Fast 126.000 Erkrankte täglich: Russland im Kampf gegen Omikron – Expertenmeinungen

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Coronavirus-Variante Omikron (Symbolbild) - SNA, 1920, 01.02.2022
Der Omikron-Stamm wütet auch in Russland, jetzt auch genauso stark wie in Deutschland. Die Hospitalisierungszahl beträgt 17.487 Personen, fast doppelt so viel wie am Vortag, aber 663 Todesfälle bleiben auf dem Juli-Niveau. Die Verzögerung der Infizierung gegenüber Europa erlaubt es, die Reaktion der russischen Regierung darauf einzuschätzen.
Die russischen Behörden haben sich von der Panik nicht anstecken lassen, sie entwickeln eine verantwortungsvolle und wohlerwogene Antwort auf die Herausforderung, so lautet die Schlussfolgerung der Experten, die sich zum Rundgespräch in der Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“ versammelt haben. Der Politologe Alexander Assafow meint, eine Verschärfung der Maßnahmen bis hin zum Lockdown würde nicht helfen. „Die europäischen Erfahrungen zeigen, dass die Krankenzahlen trotzdem steigen. Deshalb haben mehrere Länder mit der Lockerung der Maßregeln begonnen, selbst die WHO hat die Aufhebung der Restriktionen auf Auslandsreisen empfohlen, weil diese die Zahl der Corona-Infizierten auf keine Weise beeinflussen und zugleich negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.“
Der Leiter des Zentrums für politische Analysen, Pawel Danilin, fügte hinzu: „Länder mit besonders strikten Gegenmaßnahmen weisen einen stärkeren Corona-Zuwachs auf als diejenigen mit milderen Beschränkungen. Dies konfrontiert die ganze Welt mit der Frage, wo man halten muss, damit die Arznei nicht zu Gift wird. Die zweite Schlussfolgerung: Ein exzessives Testen überfordert das Gesundheitswesen. Einschränkungen vertiefen nur die sozialwirtschaftlichen Probleme, ärgern die Gesellschaft und tragen nichts zur Bekämpfung des Virus bei.“
Russland hält sich nach Meinung der Experten in dieser Hinsicht an die goldene Mitte. „Da die Corona-Wellen hierzulande mit einer Verzögerung anlangen“, so Danilin, „können die Behörden auf das ,Gesengte-Sau-Verhaltensmuster‘ verzichten. Allerdings wird die Effizienz der Bekämpfung der Pandemie in Russland durch mangelndes Vertrauen der Bürger in die offiziellen Statistiken sowie durch die Abneigung vieler Russen gegen die Impfung beeinträchtigt.“

Man fürchtet den Corona-Schutz mehr als das Coronavirus selbst

Der Soziologe des Meinungsforschungsinstituts WZIOM, Michail Mamonow, teilte mit, in der Gesellschaft wachse trotzdem die Besorgnis wegen der möglichen Erkrankung: „Während noch am 16. Januar 55 Prozent erklärt hatten, sie befürchten es mehr oder weniger, waren es am 19. Januar bereits 62 Prozent. Ebenfalls 62 Prozent der Befragten haben die Anti-COVID-Maßnahmen der Regierung als wirksam bezeichnet. Gut ein Drittel (34 Prozent) waren damit nicht einverstanden. Unter den besonders ärgerlichen Beschränkungen nennt man das Verbot, öffentliche Räume ohne QR-Code zu besuchen, die Maskenpflicht, die soziale Distanz und die ,zwangsläufige Impfung‘. Es stellt sich heraus, dass russische Bürger weniger das Coronavirus als den Corona-Schutz fürchten.“
Der Sprecher des Experteninstituts für Sozialforschung, Gleb Kusnezow, betonte, dass sich Russland vor allem durch das unterschiedliche Herangehen an die Bekämpfung des Omikron-Stammes je nach der Lage in einzelnen Regionen auszeichnet. Ihm zufolge hat Russland bei der Corona-Regelung Absurditäten vermieden, mit denen man weltweit konfrontiert wurde, insbesondere den Ausschluss der Ungetesteten von der medizinischen Nothilfe.
Seit zwei Wochen hat sich die Krankenzahl in Russland jedoch verfünffacht, wobei die Hospitalisierungsinzidenz langsamer steigt. Mitte Januar wurden in Moskau täglich 700 Erkrankte in Krankenhäuser eingewiesen, inzwischen sind es 1.400. Das ist für das Funktionieren der medizinischen Infrastruktur noch nicht kritisch, obwohl diese voll ausgelastet ist. Zusätzliche Maßnahmen will man erst erwägen, wenn die Inzidenzzahl zumindest 3000 oder 4000 pro Tag erreicht. Gegenwärtig verfügt die Stadt über rund 7000 freie Krankenbetten (42 Prozent der gesamten Bettenkapazität).
Im Hinblick auf die negativen Folgen des Lockdowns für die Geschäftswelt und den Arbeitsmarkt hat die russische Regierung davon abgesehen. Auch wurde festgestellt, dass längeres Online-Unterrichten die Inzidenzzahl nicht eindämmen kann, da die Schüler und Studenten wegen der altersbedingten Besonderheiten ihres Verhaltens mit den vorgeschriebenen Restriktionen verantwortungslos umgehen.
Sputnik V - SNA, 1920, 27.01.2022
Der universelle Booster: Führende Virologen loben Effizienz von „Sputnik V“ – auch gegen Omikron

Maßnahmen der russischen Regierung gegen Omikron

Unter den verhängten Maßnahmen ist den Experten die Homeoffice-Pflicht für jeweils 30 Prozent der Mitarbeiter aufgefallen. Sie betrifft in erster Linie ältere Bürger und Personen mit chronischen Krankheiten. Darüber hinaus wurde in Krankenhäusern ein zusätzlicher Bettenbestand geschaffen. Aber nicht nur die Zahl der freien Betten in Spitälern, sondern auch die Anzahl der Ärzte darin und die in Ambulanzen stellt ein Problem dar. Da die Omikron-Variante einen leichteren Verlauf als die Delta-Variante hat, müssen gerade diese die Hauptlast übernehmen, so der Genforscher Kirill Wolkow: „Wichtig ist vor allem, dass die Ärzte gesund bleiben. Omikron durchbricht aber ihre durch Impfung erzeugte Abwehr, und auch die Genesenen werden angesteckt. Wir werden für eine Zeitlang ein Viertel des medizinischen Personals ganz gewiss einbüßen, vielleicht sogar ein Drittel. Sobald aber ein Mangel an Ärzten entsteht, wird die Letalität rasant zunehmen. Wegen der hohen Virulenz der Omikron-Variante können viel mehr Patienten in Krankenhäuser kommen als bei den vorigen Wellen.“
In Russland meint man, es komme vor allem auf die Isolierung der Erkrankten zu Hause an, damit sie die Infektion nicht weitergeben und das Gesundheitswesen mit überflüssigen Arztbesuchen nicht belasten. Nur falls die Temperatur länger als drei Tage über 38 Grad liegt, soll man den Notarzt rufen. Ein anderer Weg, die Ärzte zu entlasten, ist, ihnen die Routine bei der Ausstellung des Krankenscheins in Anwesenheit des Patienten zu ersparen. Einen Krankenschein kann man sich inzwischen auf der Webseite „Gosuslugi“ („Staatliche Dienstleistungen“) ausstellen lassen.
Ferner hat die Regierung zusätzliche 20 Milliarden Rubel für die Beschaffung unentgeltlicher Medikamente für die Corona-Patienten bereitgestellt. In der Staatsduma hat man sogar den Gesetzentwurf über QR-Codes von der Beratung ausgeschlossen, weil er, wie es hieß, den aktuellen Gegebenheiten nicht mehr gerecht werde. Der Immunologe Wladimir Bolibok begrüßt diesen Beschluss. „Warum Ressourcen ausgeben für die Zügelung einer Sache, die sich nicht zügeln lässt.“

Totale Impfung oder Ansteckung und Übertragung?

Das ganze verflossene Jahr hindurch haben Experten nicht ohne Grund die Impfkampagne in Russland als gescheitert bezeichnet. Die Impfquote konnte nur 64,4 Prozent erreichen, aber seit November 2021 ist die Impfbereitschaft der Russen laut einer Umfrage der Agentur SuperJob deutlich gestiegen und liegt jetzt bei gut 50 Prozent. Dazu haben verschiedene Entscheidungen der Regierung beigetragen, einschließlich der restriktiven, vor allem aber, laut den Experten, die Anerkennung des russischen Impfstoffes Sputnik V von der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ als effektiv und sicher.
Darüber hinaus startet in diesen Tagen die Impfkampagne für Teenager zwischen 12 und 17 Jahren. 2022 soll auch die nasale Variante des Sputnik V, in Form eines Nasensprays, für den allgemeinen Gebrauch freigegeben werden. Laut Experten ist dieses Präparat sehr wichtig, weil es „zusätzliche Hürden für das Virus schafft“. Des Weiteren behaupten sie, die Auffrischungsimpfung mit Sputnik Light sei in der Lage, die Wirksamkeit auch des Pfizer-Impfstoffes zu erhöhen, und die Verbindung von Adenovirus- und mRNA-Impfstoffen könne Omikron im Allgemeinen stoppen.
Einige Immunologen halten Omikron für den letzten starken Ausbruch des COVID, nach dem die Infektion schwächer bzw. nach und nach endemisch werden soll, deren Ausbrüche nach Grippe aussehen würden. Manche Experten nehmen an, der Omikron-Stamm könne als eine Art „Impfung“ betrachtet werden, wenn es eine globale Immunität geben wird, weil die Menschen wegen einer Infektion Immunität haben, die die Pandemie überwinden hilft. Der Leiter des Gamaleja-Forschungszentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie, Alexander Ginzburg, der Entwickler von Sputnik V, warnte aber vor dem letalen Ausgang dieser „Impfung“: „Auch der Omikron-Stamm bewirkt allerlei Komplikationen bis hin zum Exitus, vor allem bei Menschen mit abgeschwächter Immunität.“
Die Corona-Pandemie werde fortdauern, bis die Mehrheit eine Immunität dagegen entwickelt, so Ginzburg: „Daran, dass Omikron alle querbeet anstecken kann, glaube ich ohne Weiteres. Dass aber damit alles zu Ende sein wird, dafür sehe ich leider keine wissenschaftlichen Voraussetzungen.“
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