Münchner Missbrauchsgutachten: „Es ist gang und gäbe in der Kirche die pädophilen Täter zu schützen“

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Frauenkirche in München (Symbolbild) - SNA, 1920, 02.02.2022
Nach dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche fordert die 1996 in Rom gegründete internationale Reformbewegung „Wir sind Kirche”, sich wieder an die faszinierende christliche Grundbotschaft zu erinnern. Im Interview mit SNA erklärt ihr Bundessprecher Christian Weisner, warum das ein historischer Moment wäre.
Herr Weisner, das zweite Münchner Missbrauchsgutachten nennt mindestens 497 Opfer zwischen 1945 und 2019. Wie beurteilt die römisch-katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ diese Ergebnisse?
Die sind jedes Mal erschütternd, aber das ist ja nicht das erste Ergebnis. Es gab in München schon im Jahr 2010 eine Untersuchung, allerding ohne veröffentlichte Zahlen. In anderen Diözesen und auch für ganz Deutschland gibt es eine Untersuchung. Im Jahr 2018 war die sogenannte MHG-Studie von den Bischöfen in Auftrag gegeben, die noch viel größere Zahlen genannt hat.
Die Zahlen sind nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, dass diese Gutachten jetzt aufdecken, wie es zum geistlichen und sexuellen Missbrauch gekommen ist und wie anschließend vertuscht worden ist.
Das Problem ist sehr viel größer, aber es gibt keine Dunkelfeld-Studie. So viele Dinge sind gar nicht an die Öffentlichkeit gelangt oder Akten sind vernichtet worden. Vor kurzem ist in Frankreich eine Dunkelfeld Studie erstellt worden, wo abgeschätzt worden ist, wie groß der Missbrauch sein kann und die kam zu viel größeren Zahlen.
Dom, Kirche, Symbolbild - SNA, 1920, 26.01.2022
Nach Missbrauchsgutachten: Städte in Bayern mit massenhaften Kirchenaustritten konfrontiert

Die Verantwortungsfrage

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, hatte sich eine Woche lang Zeit genommen, um sich zu dem Gutachten der Missbrauchsstudie, zu äußern. Zurücktreten will er nicht. Dem Gutachten zufolge hat er auch in zwei Missbrauchsfällen Fehlverhalten gezeigt. Was sagen Sie zu seiner Reaktion?
Gerade dieses zweite Münchner Gutachten hat noch mal sehr gut herausgearbeitet, worin wirklich die Verantwortung eines Bischofs in der römisch-katholischen Kirche ist, auch wenn er nicht alle Entscheidungen selber durchführt.
Die Gesamtverantwortung liegt beim Bischof. Dieses Gutachten ist international sehr beachtet worden. Da war der ehemalige Papst Benedikt, der von 1977 bis 1981 Erzbischof von München und Freising war. In seiner Zeit ist auch ein pädophiler Priester in der Seelsorge eingesetzt worden. Das hätte nicht passieren dürfen. Auch da erwarten wir, dass der Bischof Verantwortung übernimmt.
Diese Verantwortungsfrage ist jetzt durch dieses Münchner Gutachten sehr deutlich geworden: Es gibt eine Verantwortung nach Kirchenrecht und eine moralische Verantwortung. Auch wenn es da um Vergangenes geht, wünschen wir uns, dass Kardinal Marx Verantwortung für die Zukunft übernimmt.
Denn es gibt hier in Deutschland endlich den Reformprozess von Bischöfen mit Theologen und Theologinnen. Diesen sogenannten Synodalen Weg hat Kardinal Marx selber 2019 mit angestoßen. Da sollte er sich für die notwendigen Reformen in der Kirche einsetzen, damit sexualisierte Gewalt und vor allen Dingen die ihre Vertuschung nicht mehr in Zukunft stattfinden wird.
Die Untersuchung umfasst die Amtszeit des ehemaligen Kardinals Joseph Ratzinger als Erzbischof in München. Ihm werden darin falsche Angaben vorgeworfen. Wie viel Verantwortung kann man denn dem späteren Benedikt XVI. an dem Geschehenen geben?
Joseph Ratzinger war als Papst sehr ungut beraten. Es gibt Indizien, dass er diese 82 Seiten lange Stellungnahmenicht selber geschrieben hat. Das ist von einem 94-Jährigen gar nicht zu erwarten. Aber dass in so einer entscheidenden und leicht nachprüfbaren Frage, ob der damalige Erzbischof Ratzinger an einer Sitzung teilgenommen hat oder nicht, das ist höchstpeinlich. Erst wurde da eine Angabe gemacht, die sehr kurz danach wieder korrigiert werden musste.
An anderen Stellen in der Stellungnahme von Joseph Ratzinger zu diesem Münchner Missbrauchsgutachten hieß es, das sei doch keine sexualisierte Gewalt, das sei doch kein Missbrauch. Und das ist schwer nachvollziehbar. Denn das sind Dinge gewesen, die weder heute, aber auch nicht in der damaligen Zeit in der katholischen Kirche zu dulden gewesen sind. Dieser Vorwurf heißt, dass man mit den Kriterien der heutigen Zeit Vergangenes beurteilt, wo es einen ganz anderen Zeitgeist gegeben hätte. Das ist da auch verräterisch.
Papst Benedikt XVI. (Archivbild) - SNA, 1920, 24.01.2022
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„Das kann nicht Gottes Wille sein“

