerika-Freund – Deutschland zwischen den Fronten?“ – so lautete die Leitfrage der Sendung „Maybritt Illner“ am Donnerstag im ZDF. Bekanntlich wird der Begriff „Putin-Versteher“ in Deutschland eher ironisch verwendet: Wer den russischen Präsidenten Wladimir Putin „versteht“, der gilt als seltsam, weil er „Verständnis“ für Wertevorstellungen hat, die mit den europäischen nicht vereinbar sein sollen.
Die Redaktion der Sendung war wohl sichtlich um Meinungspluralität bemüht: Vertreter von drei Parteien waren eingeladen, dazu noch ein Russe, eine Ukrainerin und eine deutsche Sicherheitsexpertin. Damit war schon von Anfang an klar, dass es keine Einigung in der Talk-Runde geben wird.
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Soll Deutschland Waffen an Kiew liefern?

Interessant war zu beobachten, wie sich einige Teilnehmer als „Putin-Versteher“ versuchten. „Was will eigentlich Putin?“, fragte etwa CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen. Seine Antwort darauf lautete: „Ich glaube, er weiß, was er will. Wir wissen es nicht.“ An einer anderen Stelle behauptete er allerdings, er wisse sehr wohl, was Russlands Präsident wolle – nämlich: Putin „findet sich nicht damit ab, dass Russland kein Imperium mehr ist. Das will er verändern. Ich glaube, das ist sein Lebensziel.“
Seine Vorstellung von Putins Denkweise hat auch Martin Schulz (SPD): „Putin will mit der Europäischen Union nichts zu tun haben“, behauptete er. Russland nehme „uns nicht ernst“. „Und ich muss sagen, das kann ich verstehen.“ Also auch ein Putin-Versteher.
Als solcher wollte Omid Nouripour, der neue Grünen-Parteivorsitzende, dagegen nicht verstanden werden: „Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass diese Frage – ‚Warum sollte Putin es tun?' - nicht maßgeblich ist. Dieses Erklärenwollen ist nicht ausreichend.“
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Einig waren sich allerdings alle drei beim Problem von geforderten westlichen Waffenlieferungen an Kiew.

„Es ist eine Lage, in der wir nicht über die Waffenlieferung reden sollten, sondern über die Wege zur diplomatischen Beruhigung“, betonte Schulz. „Ich sehe nicht, wie mit einer Waffenlieferung an die Ukraine die angespannte Lage entspannt werden kann.“

Röttgen stimmte dem zu, allerdings aus einem anderen Grund:

„Deutschland verfügt gegenüber Russland über besondere Gesprächsmöglichkeiten. Wenn wir Waffen liefern, zerstören wir sie. Nur müssen wir diese Möglichkeiten auch endlich nutzen.“

Nouripour fand seinerseits die bisherige Einstellung der deutschen Regierung in Ordnung, keine letalen, also tödlichen Waffen liefern zu wollen.
Der zugeschalteten Verteidigungsexpertin Ulrike Franke aus der transatlantischen Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) passte dieser „pazifistisch“ anmutende Einklang gar nicht in den Kram. „Wir machen es uns in Deutschland einfach, wenn wir so tun, als seien Waffenlieferungen an die Ukraine Eskalation“, behauptete sie. Mit solchen Lieferungen würde Deutschland seine Solidarität mit der Nato signalisieren. Außerdem würden sie abschreckend wirken, denn die Abschreckungslogik sei im Endeffekt eine „Deeskalationslogik“.

"Russlands Interessen werden falsch verstanden"

Der aus Moskau zugeschaltete Europa-Experte Wladislaw Below signalisierte indessen von seinem Bildschirm aus mehrmals, er komme viel zu selten zu Wort. Aber auch bei seinen Wortspenden drehte es sich alles ums „Verstehen“: „Es ist so, dass der kollektive Westen seit 2007 die Interessen von Russland falsch versteht“, sagte er. Anscheinend wolle der Westen Moskau auch nicht verstehen, denn: „Man hat alle Dialoge eingefroren.“
Von uns zur Erinnerung: In seiner Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 hatte Putin nämlich in resolutem Ton zu verstehen gegeben, Russlands Sicherheitsinteressen würden ignoriert, man wolle mit Russland über diese Interessen und Besorgnisse nicht reden.
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Russland sei kein „Aggressor“, betonte Below, und der neueste Truppenaufmarsch sei nichts anderes als „eine zwingende Einladung an die Amerikaner, letztendlich die Verhandlungen anzufangen“.
Über die Zusammensetzung der Runde bei „Maybrit Illner“ hatte der Moskauer Experte auch eine kritische Meinung: Nach seiner Auffassung seien da „Berater eingeladen“ worden, „die die Realität nicht kennen“.

„Meine Damen und Herren, wir sollten jetzt Schluss damit machen und zu den objektiven Realitäten übergehen“, appellierte Below an die Studio-Gäste.

Einen Lichtblick in der sonst düsteren Lage sahen allerdings ziemlich alle Teilnehmer der Talk-Runde, dass Kanzler Olaf Scholz „in Kürze“ nach Moskau reisen will, um mit Putin zu sprechen. In dem Zusammenhang wurde in einem Einspieler an die früheren SPD-Kanzler Willy Brandt und Gerhard Schröder erinnert, die durchaus eine gemeinsame Sprache mit Moskau gefunden haben. Ob Scholz nach seinem Moskau-Besuch auch als „Russland-Versteher“ eingestuft wird, werden wir bald sehen.
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