- SNA, 1920
Österreich
Aktuelle Nachrichten aus Österreich

„Das Ibiza-Attentat“ von HC Strache – Die Neuauflage der Larmoyanz

© Foto : BKA/Dragan TaticAm 6. Juni 2018 reiste Bundeskanzler Sebastian Kurz (v.l.) nach Brüssel. Im Bild mit Vizekanzler Heinz-Christian Strache (v.r.), Bundesministerin Elisabeth Köstinger (h.l.) und Bundesminister Gernot Blümel (h.r.).
Am 6. Juni 2018 reiste Bundeskanzler Sebastian Kurz (v.l.) nach Brüssel. Im Bild mit Vizekanzler Heinz-Christian Strache (v.r.), Bundesministerin Elisabeth Köstinger (h.l.) und Bundesminister Gernot Blümel (h.r.). - SNA, 1920, 27.01.2022
Der frühere FPÖ-Vizekanzler Österreichs, Heinz-Christian Strache wurde 2019 aus dem Politik-Olymp der Alpenrepublik vertrieben, weil er sich in einem fingierten und heimlich mitgeschnitten Treffen mit einer angeblichen russischen Oligarchen-Nichte um Kopf und Kragen redete. Nun hat er ein Buch veröffentlicht. Und Daniela Kickl hat es gelesen.
Immer wieder fragte ich mich während des Lesens dieses Buches, warum genau ich eigentlich auf die absurde Idee gekommen war, meine Lebenszeit ausgerechnet mit diesem Werk zu verplempern. Es war wohl eine Wiener Melange aus historischem Interesse, gewissem Mitgefühl mit dem Verfasser und auch der Hoffnung auf ein paar Zusatzsteinchen für das Ibiza-Mosaik.
Immerhin gibt es Momente im kollektiven Leben, die man nicht vergisst, und jeder, der alt genug ist, weiß ganz genau, was er wo zum Zeitpunkt einer gewissen Nachricht getan hat. Weltweit zählen der Tod von Lady Diana oder die Anschläge auf das World Trade Center wohl zu diesen Momenten.
Heinz-Christian Strache (Archivfoto)  - SNA, 1920, 03.08.2021
Serie über Strache-Affäre ab Oktober im Fernsehen – Medien
Jeder Österreicher weiß aber auch ganz genau, was er am späten Nachmittag des 17. Mai 2019 getan hat. Ich für meinen Teil hatte mich nach getaner Arbeit gemütlich am Sofa niedergelassen und glücklicherweise das Handy neben mir. Dieses meldete kurz nach 18:00 via akustischem „Bling“ das Eintreffen einer E-Mail. Ein Freund schrieb mir, ich solle doch unbedingt auf den mitgeschickten Link klicken, denn da gäbe es ein Video mit dem Bumsti (Kosename des HC Strache in seiner Kindheit) zu sehen.
„Videos belasten FPÖ-Chef Strache - Ist Österreichs Vizekanzler käuflich? - Verdeckt aufgenommene Videos von 2017 belasten Heinz-Christian Strache: Er stellte einer angeblichen russischen Millionärin für ihre mögliche Hilfe im Wahlkampf öffentliche Aufträge in Aussicht.“ war als Begleittext zu lesen.

Die mediale Aufarbeitung der Affäre

HC Strache ist politisch mittlerweile ebenso Geschichte wie der damalige Bundeskanzler Sebastian Kurz. Im Oktober 2021 wurde die vierteilige Miniserie „Die Ibiza Affäre“ auf Sky ausgestrahlt, in der die Hintergründe und Abläufe mit hochkarätiger Besetzung sowohl unterhaltsam als auch informativ präsentiert wurden. Auf Twitter konnte man den Unmut von HC Strache lesen und so wurde ich auf seine eigene literarische Aufarbeitung aufmerksam.
„Nach der fiktiven Ibiza-TV-Serie auf Sky ist demnächst endlich das Buch vom Original da - „Das Ibiza-Attentat...“ Für Spannung ist gesorgt!“
Dermaßen motiviert und in freudiger Erwartung auf eine zusätzliche Sichtweise machte ich mich also daran, das Buch nicht nur nur quer, sondern ernsthaft, aufmerksam und zur Gänze zu lesen. Auch möchte ich anmerken, dass mir HC Strache trotz seiner konträren politischen Einstellung nicht gänzlich unsympathisch ist. Er erscheint mir zumindest aufrichtiger als mancher anderer (politischer) Zeitgenosse, und so frohlockte ich ob des Kommenden.