Apropos Zeitgeist: In einem 2019 erschienen Aufsatz hatte Kardinal Ratzinger den Umwälzungen der 1968er Jahre eine Schuld an dem Missbrauchsskandal in der Kirche gegeben. Wie beurteilen Sie diese Argumentation?
Das war eben diese Argumentation, die auch deutsche Bischöfe verwendet haben. Sicher, die Einstellung zur Sexualität mag sich insgesamt geändert haben. Gerade nach der Studentenrevolution, nach der Einführung der Antibabypille gab es sexuelle Freiheiten, die praktiziert worden sind. Aber das, was an geistigem und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche stattgefunden hat, das wäre damals nicht zu dulden gewesen, und das ist heutzutage auch nicht zu dulden. Da haben sich die Moralvorstellungen nicht verschoben.
Da wäre es für die Zukunft wichtiger, dass die römisch-katholische Kirche von einer Tabuisierung der Sexualität wegkommt. Nach der Sexuallehre der katholischen Kirche, nachdem was im Katechismus steht, ist wirklich alles sehr genau reguliert: Was ist erlaubt und was ist nicht erlaubt?
Wir merken das im Augenblick sehr deutlich zum Beispiel an homosexuellen Lebenspartnerschaften. Die katholische Kirche kann das immer noch nicht akzeptieren. Dabei sind das Realitäten, die heutzutage von vielen Menschen akzeptiert und praktiziert werden. Es widerspricht den allgemeinen Menschenrechten, dass man Menschen ihre sexuelle Orientierung, ihre sexuelle Identität nimmt oder es verbietet, diese auch zu leben. Das heißt, man würde sie zum Alleinsein verurteilen. Das kann nicht der Wille Gottes sein.
Zurück zum Gutachten: Da gab es den Fall des Priesters H., der häufig versetzt worden ist und immer wieder mit Kindern zu tun hatte, obwohl er pädophil war. Kann man denn Herrn Ratzinger oder anderen Verantwortungsträgern vorwerfen, dass sie einen pädophilen Priester geschützt haben?
Ja, dieser Vorwurf ist berechtigt und das ist leider gang und gäbe gewesen in der damaligen Zeit bis heute in die Gegenwart. Wenn ein Priester oder ein kirchlicher Mitarbeiter sexuelle Gewalt praktiziert hat, auch geistliche Gewalt, hat man ihn einfach in eine andere Gemeinde versetzt, ohne diese neue Gemeinde über das Geschehene zu informieren. Man ist damals fälschlicherweise davon ausgegangen, dass so etwas heilbar ist. Oder man hat gesagt, ‚du besserst dich jetzt‘, und dann hat der Priester versprochen: ‚Ja, ich mache das‘.
Damit wurde aber weder dem Priester, dem Täter noch den möglichen künftigen Betroffenen etwas Gutes getan. Sondern das hat ihnen ganz im Gegenteil sehr geschadet. Denn auch die Täter sind natürlich in gewisser Weise Opfer der katholischen Kirche, Opfer der Sexualmoral der katholischen Kirche.
Katholische Kirche (Archivbild) - SNA, 1920, 24.01.2022
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„Vertrauen kommt von unten“

