Russland und Belarus vor Großmanöver: Das steckt wirklich dahinter

© SNA / Alexey KudenkoEine Besatzung des Mehrfachraketenwerfersystems Grad feuert während einer gemeinsamen russisch-weißrussischen Militärübung auf dem Übungsgelände Mulino in der Region Nischni Nowgorod
Eine Besatzung des Mehrfachraketenwerfersystems Grad feuert während einer gemeinsamen russisch-weißrussischen Militärübung auf dem Übungsgelände Mulino in der Region Nischni Nowgorod - SNA, 1920, 28.01.2022
Russland und Belarus werden im Februar das gemeinsame Großmanöver „Entschlossenheit der Union 2022“ abhalten. Dabei sollen Verteidigungsstrategien der Truppen trainiert werden.
Die westlichen Länder warfen Moskau und Minsk wenig überraschend Aggression und Eskalation der internationalen Spannungen vor. Zugleich plant die Nato eigene Manöver – die größten Übungen seit dem Kalten Krieg.

Angriff abwehren

Die Manöver finden auf belarussischen Militärgeländen Domanowski, Goschski, Obus-Lesnowski, Brestski und Ossipowitschski vom 10. bis zum 20. Februar statt. Infanterie und Panzer erhalten während der Übungen Unterstützung von den Luftstreitkräften – von den Flugplätzen Baranowitschi, Lida und Matschulischtschi. Beide Seiten entsenden insgesamt 60.000 bis 80.000 Soldaten zu den Übungen, faktisch die gesamte Infrastruktur der belarussischen Armee wird dabei genutzt.
Zum ersten Mal werden nicht nur Soldaten und Offiziere des Militärbezirks West, sondern auch Einheiten aus dem Fernen Osten, die per Eisenbahn verlegt werden, mit den Belarussen trainieren. Nach Angaben des russischen Vize-Verteidigungsministers Alexander Fomin wird ein Verteidigungsszenario mit der Hinzunahme zusätzlicher Militärkräfte im Falle eines äußeren Angriffs durchgespielt. „In diesem Fall muss das gesamte militärische Potential beider Länder zur Verteidigung herangezogen werden“, sagte er.
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Die Übungen verlaufen in zwei Phasen. Zunächst werden in Belarus ein Militärverband zusammengestellt, die Überwachung der wichtigen Staats- und Militärobjekte organisiert und die Einsatzbereitschaft der Flugabwehr auf den Prüfstand gestellt. Dann werden die Verbündeten einen „Angriff“ von außen abwehren und mehrere Anti-Terror-Operationen durchführen. Das Aufgabenfeld ist breit gefächert: vom Truppenkampf bis zur Neutralisierung „illegal bewaffneter Gruppierungen und Diversions- und Spähgruppen”.
Zum ersten Mal werden bei einer solchen Übung SU-35S-Kampfjets eingesetzt – zwölf Kampfjets sind bereits auf den Flugplätzen eingetroffen. Wie es aus dem russischen Verteidigungsministerium verlautete, werden die Kampfpiloten Flüge mit maximaler Reichweite üben. Zudem werden in Belarus erstmals zwei Divisionen der Flugabwehrsysteme S-400 und Raketenkomplexe Panzyr-S ausprobiert. Insgesamt werden bei dem Manöver hunderte „Kampftechnikeinheiten” eingesetzt – von Panzern, Infanteriewagen über Drohnen bis hin zu Verkehrs- und Angriffshubschraubern.

