Am Holocaust-Gedenktag: Sorge vor wachsendem Antisemitismus in der Pandemie

© REUTERS / HANNIBAL HANSCHKEDer Deutsche Bundestag gedenkt am Donnerstag, dem 27. Januar, der Opfer des Nationalsozialismus mit einer Sonderveranstaltung
Der Deutsche Bundestag gedenkt am Donnerstag, dem 27. Januar, der Opfer des Nationalsozialismus mit einer Sonderveranstaltung - SNA, 1920, 27.01.2022
Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz, wo die Nazis über eine Million Menschen ermordet hatten. Anlässlich des Gedenktags des Holocausts, der an diesem Tag begangen wird, hat sich Roland Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, besorgt über den wachsenden Antisemitismus in Pandemiezeiten geäußert.
Gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte Lauder, die Pandemie wirke wie ein Brandbeschleuniger. Immer mehr Menschen würden den Holocaust verharmlosen, indem sie Parallelen zu Impfungen zögen.
Eine Studie seiner Organisation aus dem November, für die 5000 Menschen in Deutschland befragt wurden, habe gezeigt, dass jeder Dritte unter 30 Jahren grundsätzlich antisemitische Vorstellungen habe, unter allen Erwachsenen sei es fast jeder Fünfte. „Ich bis besorgt darüber, was heute in Deutschland passiert“, sagte Lauder im ZDF. Die Bundesregierung müsse im Engagement gegen den Antisemitismus eine stärkere Rolle einnehmen.
In einem Interview mit der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) sagte Antisemitismusforscher Dr. Mathias Berek im Februar 2021, er sei nicht überrascht, dass im Zusammenhang mit der Impfung gegen das Coronavirus auch zunehmend antisemitische Töne zu vernehmen seien. „Aber es ist wie mit den antisemitischen Einstellungen in allen Bereichen der Gesellschaft: Die waren nie weg“, so Berek. „Und in der Impfkritik wie in anderen Milieus sind in letzter Zeit offenbar Hemmungen gefallen, sich antisemitisch zu äußern. Gleichzeitig hat sich nichts an den inhaltlichen Überschneidungen geändert, die dem Antisemitismus einen so fruchtbaren Boden in der impfkritischen Szene bereiten: vor allem Verschwörungsfantasien und ein mystischer Naturglaube, in dem nur der Stärkere das Recht zu Überleben hat.“
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Der Forscher, der sich schwerpunktmäßig mit Impfkritik vor 1945 und heute beschäftigt, sieht deutliche Parallelen zwischen der impfgegnerischen Bewegung im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Masernimpfung und heute, ebenso beim Vorhandensein antisemitischer Inhalte. Doch es habe auch eine Umdeutung gegeben:
„Sie sagen nicht mehr wie früher, die Juden wären schuld an vermeintlichen Impfschäden, sondern sie erklären sich selbst zum Juden, um sich den ultimativen Opferstatus anzumaßen. Wir haben das auf den Kundgebungen gesehen: Man trägt gelbe Davidsterne mit der Aufschrift ‚Ungeimpft‘ oder setzt sich mit Anne Frank gleich. Das ist schon dadurch sekundärer Antisemitismus, weil damit das Leiden der Juden und Jüdinnen auf obszöne Weise heruntergespielt wird. Es unterstellt ja letztlich, die Nazis hätten der jüdischen Bevölkerung lediglich das Tragen von Masken und ein paar Kontaktbeschränkungen auferlegt. Dazu kommt nicht selten die Täter-Opfer-Umkehr, wenn der Träger des gelben ‚Ungeimpft‘-Sterns sich dabei von jüdischen Organisationen oder Personen verfolgt wähnt – oder von solchen, die er für jüdisch hält.“
Der Deutsche Bundestag gedenkt am Donnerstag, dem 27. Januar, der Opfer des Nationalsozialismus mit einer Sonderveranstaltung - SNA, 1920, 27.01.2022
Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus mit Sonderveranstaltung
Äußerungen mit einer solchen Anmaßung der Opferrolle habe es etwa vom AfD-Kreisverband Salzgitter gegeben, der eine Fotomontage eines KZ-Eingangs mit dem Spruch „Impfen macht frei“ verbreitet habe. Auf einer Corona-Kundgebung in Nürnberg habe wiederum eine Rednerin behauptet, Zionisten und Satanisten würden planen, „per Todesspritze“ weite Teile der Bevölkerung zu ermorden und den Rest unter „absolute Kontrolle“ zu stellen, um eine „kommunistische Weltherrschaft“ zu errichten.
Wie verbreitet der Judenhass in der deutschen Bevölkerung heute tatsächlich sei, darüber könne man mangels hinreichender Untersuchungen keine seriösen Aussagen treffen, so Berek. Die Szene der Impfgegner sei heterogen und die Antisemiten wahrscheinlich in der Minderheit. Dennoch gebe es Grund zur Sorge.
„Gerade im Zusammenhang mit den Corona-Protesten radikalisieren sich auch Teile der Impfkritik. Darauf deutet die Vielzahl von Fällen antisemitischer Hetze und Gewalt hin, die von Monitoringstellen wie RIAS dokumentiert werden. Für die heutige impfgegnerische Bewegung gilt dasselbe wie für ihre historischen Vorläuferinnen: Solange sich ihre Mitglieder nicht konsequent von den Antisemiten unter ihnen und von deren Überzeugungen trennen, sind sie für den Judenhass mitverantwortlich.“
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