In schweren Zeiten sieht man wahre Freunde – Deutscher Biathlet hilft seinem russischen Rivalen

© SNA / Alexey FillipowDer russische Biathlet Eduard Latypow (Archivbild)
Der russische Biathlet Eduard Latypow (Archivbild) - SNA, 1920, 27.01.2022
Der deutsche Biathlet Erik Lesser hat dem in Corona-Quarantäne eingewiesenen russischen Athleten Eduard Latypow geholfen, fit zu bleiben. Auf dem Schlussabschnitt der Staffel beim letzten Weltcup im Antholz, der Peking-Generalprobe, brachte dieser, so musste es eben kommen, die deutsche Nationalmannschaft ums Silber. Deutschland blieb Dritter.
Vordem hatte der führende russische Biathlet die Wettkämpfe in Oberhof verpasst, weil er sich dort in Quarantäne begeben musste. Zwei Wochen ohne gründliches Training einen Monat vor den Olympischen Spielen sind ein ernsthaftes Problem. Er durfte sich nur für zwei Stunden täglich im Freien bewegen, und auch das nur allein und mit der Maske — was nicht nach normaler Vorbereitung, sondern eher nach Fitness aussah.
Das Ganze wäre ganz alarmierend geworden … ohne Erik Lesser. Nachdem er von einem anderen russischen Sportler, mit dem er seit langem befreundet ist, davon erfahren hatte, lieh er dem Rivalen sein Trainingszubehör. „Als Athlet weiß ich, dass Quarantäne im Vorfeld der Olympischen Spiele sehr schlecht ist. Ich wohne hier, in Oberhof und besitze jede denkbare Ausrüstung. Mir fällt es nicht schwer, um zu helfen, darum habe ich mein Fahrrad mit der Rolle angeboten. Ich kann mir vorstellen, dass das für ihn eine schwierige Situation kurz vor den Olympischen Spielen ist. Ich hoffe, dass er die Zeit, so gut es geht, rumbringt und trotzdem noch eine gewisse Form bis Peking konservieren kann.“
Erik Lesser hat nicht einfach ein Fitnessgerät, sondern ein Profi-Fahrrad, ein Ergometer, Schuhe, Klickpedale und nicht nur das geliehen. Später erzählte Latypow, womit ihn der deutsche Sportler sonst während der Quarantäne unterstützt hatte: „Lesser ist ein ganzer Kerl. Am selben Abend schrieb er mir: Ich weiß, ein Fahrrad ist gut. Man muss aber auch psychisch ausspannen — und schickte mir seine Nintendo-Konsole. Zunächst spielte ich allein, dann schrieb mir der italienische Biathlet Dominik Windisch: Komm mal online, wir sollen an trainingsfreien Tagen gemeinsam spielen. Es spielten Kanadier da und wir. Man langweilte sich weniger.“
Franziska Hildebrand - SNA, 1920, 24.01.2022
Franziska Hildebrand erste Olympia-Ersatzfrau im Biathlon
Latypow gestand, in Lesser einen Freund gefunden zu haben. Die Biathleten kennen sich seit langem, aber diese Tat des Deutschen hat ihn von einer neuen Seite gezeigt. „Wir haben keinen engeren Umgang miteinander gepflegt, weil ich nicht besonders gut Englisch spreche. Doch wir grüßen einander immer, gratulieren einander zum guten Rennen, tauschen einige Sätze aus. Jetzt kann ich wohl behaupten, in Deutschland einen wahren Freund zu haben. Und es freut mich, dass es in unserer Biathleten-Familie solche Leute gibt.“
Nach der Siegerehrung kommentierte Latypow den Verlauf des Rennens und seinen phänomenalen Spurt wie folgt: „Woher mir die Kraft gekommen ist? Ich habe doch trainiert, während der Quarantäne auf Lessers Ergometer gekurbelt. Ich bin auf der Höhe. Ich fühle, dass ich es schaffen kann … Die Arbeit geht weiter!“
Die Anerkennung seiner russischen Follower auf dem Instagram ließen Lesser staunen: „Wahnsinn! Ich weiß, dass ich Fans in Russland habe. Aber das, was ich getan habe, ist für mich eine Kleinigkeit. Ich war auf so großen Dank ihrerseits nicht eingestellt. Ich denke an 2017 zurück. Vanessa Hinz hatte während des Turniers im russischen Chanty-Mansijsk ihren Reisepass verloren. Iwan Tscheresow (der damalige Kapitän des russischen Biathletenteams, dreimaliger Weltmeister – Anm. d. Red.) hat sich drei Tage lang um sie gekümmert, bis ihr neuer Reisepass fertig war. Es waren die drei besten Tage in ihrem Leben. Man kann sagen, dass ich die Schuld der deutschen Mannschaft beglichen habe.“
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