Formalitäten

Die Vermutung liegt nahe, dass das Buch nie durch ein auch nur halbwegs professionelles Lektorat gegangen war. Tippfehler sind glücklicherweise nicht zu finden, dafür aber durchaus kreative Worttrennungen, die im Extremfall sogar von einer Seite zur nächsten gehen. Wer beispielsweise wissen möchte, was genau eine „frichtige Hilfe“ ist, blättert eine Seite zurück und wird dort als letztes Wort „au-“finden. Au!
Seitenzahlen wurden nur auf den jeweils rechten Blättern angegeben, die geraden Zahlen auf den linken Seiten fehlen durchgehend. Ob er uns damit etwas mitteilen will?
Man muss auch nicht das Lektorat zum Beruf auserkoren haben, um zu wissen, dass Einrückungen für die Lesequalität von Bedeutung sind. Dafür reicht es üblicherweise aus, dass man selbst Buchleser ist. Im vorliegenden Buch gibt es keine einzige Einrückung, die den Text lesbarer macht, lediglich Leerzeilen zwischen Absätzen.
Auch die Bedeutung von Fußnoten scheint dem Autor nicht ganz klar zu sein. Zu oft sind diese nämlich nicht Verweise auf Quellen, sondern eine Fortführung des Textes. Aber gut. Das gehört vielleicht zum persönlichen Stil wie die vielen Doppelpunkte im Text.
Ehemaliger FPÖ-Chef Hans-Christian Strache mit österreichischer Flagge (Archivbild) - SNA, 1920, 24.11.2021
Österreich
Strache bittet „Freunde und Unterstützer“ um Spenden – Posting von Ex-FPÖ-Chef sorgt für Empörung

Titel versus Inhalt

Aufgrund des Titels sowie eines Auftritts des Autors bei oe24.tv hatte ich mir ein Buch über die Ereignisse auf Ibiza im Juli 2017 erwartet. Natürlich war auch eine Beschreibung des Drumherum absehbar, aber eine derartige Schieflage hatte ich dann doch nicht erwartet. Ich bin also jetzt sehr gut über die Kindheit von HC Strache informiert, wobei er beispielsweise den mittlerweile berühmten „Bumsti“ bei seinen Erzählungen nicht erwähnt hat. Schade, das hätte ihn sympathisch gemacht.
Worüber ich nun noch besser informiert bin, ist seine (Partei-)Karriere, die mir allerdings in groben Zügen ohnehin bekannt war. Sie interessiert mich auch nicht, denn sonst hätte ich längst die Biografie „HC Strache - Vom Rebell zum Staatsmann“ gelesen.
Vielleicht wären seine Kindheit und (Polit)Karriere sogar interessant gewesen, wäre das ganze Buch besser geschrieben und könnte mit unverhofften, spannenden Neuigkeiten aufwarten. Aber diese ewige Jammerei und das üppige Bad in Selbstmitleid inklusive dreifach gedrehter Opferrolle können selbst den Wohlgesonnensten unter allen Lesern den letzten Nerv rauben.
Überhaupt findet man an keiner einzigen Stelle auch nur den geringsten Anhaltspunkt, dass der Autor von so etwas wie schlechtem Gewissen oder gar Reue erfasst wurde. Im Gegenteil! Bei dem bisschen, was man über den Tag auf der Finca erfährt, verdächtigt er auch noch seinen damaligen Freund Johann Gudenus der Mittäterschaft.

„Mein langjähriger Weggefährte Johann Gudenus […] ist anscheinend bereits ebenso betrunken, dass er nicht einmal mehr den Unternehmensgegenstand eines Waffenherstellers in Russisch oder Englisch erklären kann. Oder war es nur ein Schmierentheater, ein Versuch ein wenig Action in die träge sich dahinziehende Unterhaltung zu bringen?“

Heinz-Christian Strache
aus seinem Buch "Das Ibiza-Attentat", Seite 226

Unbeantwortete Fragen

Wie auch in diesem Zitat werden im Buch immer wieder Fragen in den Raum gestellt, die weder beantwortet noch deren Beweggründe näher erklärt werden. Diese impliziten Anschuldigungen sind ebenso dazu geeignet, einem das letzten Lesevergnügen zu vergällen, wie dies auch bei der unzählige Male wiederholten Phrase „ich habe an dem Abend immer gesagt, dass ich eine Privatisierung des Wassers in Österreich vehement ablehne!“ der Fall ist.
Es vergeht kaum eine Seite, auf der er nicht auf die Heldentat betreffend Wasserprivatisierung verweist. Von dem, was in den „manipulativen“ Ausschnitten der „Süddeutschen" und des „Spiegels" gezeigt wurde, nämlich der Übernahme der „Kronenzeitung", den Parteispenden usw. ist hingegen nirgends die Rede.
Neben der weinerlich-larmoyanten Grundstimmung fällt das Buch durch ein Anbiedern an ehemalige Weggefährten auf, das seinesgleichen sucht und wohl nicht so rasch zu finden sein wird. Bereits auf Seite 11 ist zu lesen:

„Ich bin bereit zu vergeben: Indem ich mir selbst und anderen vergebe, befreie ich mich von der Last der Vergangenheit.“

Heinz-Christian Strache
aus seinem Buch "Das Ibiza-Attentat", Seite 11
Weitere derartige Ausschnitte erspare ich meinen Lesern hier, die Vermittlung des Eindrucks ist wohl bereits ausreichend.

