Raketen und Elitesoldaten für die Ukraine: Nato fährt schweres Geschütz auf

© AP PhotoUkrainische Soldaten setzen Javelin-Panzerabwehrwaffen im Gebiet Donezk ein
Ukrainische Soldaten setzen Javelin-Panzerabwehrwaffen im Gebiet Donezk ein - SNA, 1920, 28.01.2022
Washington und Brüssel rüsten die Ukraine mit modernen Offensivwaffen auf. Seit einigen Tagen landen ununterbrochen Militärfrachter der Nato nahe Kiew. Das westliche Militärbündnis verlegt zusätzliche Kräfte nach Osteuropa.
In den sozialen Netzwerken sind Fotos von westlichen Militärs an der Kontaktlinie zum Donezbecken zu sehen – ein unnötiges Säbelrasseln mit unvorhersehbaren Folgen.

Neue Waffen

Die Nato-Länder, die Russland aggressive Absichten vorwerfen, drängen Kiew mit umfassenden Waffenlieferungen selbst zu einem Konflikt. Vor allem Washington tut sich dabei hervor. Allein vom 22. bis 25. Januar lieferten die Amerikaner 250 Tonnen Militärgüter. Die Bandbreite der gelieferten Waffen ist dabei deutlich größer als früher – neben 300 Raketen für die Panzerabwehrsysteme „Javelin“ und Großkaliber-Scharfschützengewehren werden beispielsweise Raketenanlagen „M141 Bunker Defeat Munition“ dorthin geschickt.
Rapid Trident-2020 - gemeinsame Militärübungen der Nato und der Ukraine im Gebiet Lwow - SNA, 1920, 24.01.2022
Tausende nach Osteuropa und Baltikum: Biden erwägt Entsendung von Soldaten – NYT
Mit solchen Waffen werden Bunker, Unterschlüpfe und andere stationäre Befestigungen in die Luft gejagt. Ein russisches Pendant dazu wäre der reaktive Infanterie-Feuerwerfer „RPO-A Schmel“.
„M141 Bunker Defeat Munition“ wurde bereits in Afghanistan erfolgreich eingesetzt, als US-Marineinfanteristen den Höhlenkomplex Tora-Bora von den Taliban und Al-Qaida-Extremisten säuberten. Ukrainische Soldaten könnten diese Waffen bei der Erstürmung von Ortschaften in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk nutzen. Allerdings gibt es mit rund 100 Stück inzwischen nicht mehr viele solche Anlagen in der Ukraine.
Altkanzler Gerhard Schröder (Archivbild) - SNA, 1920, 28.01.2022
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Zudem versorgte das Pentagon die Ukraine mit Dutzenden Tonnen Munition verschiedenen Kalibers, Schutzwesten, Nachtsichtgeräten, Funkgeräten und Radaranlagen. Das Weiße Haus sichert außerdem zu, einige Mi-17-Hubschrauber, die zuvor von Russland für die afghanische Armee gekauft worden waren, zu schicken.

Deutschland und Niederlande scheren aus

Großbritannien lieferte 2000 Granatwerfer NLAW (Next Generation Light Anti-tank Weapon) an die Ukraine. Die leichte Panzerabwehrwaffe funktioniert nach dem „Geschossen-Vergessen“-Prinzip: Es reicht aus, das Visier einige Sekunden lang auf das Ziel zu halten und den Abzug zu drücken. Automatische Systeme nehmen die notwendigen Korrekturen selbst vor. Allerdings waren nicht alle in der Ukraine von diesem „Geschenk“ begeistert. Der ehemalige Mitarbeiter der ukrainischen Sicherheitsdienste, Wladimir Mulyk, teilte mit, dass die Lebensdauer dieser Granatwerfer in diesem Jahr abläuft.
Eine deutsche Flagge weht neben der Kuppel des Reichstagsgebäudes in Berlin, Feb. 12, 2020 - SNA, 1920, 26.01.2022
Deutschland liefert Ukraine 5000 Helme – Klitschko: „absoluter Witz”
Auch die baltischen und einige osteuropäische Länder kommen nicht zu kurz. Tschechien wird demnächst eine große Partie bislang mangelnder 152-mm-Artilleriegeschosse in die Ukraine liefern. Zudem erlaubten die USA Lettland und Litauen, Kiew mit Infrarotsichtgeräten und mobilen „Stinger“-Flugabwehrsystemen zu beliefern.
Während des Afghanistan-Kriegs waren die mit Stinger-Anlagen bewaffneten Mudschahedin sehr gefährlich für sowjetische Hubschrauber und Unterschall-Erdkampfflugzeuge. Doch heute gilt dieser Flugabwehrkomplex als veraltet.
Auch Kanada, Polen und die Niederlande wollen die Ukraine mit Militärtechnik unterstützen. Zugleich bezog Deutschland, eines der stärksten Nato-Länder, eine prinzipielle Position und weigerte sich kategorisch, tödliche Waffen zu liefern. Berlin beschränkte sich stattdessen auf die Lieferung von 5000 Helmen. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrej Meljnik, reagierte darauf nahezu hysterisch und äußerte sich ziemlich abfällig gegenüber den deutschen Behörden.
Auch Schweden wies Kiews Bitte um Militärhilfen zurück. Laut der schwedischen Außenministerin, Ann Linde, werden keine Waffen und Militärtechnik an Länder, die in einem bewaffneten Konflikt stehen, exportiert.

Truppenverlegungen

„Ein anschauliches Beispiel des destruktiven Kurses der USA, wenn statt Dialog und Suche nach Berührungspunkten eine parteiliche und realitätsferne Position erklärt wird, ist die von Washington entfachte Hysterie um die Ukraine“, hieß es in der ständigen Vertretung Russlands bei der Uno. „Indem der Russlandhass unter eigenen Staatsbürgern und gleichgesinnten Staaten kultiviert wird, wenn man über die Anhäufung russischer Truppen nahezu als Ursache aller Probleme spricht, vergisst die Nato zu präzisieren, dass es sich um russische Kräfte auf russischem Territorium handelt. Das steht im völligen Gegensatz zu den US- und Nato-Waffen und unzähligen Beratern, die die Ukraine und einige andere nahe der russischen Grenzen befindlichen Staaten überfluteten“.
Das Nato-Logo vor dem Hauptsitz der Organisation in Brüssel  - SNA, 1920, 28.01.2022
Nato erwägt Truppenverlegung in Ukraine-Nachbarland Slowakei – slowakischer Außenminister
Die westlichen Militärspezialisten im Südosten der Ukraine verheimlichen ihre Präsenz nicht. Vor einigen Tagen wurden in Sozialen Netzwerken die Fotos bewaffneter US-Militärs a.D. (vermutlich Söldner), die die Positionen der ukrainischen Armee an der Kontaktlinie zum Donezbecken besichtigten, verbreitet. Auf einem Bild sind sie mit der US-Fahne zu sehen. Der russische Verteidigungsminister, Sergej Schoigu, hatte bereits im Dezember mitgeteilt, dass mehr als 120 Kämpfer westlicher Privatfirmen ins Donezbecken gebracht worden seien und Provokationen gegen die Volksrepubliken Donezk und Lugansk vorbereiteten.
Derweil baut die Nato ihre Kräfte an den russischen Grenzen aus. Dänemarks Verteidigungsministerium wird vier F-16-Kampfjets zum litauischen Luftwaffenstützpunkt Siauliai und die Fregatte HDMC Peter Willemoes in die Ostsee schicken. Das spanische Minenräumboot Meteor ist unterwegs ins Schwarze Meer. Dorthin wird in einigen Tagen auch die Fregatte Blas de Lezo Kurs nehmen. Die Niederlande bereiten Truppen für Nato-Operationen vor, im April werden zwei F-35-Kampfjets nach Bulgarien verlegt. Frankreich will Hunderte Soldaten nach Rumänien entsenden.
Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock - SNA, 1920, 27.01.2022
Bundesregierung verteidigt Ukraine-Kurs: Dialog statt Waffenlieferung
Pentagon-Sprecher John Kirby erklärte, dass zusätzliche 8500 Soldaten nötigenfalls nach Europa verlegt würden. Allerdings sei dieser Beschluss noch nicht getroffen worden, weil weiterhin die Möglichkeit bestehe, die Situation auf diplomatischem Wege zu regeln.
Die Waffenlieferungen im großen Stil an die Ukraine begannen im November, als westliche Medien über eine bevorstehende „russische Invasion“ berichteten. Dem Kreml wurden „aggressive Absichten“ vorgeworfen. Darüber hinaus wurden viele „Szenarien“ des künftigen Angriffs veröffentlicht.
Großbritanniens Verteidigungsminister Wallace (Archivbild) - SNA, 1920, 18.01.2022
Großbritannien liefert Waffen an die Ukraine wegen „zehntausender russischer Truppen“
Die Erklärungen des russischen Außenministeriums über die Unbegründetheit solcher Vorwürfe im Westen werden demonstrativ außer Acht gelassen. Das führte dazu, dass Moskau von Lieferungen einiger Waffentypen an die Volksrepubliken Donezk und Lugansk zum Schutz der eigenen Staatsbürger spricht. Dazu hatte der stellvertretende Vorsitzende des Föderationsrats, Andrej Turtschak, aufgerufen. Der stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Juri Schwytkin, betonte, dass es sich ausschließlich um Militärhilfen und in keinem Fall um das Überschreiten der Grenze durch russische Militäreinheiten handle.
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