LNG statt Gas aus Russland? Habeck will Flüssiggas-Terminals offenbar mit Steuergeldern fördern

© REUTERS / Nerijus AdomaitisEin Blick auf die nördlichste Flüssigerdgasanlage (LNG) der Welt, auf der norwegischen Insel Melkoeya. Symbolbild.
Ein Blick auf die nördlichste Flüssigerdgasanlage (LNG) der Welt, auf der norwegischen Insel Melkoeya. Symbolbild. - SNA, 1920, 03.02.2022
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat sich vor Kurzem für Flüssigerdgasterminals (LNG-Terminals) ausgesprochen, um die Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas zu mindern. Wie sehen da die Pläne aus?
Moskau hat den EU-Ländern zwar nie gedroht, die Gaslieferungen im Falle eines Konflikts einzustellen. Inzwischen verdoppelte Gazprom sogar den Gastransit über die Ukraine nach Europa – zum 1. Februar belief sich der tägliche Transit laut dem Betreiber der Gastransportsysteme der Ukraine auf 108 Millionen Kubikmeter, was dopellt so viel ist wie durchschnittlich im Januar.
Trotzdem diskutieren viele Medien und Politiker in Deutschland: Was tun, wenn die Russen im Ukrane-Konflikt uns doch den Gashahn zudrehen? Auf die Frage, welche Rolle Russland spielen sollte, wenn Deutschland in den nächsten Jahren mehr Gas braucht, brachte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vorige Woche bei einer Befragung im Bundestag die sogenannte Diversifizierung ans Licht:
„Wenn man nicht über Russland geht, dann gibt es die theoretische Möglichkeit, uns aus Nordafrika mit einer Pipeline zu versorgen. Wenn das nicht der Fall ist, muss man LNG einkaufen“. Dafür bräuchte man aber Infrastruktur, und die beiden neuen Terminals, die man in Deutschland angedacht habe, seien bisher nicht privat finanzierbar, sagte Habeck. „Dieser Frage werden wir uns energisch zuwenden“, versprach er und merkte an, dass das verflüssigte Erdgas da eingekauft werden müsste, wo es am günstigsten sei. Denn die Gas-Einkäufe seien marktgetrieben.

Rekordmenge von LNG im Januar

Abgesehen von der interessanten Wendung, dass ein Grünen-Minister wegen der Fracking-Methode deutlich schädlicheres Flüssiggas als reale Alternative sieht. Welche Perspektiven hat LNG in Deutschland aktuell? Erstens, im Januar erhielten die EU-Staaten laut dem Energie-Informationsdienst „Platt“eine Rekordmenge an verflüssigtem Gas seit 2019 – 11,8 Milliarden Kubikmeter. 45 Prozent davon kommen aus den USA. Die Börsenpreise für Gas fielen sofort leicht unter 900 US-Dollar pro tausend Kubikmeter. Das reichte jedoch nicht aus, um die Gaskrise in Europa erfolgreich zu bekämpfen. Dazu kommt noch, dass der LNG-Börsenhandelsmarkt so gestaltet ist, dass er nicht wirklich zur Senkung der Weltgaspreise beiträgt.
Zweitens, Deutschland hat zwar keine LNG-Terminals, dafür haben aber die Nachbarländer welche: Belgien eins, Frankreich vier Terminals, die Niederlande und Polen jeweils auch eins. Mehrere davon gibt es in Spanien, Portugalien, Italien, Litauen und in Malta. Und sie sind nicht komplett ausgelastet. Offenbar, weil der liberale Gasmarkt sich eben nicht zu oft für das teurere LNG entscheidet.
Deswegen hatten auch die beiden in Deutschland geplanten LNG-Terminals in Brunsbüttel und Stade, wo vor allem Flüssigerdgas aus den USA anlanden soll, bisher wenig Erfolg. In schleswig-holsteinischen Brunsbüttel zog sich im Januar dieses Jahres der Hauptinvestor, der holländische Hafenlogistiker Vopak, aus dem Projekt zurück, kurz darauf stoppte auch die Stadt ein Verfahren zur Änderung des Bebauungsplans. Auch in Stade in Niedersachsen will die Firma Hanseatic Energy Hub GmbH offenbar erst 2026 mit den Bauarbeiten fertig sein. Derzeit finalisiere man die Unterlagen für die Genehmigungen der Anlage, sagte neulich ein Sprecher der „Wirtschaftswoche“.
Gas im Haushalt  - SNA, 1920, 02.02.2022
Mengenmäßig größte Abnehmer von russischem Gas in Europa – Infografik
WillHabeck diese fehlende LNG-Infrastruktur nun mit Steuergeldern unterstützen? Auf eine SNA-Anfrage bestätigte die Sprecherin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), Susanne Ungrad, dass bei Erfüllen der nötigen Voraussetzungen für LNG-Terminals verschiedene Förderinstrumente grundsätzlich offen stehen würden: die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) sowie die Förderung im Rahmen der Fortschreibung der Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie (MKS-Förderung), wenn in dem Terminal auch ein sogenannter Small-Scale-Bereich vorgesehen sei – also für direkte Verwendung von LNG in seiner flüssigen Form, im Gegensatz zu dem herkömmlichen Schema der Wiederverdampfung und Einspeisung in das Gastransportnetz von einem LNG-Terminal.

LNG-Terminals auf Wasserstoff umstellen?

Auf die Frage, welche konkreten Voraussetzungen für die beiden Programme vorgesehen sind, wollte die Sprecherin nicht eingehen. Die GRW istlaut dem Portal des Ministeriums Teil des Gesamtdeutschen Fördersystems für strukturschwache Regionen, das zum 1. Januar 2020 in Kraft trat. Durchgeführt wird die GRW durch die Länder, wobei der Bund den Förderrahmen mitgestaltet und die Hälfte der Ausgaben trägt. Im Jahr 2021 etwa standen insgesamt 918 Millionen Euro Bundesmittel für das Programm bereit. Um die MKS-Förderung kümmert sich das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Doch soweit ist man im Fall derbeiden LNG-Terminals noch nicht.
Robert Habeck spricht zu den Medien nach der Amtsübergabe im Wirtschaftsministerium in Berlin (Archivbild) - SNA, 1920, 27.01.2022
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Stattdessen, so die Sprecherin weiter, verschaffe sich das Wirtschaftsministerium derzeit ein Bild über die Möglichkeiten der Umstellung dieser Terminals von LNG auf Wasserstoff. „Konkrete Projekte stehen dabei aber noch nicht an“, sagt sie. Im September 2021 zeigte eine Untersuchung der Technischen Universität Hamburg übrigens, dass das Terminal in Brunsbüttel perspektivisch auch zum Aufbau einer Infrastruktur für Wasserstoff beitragen könnte. Rechnen wird sich das allerdings nur, wenn der Wasserstoff künftig billiger und seine Herstellung umweltfreundlicher wird.
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