Vor allem auch in Bayern, in München, traten neulich viele aus der Kirche aus. Was bedeutet das Gutachten und auch die Reaktionen der Verantwortlichen für die katholische Kirche?
Diese Kirchenaustrittszahlen sind erschreckend. Wir von der Reformbewegung „Wir sind Kirche“ appellieren an die Menschen, jetzt gerade nicht auszutreten. Dieses Münchner Gutachten, das ist einhistorischer Moment, weil jetzt wirklich deutlich geworden ist, es muss sich etwas ändern.
Der Münchner Kardinal hat das noch mal in seiner Pressekonferenz ganz deutlich gesagt: Wer jetzt noch meint, dass es keine Neuerungen, keine Reformen in der Kirche braucht, der hat die Zeichen der Zeit, der hat die Realität nicht verstanden. Also es geht jetzt darum, die Kirche von unten neu aufzubauen. Vertrauen kommt von unten. Die Kirchenleitung muss handeln, aber die Menschen in der Kirche müssen auch dafür sorgen, dass wirklich etwas geschieht. Und der Staat ist ebenfalls gefragt: Der Staat muss die Kirche in Beobachtung nehmen. Da ist in den vergangenen Jahrzehnten viel zu wenig geschehen.

Botschaft eines gütigen, liebenden Gottes

Was erwartet die Bewegung „Wir sind Kirche“ von der Institution Kirche? Was muss da passieren, damit die Menschen auch wieder mehr vertrauen können?
Die christliche Botschaft – und das betrifft die protestantischen Kirchen, die katholischen, orthodoxen und auch die Freikirchen – ist eine faszinierende Botschaft. Eine Botschaft eines gütigen, liebenden Gottes, der die Menschen befähigt, gut miteinander zu leben. Die Nächstenliebe und die Gottesliebe, das sind die Grundbotschaften. Es wäre schade, wenn diese Grundbotschaften aus den Gesellschaften samt der Kirche verschwinden würden. Wir brauchen die Kirchen, die Gemeinden auch als Gemeinschaftsräume. Aber das geht nur, wenn wir uns wirklich an diese christliche Grundbotschaft erinnern.
In der römisch-katholischen Kirche gab es 1962 bis 1965 ein großes Reformkonzil: das Zweite Vatikanische Konzil. Bei diesem Konzil sind viele Themen angestoßen worden: die Öffnung in der Ökumene, die Öffnung zum Judentum und das soziale Engagement der Kirche. Vor allen Dingen aber, dass die Kirche keine Hierarchie ist, keine Monarchie, sondern dass sie eine Glaubensgemeinschaft von Menschen ist.
Diese Vision müssen wir wieder neu entdecken. Papst Franziskus ist einer, der seit acht Jahren mit aller Kraft versucht, dieses Kirchenbild in die Gegenwart zurückzuholen. Deswegen braucht er die Unterstützung von uns allen. Und „Wir sind Kirche“ sind mit Papst Franziskus auf dem Weg des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das ist ein Weg der Hoffnung, ein Weg der Zukunft.
Das komplette Interview mit Christian Weisner von „Wir sind Kirche“ zum Nachhören:
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