„Ostdeutsche Maschinenbauer sind sehr kreativ“: Wie Materialmangel gelöst wird

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Maschinenbau (Symbolbild) - SNA, 1920, 04.02.2022
Der ostdeutsche Maschinenbau steht aktuell gut da. Laut Oliver Köhn vom „Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau für Ostdeutschland“ (VDMA-Ost) bewerten 83 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage gut oder sehr gut. SNA hat mit Köhn darüber gesprochen, der gleichzeitig vor weiterhin unterbrochenen Lieferketten warnt.
Eine solche gute Geschäftslage im ostdeutschen Maschinenbau „hatten wir zuletzt Anfang 2019“, sagte Oliver Köhn im SNA-Gespräch. Er ist Geschäftsführer des „Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau“ für Ostdeutschland (VDMA-Ost). „Die Auftragsbücher sind voll und gut gefüllt.“
Fast 97 Prozent der ostdeutschen Betriebe im Maschinenbau wollen im ersten Halbjahr 2022 ihre Mitarbeiter halten beziehungsweise die Hälfte davon sagt: „Wir wollen weiter einstellen und unser Personal aufstocken.“ Allerdings haben auch vier von fünf Unternehmen Probleme dabei, geeignete Fachkräfte zu finden, so Köhn. Der Fachkräftemangel schlage an dieser Stelle erneut deutlich durch.
83 Prozent der Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau Ostdeutschlands bewerten ihre wirtschaftliche Gesamtsituation positiv. Das ergab eine jüngste Konjunktur-Umfrage des VDMA-Ost unter seinen 350 Mitgliedsbetrieben in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Etwa ein Drittel rechne bis März 2022 mit besseren Geschäftschancen.
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Erhöhte Nachfrage im In- und Ausland

Zwischen Januar und Dezember 2021 erhielten die ostdeutschen Maschinenbau-Betriebe insgesamt 13 Prozent mehr Aufträge als im Vorjahreszeitraum. Die Bestellungen aus dem Inland wuchsen dabei um 10 Prozent, die Aufträge ausländischer Kunden um 15 Prozent.
Allerdings seien die Auswirkungen der Corona-Krise „für unsere Unternehmen noch nicht vorbei“, sagte Köhn im Interview. Die Branche habe weiterhin pandemiebedingt mit großen Herausforderungen zu kämpfen, wie Materialmangel und Lieferengpässe. Quarantäne oder Ausfall erkrankter Mitarbeiter würden sich hier nach wie vor bemerkbar machen.

Flexible Reaktion auf Materialmangel

Auch die zum Jahresanfang gestiegenen Energiepreise würden „natürlich kosten, zusätzlich auf die Margen drücken“, erklärte Köhn. „Aber auch verschiedene Metalle, wo die Preise zum Teil durch die Decke gegangen sind, belasten die Unternehmen.“
Zu dem Umgang der Unternehmen mit den Lieferengpässen sagte der VDMA-Geschäftsführer:

„Wir haben vielleicht den Vorteil, dass die ostdeutschen Maschinenbau-Betriebe sehr kreativ sind. Zum anderen auch sehr flexibel sind, auch aufgrund ihrer Strukturen und Unternehmensgröße.“

Jeder versuche es so gut wie er kann, nach Alternativen zu suchen, erzählt er weiter, „wo er an sein Material so günstig und schnell wie möglich herankommt“. Der eine oder andere schaue sich auch nach alternativen Lieferanten um – zum Teil im näheren Umfeld. Der Austausch über den Verband helfe da ebenfalls: Man unterstützt sich gegenseitig, weil der eine vielleicht von bestimmten Teilen oder Materialien noch mehr auf Lager hat als er momentan benötigt.
„Das können durchaus Lieferanten der Region sein. Das können aber auch Märkte sein, die man bislang noch gar nicht auf dem Schirm hatte.“
Hilfe der Firmen untereinander sei dabei ein wichtiger Ansatz, erklärte Köhn. Aber: „Das wird grundsätzlich auf kurze Sicht das Problem nicht lösen können.“ Langfristig müssen die Unternehmen „möglicherweise neue Lieferanten finden“.
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Lieferengpässe bei Bauteilen, Rohstoffen und Halbleitern

Derzeit gebe es vor allem Materialmangel bei Bauteilen, Baumaterialien, Rohstoffen und Elektronik-Komponenten wie Halbleitern. Dazu würden immens steigende Energiekosten die Unternehmen stark belasten. Andererseits wird betont, dass circa 81 von 100 Firmen im ostdeutschen Maschinenbau Gewinne erzielen. Dies sei bemerkenswert, da Lieferengpässe nach wie vor Fertigstellungs- und Auslieferungsfristen verzögern sowie überdurchschnittlich gestiegene Materialpreise Umsätze und Gewinne schmälern.
Materialmangel für die deutsche Industrie insgesamt stellt weiterhin ein großes Problem dar, das zeigt eine aktuelle Untersuchung des Münchner „Ifo“-Wirtschaftsinstituts. Demnach beklagten Ende Januar 67,3 Prozent aller deutschen Firmen in der Industriebranche Lieferengpässe. Die Situation bleibe angespannt, vor allem bei Herstellern von elektrischer Ausrüstung. Ähnlich hart betroffen sei der Maschinenbau.

„Rückgrat der ostdeutschen Industrie“

Der Dachverband VDMA bildet laut eigener Aussage das größte Branchennetzwerk der Investitionsgüterindustrie in Europa. „Seine Regionalvertretung in Ostdeutschland, der VDMA-Ost, versteht sich als Sprachrohr der Branche vor Ort.“
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„Der Maschinen- und Anlagenbau gilt als das Rückgrat der ostdeutschen Industrie“, schreibt der Verband auf seiner Website. „Ihre Produkte und Dienstleistungen genießen im In- und Ausland hohes Ansehen. Zwischen Ostseeküste und Erzgebirge liegen die Schwerpunktbranchen auf Werkzeug-, Druck- und Verpackungsmaschinen, Hebe- und Fördermitteln sowie Werkzeug- und Formenbau.“ Darüber hinaus sei der ostdeutsche Maschinenbau eng verbunden mit Zukunftsbranchen wie Biotechnologie, erneuerbaren Energien, Mikrosystemtechnik und Medizintechnik.
Das Radio-Interview mit Oliver Köhn (VDMA-Ost):
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