Die Fotostrecke

Auf den Seiten 94 bis 148 finden sich Farbfotos aus dem politischen Leben des HC Strache. Jedes Foto ist mit einem mehr oder weniger langen Text bestückt, je nachdem, was der Autor dem Leser mitgeben möchte. Auf Seite 145 findet sich ein Bild, neben dem folgender Text zu lesen ist:
„Mit meinem jahrelangen Begleiter und Schatten Herbert Kickl, der offensichtlich aus ebendiesem heraustreten wollte …“
Da war sie also wieder. Die angedeutete Anschuldigung, die Verdächtigung, deren Erklärung oder Ursache der Autor wie gehabt auf den weiteren Seiten erneut schuldig bleibt.
Das beste aller Bilder ist auf der Doppelseite 124 und 125 zu finden (hoffentlich habe ich mich nicht verzählt, denn Seitenzahlen fehlen auf der Fotostrecke komplett).
Es zeigt ein Konterfei von HC Strache und samt Panorama von Wien im Hintergrund und mutet fast wie ein ehemaliges Wahlplakat an. Der Text dazu lautet:
„Nicht nur Bundeshauptstadt, sondern auch meine politische Heimat: Der Blick vom Parlament auf den Stephansdom, das Wahrzeichen von Wien.“
So weit, so schick. Ich kenne Wien gut, den Stephansdom ebenso, nur sah ich diesen nicht auf dem besagten Foto. Bis ich bemerkte, dass er sich in der Falte zwischen den beiden Seiten versteckt hat. Ohne das Buch beinahe zu ruinieren, indem man die Seiten zu weit auseinander biegt, bleibt er wohl im Verborgenen. Das Bild steht stellvertretend für das wahre Motto des Buches: „Ich will, aber ich kann nicht.“
Gruppenfoto der österreichischen Bundesregierung - Kabinett Kurz II, am 7. Januar 2020 (v.l.n.r.) Bundesminister Heinz Faßmann, Bundesministerin Susanne Raab, Bundesministerin Elisabeth Köstinger, Staatssekretär Magnus Brunner, Bundesministerin Christine Aschbacher, Bundesministerin Margarete Schramböck, Bundesminister Alexander Schallenberg, Bundeskanzler Sebastian Kurz, Bundesministerin Klaudia Tanner, Vizekanzler Werner Kogler, Bundesminister Rudolf Anschober, Bundesministerin Leonore Gewessler, Bundesministerin Karoline Edtstadler, Bundesministerin Alma Zadić, Bundesminister Gernot Blümel, Staatssekretärin Ulrike Lunacek und Bundesminister Karl Nehammer. - SNA, 1920, 07.01.2022
Österreich
Die große „Das Beste aus beiden Welten“-Feier – Zwei Jahre türkis-grün in Österreich

Eine verpasste Chance

Das Ende des Buches ist voll mit Kritik an der aktuellen Corona-Politik. Auch wenn wir uns hier in den Grundzügen oftmals inhaltlich sehr einig sind, so vermisse ich Details und Erklärungen, warum Maßnahme A nicht sein soll oder Maßnahme B die aktuelle Regierung schneller in Pension schicken wird, als HC Strache „es war ein Attentat“ rufen kann.
Er geht weiters davon aus, dass es sich beim „Great Reset“ um keine „obskure Verschwörungstheorie“ handelt, sondern vielmehr um „offiziell nachzulesende Visionen und Ziele von Klaus Schwab und seines WEF“. Offenbar nimmt er an, dass jeder Leser mit den relevanten Details vertraut ist, denn von ihm erfahren wir keine. Er verpasst damit die Chance, sich als halbwegs seriöser Kritiker zu positionieren und bleibt lieber dort, wo wir ihn gewohnt sind: in der Populistenfraktion.

Fazit

Ein Fan des ehemaligen Vizekanzlers wird an diesem Buch sicherlich seine Freude haben, wobei die sensiblen Gemüter viele Taschentücher ob der dargestellten Tragödie benötigen werden. Die Schnäuzfetzen können jedoch auch für alle anderen Leser sein Fehler sein. Immerhin hat man sich doch etwas erhofft, was man dann nicht bekommt.
Bleibt die Frage offen, ob HC Strache Anhänger von Michael Holm und „Tränen lügen nicht“ ist. Und könnte es sein, dass derartig inspiriert seine Larmoyanz aus der Überdeckung von Unwahrheit herrührt?
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала