Gläubige vs. LGBT: Bibel-Tweet mit Spaltpotenzial

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LGBT-Flagge (Symbolbild) - SNA, 1920, 31.01.2022
In Finnland muss sich die Ex-Innenministerin Päivi Räsänen wegen Anstachelung zum Hass gegen die LGBT-Gemeinschaft vor Gericht verantworten. Als Anlass dient ein Zitat aus der Bibel, das sie in den sozialen Netzwerken gepostet hatte.
Warum dieser Fall die Gemüter erregt und dafür sorgen könnte, dass sich Europa bei diesem Thema in zwei Lager spaltet:

Drei Episoden

„Sie haben Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient statt dem Schöpfer. (…) Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn bei ihnen haben Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Männer mit Männern Schande über sich gebracht und den Lohn für ihre Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.“
Diesen Auszug veröffentlichte Räsänen vor zwei Jahren auf Twitter. Gleichzeitig übte sie Kritik an den Vorstehern der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands für die „Unterstützung der LGBT-Bewegung“.
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Zudem sprach sich die ehemalige Ministerin in einem Radio-Interview über das Thema „Sündhaftigkeit der Homosexualität“ aus. Später wurde ihr Artikel von einer finnischen christlichen Zeitung veröffentlicht. Der Redakteur, der lutherische Bischof Juhana Pohjola, wurde ebenfalls vor Gericht gestellt.
Weder Twitter noch die finnische Medienaufsichtsbehörde hatten in den erwähnten Äußerungen etwas Grenzwertiges gesehen. Anders als die Polizei, die der Abgeordneten einen Verstoß gegen das Gesetz über Diskriminierung bzw. Erniedrigung der Menschenwürde (gegebenenfalls homosexueller Menschen) vorwirft. Trotz der Empörung der Rechtsanwaltsgemeinschaft, die das besagte Gesetz für „verschwommen und subjektiv“ hält, fanden die ersten Gerichtsverhandlungen in der vorigen Woche statt. Räsänen drohen jetzt bis zu zwei Jahre Haft.
„Die Bibel ist für mich eine Frage von Leben und Tod. Ich wollte niemanden kränken. Die Materialien, die für das Verfahren als Anlass dienten, sind mit der biblischen Ehe-Lehre verbunden“, sagte sie.
Räsänen steht seit 2004 an der Spitze der Christdemokratischen Partei, die regelmäßig ins Parlament gewählt wird. Als Innenministerin leitete sie die finnische Polizei. Und jetzt ist sie selbst mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

„Zwischen Bibel und Strafgesetzbuch“

Für das ruhige und friedliche Finnland wurde der „Fall Räsänen“ besonders aufsehenerregend. Die ersten Gerichtsverhandlungen verliefen sehr emotional und wurden erst kurz vor Mitternacht abgeschlossen. Der Staatsanwalt sagte buchstäblich folgendes: „Die Bibel feuert den Hass an.“ Die Abgeordnete bestand darauf, dass die Vorwürfe gegen sie unbegründet seien.
„Ich habe 2004 selbst für dieses Gesetz (über Diskriminierung, Anm. d. Red.) gestimmt“, sagte Räsänen. „Ich hätte nie gedacht, dass es so entstellt werden könnte.“
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Kimmo Nuotio, ein bekannter finnischer Strafrechts-Professor, findet diesen Fall „schicksalhaft“. „Der Fall ist einmalig: Normalerweise werden Menschen für schwulenfeindliche Äußerungen nicht zur Verantwortung gezogen“, betonte er. „Außerdem verflechten sich hier viele Fragen, von den Grenzen der Meinungs- und Glaubensfreiheit und bis zu den Ansichten des Staates zum Familienmodell.“
Darüber hinaus könnte das ein gefährlicher Präzedenzfall werden: Für religiöse Ansichten könnte man jetzt unter Umständen hinter Gittern landen.
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„Die Anklage behauptet, dass man sich zwischen der Bibel und den finnischen Gesetzen entscheiden muss, als würden sie einander widersprechen“, warnte der Rechtsanwalt Paul Coleman, der die Rechte der Gläubigen verteidigt. „Es entsteht der Eindruck, dass wir ein mittelalterliches Gericht gegen Häretiker beobachten, aber umgekehrt: Die überzeugte Christin Päivi Räsänen tritt gegen die Bestimmungen der ‚neuen Religion‘ auf.“

Gefeuert wegen eines Posts

Zum „Fall Räsänen“ haben sich fast alle Kirchen Europas geäußert. Mehr als 30 Prozent der christlichen Bevölkerung der Europäischen Union besuchen laut dem angesehenen Forschungszentrum Pew regelmäßig die Kirche. In Finnland entfallen auf die Christen 77 Prozent der Bevölkerung.
Das ist nicht der erste Konflikt dieser Art in Europa. Im vorigen Jahr verhängte die EU-Führung wegen schwulenfeindlicher Gesetze Sanktionen gegen Polen und Ungarn. Beide Länder warfen Brüssel im Gegenzug Scheinheiligkeit und Diskriminierung von Gläubigen vor.
2016 hatte ein Gericht in Nordirland die Besitzer einer Bäckerei zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie sich geweigert hatten, eine Torte mit der Aufschrift „Lasst uns schwule Ehen unterstützen!“ zu backen.
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Die britische Schauspielerin Seyi Omooba wurde 2019 von einem Theater in Leicester gefeuert, weil sie fünf Jahre zuvor folgenden Post veröffentlicht hatte: „Als Pastorentochter glaube ich, dass kirchlicher Segen für schwule Ehen die christliche Lehre entstellt.“ Sie bemüht sich immer noch darum, zu beweisen, dass sie damals rechtswidrig entlassen wurde, und wird sich möglicherweise an das Europäische Gericht für Menschenrechte wenden.
Dort kann man allerdings kaum etwas tun, weil das europäische Recht ziemlich kontrovers ist. Denn einerseits schützt es die Glaubensfreiheit – man darf seine religiösen Überzeugungen offen zum Ausdruck bringen. Andererseits unterstützt es auch die LGBT-Community.
Der Prozess gegen Päivi Päsänen ist offensichtlich symbolpolitisch. Aber egal wie das Urteil ausfällt (es wird voraussichtlich Ende März bzw. Anfang April bekannt gegeben), polarisiert es die Europäer noch mehr.
Anton Skripunow
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