Neue „Prognosen“

Wie Vize-Verteidigungsminister Fomin betonte, werden die Truppen und Kräfte nicht nur auf gewisse Handlungsabläufe an den Grenzen, sondern auch auf die Lösung überraschend entstehender Aufgaben zur Lokalisierung von bedrohlichen Krisen vorbereitet.
Die jüngsten Massenunruhen in Kasachstan konnten beispielsweise nur dank des schnellen Eingriffs der OVKS-Friedenstruppen mit Russland an der Spitze gestoppt werden. Außerdem geht von Afghanistan weiterhin ein gewisses Bedrohungspotenzial aus, wo bereits seit mehr als sechs Monaten die Taliban* herrschen.
In Kiew wertet man die Äußerungen Fomins allerdings als versteckte Drohung: Die russisch-belarussischen Übungen würden angeblich der Vorbereitung auf einen Angriff auf die Ukraine dienen. Laut dem ukrainischen Befehlshaber im Donezbecken, Generalleutnant Alexander Pawljuk, könnte die Invasion am 20. Februar, nach dem Ende der Manöver und der Olympischen Winterspiele in Peking beginnen. Das ist bereits die fünfte oder sechste „Prognose“ der ukrainischen Behörden zu den Fristen der „Aggression des Kreml“. Auch Erklärungen aus Washington sind ähnlich:
„Die Verlegung der russischen Truppen nach Belarus am vergangenen Wochenende – das sind keine Übungen und gewöhnliche Umstationierung. Das ist eine Demonstration der Militärstärke. Das, was wir sehen, weist auf die möglichen Absichten Russlands hin, in die Ukraine einzumarschieren“.
Washington bekam umgehend Zuspruch aus dem Baltikum. Litauens Verteidigungsminister Arvydas Anušauskas bezeichnete die gemeinsamen Übungen des Unionstaates als direkte militärische Bedrohung für sein Land.
Moskau muss jedes Mal diese Vorwürfe zurückweisen, doch der Westen nutzt sie stets als Vorwand für die Stationierung von Nato-Militärtechnik nahe der russischen Grenzen.
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Antwort des Westens

Die Nato bereitet sich derweil auf die Übungen „Arktis Cold Response 2022” vor, die im März und April stattfinden und die größten seit dem Kalten Krieg sein werden – mit 35.000 Soldaten aus 28 Nato-Ländern und Finnland. Die größten Einheiten kommen aus den USA und Großbritannien. Zudem werden London und Washington die Flugzeugträger USS Harry Truman, HMS Prince of Wales und Begleitschiffe bereitstellen.
Die Übungen werden sowohl auf hoher See vor Norwegen als auch in den zentralen und nördlichen Gebieten des Landes zwischen dem Stützpunkt in Porsangermoen, dem Hafen Narvik und dem Stützpunkt der norwegischen Luftstreitkräfte in Bodo abgehalten. Die Verbündeten werden die Landung von Seelandetruppen und ihre Deckung sowohl auf Schiffen, als auch in der Luft üben. Ergo: Die Nato baut nicht nur ihre Präsenz in Osteuropa aus, sondern erhöht im Norden auch den Druck auf Russland.
„Diese Übungen haben sowohl eine militärische als auch eine politische Bedeutung“, sagte der Politologe Wladimir Bogatyrjow. „Sie zielen auf die Konfrontation mit Russland ab. Und obwohl das paradox erscheinen kann - mit den Ländern Südostasiens, die an der Entwicklung der nördlichen Gebiete interessiert sind. Sicherheit wird dadurch nicht erreicht. Je weiter der Westen vorbrescht, desto schwieriger wird die Lage in dieser Region. Die militärischen Aktivitäten nehmen hier in den vergangenen Jahrzehnten zu, insbesondere jetzt“.
Ende Dezember hatte der russische Vizeverteidigungsminister Fomin gesagt, dass die Nato die Arktis gezielt erschließe sowie Militärübungen und -aktivitäten in der Region ausbaue – unter dem Einsatz von Langstreckenbombern und Raketenabwehrsystemen. Er betonte, dass sich das westliche Militärbündnis im Jahr 2020 weigerte, die russische „Initiative der militärischen Zurückhaltung“ zur Reduzierung der Übungen zu unterstützen.
*Die Organisation ist wegen Terror-Aktivitäten mit UN-Sanktionen belegt
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