Marode Werften: Auftragsstau bringt US-Marine in arge Nöte

© AP Photo / U.S. Navy via APDer Lenkwaffenzerstörer USS Cole übergibt ein staatenloses SChiff an die jemenitische Küstenwache im Golf von Oman am , 21. Januar 2022.
Der Lenkwaffenzerstörer USS Cole übergibt ein staatenloses SChiff an die jemenitische Küstenwache im Golf von Oman am ,  21. Januar 2022.  - SNA, 1920, 25.01.2022
Nach Angaben des Chefs des US-Flottenkommandos, Admiral Daryl Caudle, ist der technische Zustand vieler Werften und Reparaturbetriebe für Schiffe in den USA aufgrund ihrer starken Abnutzung besorgniserregend: Kampfschiffe warten vergeblich auf Reparatur, die Inbetriebnahme neuer Schiffe verzögert sich ständig.
In seiner Rede auf der Konferenz „Surface Navy Association” stellte Caudle klar, dass die US-Marine im Falle eines bewaffneten Konflikts mit einem ebenbürtigen Gegner schwere Verluste hinnehmen müsste. Die derzeitigen Kapazitäten für die Wartung und Reparatur von gleichzeitig mehreren großen Kampfschiffen würden nicht ausreichen, bei Flugzeugträgern und U-Booten sei die Lage sogar noch dramatischer.
„Uns mangelt es an Trockendocks und Werften“, betonte Caudle. „Und jene, die vorhanden sind, sind bereits an der Belastungsgrenze. Es gibt keine Reserven für Notfälle. Ungewiss, ob das nach einer Kollision im Südchinesischen Meer im vergangenen Jahr beschädigte Atom-U-Boot 'Connecticut' wieder für die Flotte fit gemacht werden kann. Bis jetzt steht nicht einmal der Termin für die Reparatur fest. In Kriegszeiten könnte dies zu einer Schwachstelle für uns werden“, warnte der Admiral.
Die US-Seestreitkräfte gaben zwischen 2015 und 2019 knapp 2,8 Milliarden US-Dollar für den Umbau der Werften aus. Ihre Produktivität und Effizienz sollten damit erhöht werden. Allerdings konnten laut einem Regierungsbericht in vier Staatsunternehmen in diesem Zeitraum die Fristen für 75 Prozent der Wartungsarbeiten für Flugzeugträger und Atom-U-Boote nicht eingehalten werden. Bei Privatunternehmen sieht die Lage etwas besser aus, dabei handelt es sich aber vorwiegend um kleine und mittelgroße Schiffe.
Viele Werften in den Vereinigten Staaten sind sehr alt. Ein Beispiel sind die Bostoner Werften, die seit mehr als 200 Jahren im Einsatz sind. Die Ausrüstung wurde im Laufe der Jahren mehrmals modernisiert, doch die Infrastruktur entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen.
Caudle zufolge muss in erster Linie in die Marine-Werften in Portsmouth, Puget Sound und Pearl Harbor verstärkt investiert werden. Zudem soll das Augenmerk vermehrt auf die Ausbildung des Personals gerichtet werden.
Nato-Emblem - SNA, 1920, 24.01.2022
Nato schickt zusätzlich Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge nach Osteuropa

Systemisches Problem

Der technische Zustand der US-Flotte schwächelt schon seit langer Zeit. Im Herbst 2020 berichtete eine Sonderkommission vor dem US-Kongress von zahlreichen Problemen mit den Schiffen. In den vergangenen Jahrzehnten verloren viele Schiffe ihre Schlagkraft, viele sind schon im „Rentenalter“. Gleichzeitig steigen die Wartungskosten für die veraltete Technik - ein großes Problem trotz des immensen Militäretats der USA.
Die Triebwerke werfen die meisten Fragen auf – es kommt regelmäßig zu Ausfällen, um die Reparatur müssen sich Besatzungsmitglieder direkt auf hoher See kümmern. Bei mehr als 30 Schiffen ging die Effizienz der Triebwerke um 20 Prozent innerhalb von fünf Jahren zurück. Die geringe Zuverlässigkeit machten quasi die Aussicht auf schnelle Schiffe der Freedom-Klasse zunichte, bei denen es immer wieder zu technischen Pannen kam. Dieser Makel wurde als systemisch kritisiert, seit 2021 werden diese Schiffe von der US-Marine nicht mehr erworben.
Kopfschmerzen bereitet auch das Aegis-System, das unter anderem für die Flugabwehr zuständig ist. Mit diesem Waffensystem sind der Zerstörer „Arleigh Burke” und Raketenkreuzer „Ticonderoga” ausgestattet. Ausfälle bei diesem System kommen immer wieder vor. Laut einem Sonderbericht zum Zustand der Marinerüstungen liegt die durchschnittliche Kennzahl der Kampfbereitschaft der Aegis-Lenkwaffensysteme bei 0,75 (1 – perfekter Zustand).
Die Anlagen für den Start und die Landung von Bordhubschraubern sind mittlerweile auch in die Jahre gekommen. Ihre Einsatzfähigkeit sank von 0,77 auf 0,8. Pannen konnten potenziell Tragödien auslösen. Im Oktober 2019 stürzte ein Hubschrauber MH-60 Seahawk bei der Landung auf den Flugzeugträger „Ronald Reagan” ab. Glücklicherweise gab es keine Opfer. Die Ursache der Havarie: ein Fehler im elektrischen System des Schiffs, das dem Piloten falsche Angaben für den Sinkflug übermittelte.

Schrott

In diesem Jahr werden von der US-Kriegsflotte deshalb mehr als 20 Schiffe ausgemustert. Die Liste wurde vom Chief of Naval Operation, Admiral Mike Gilday, gebilligt. Neben drei Schiffen der Freedom-Klasse steht ebenfalls das Littoral-Kampfschiff der Coronado-Independence-Klasse auf dieser Liste. Im August 2016 musste es aus dem Zentralpazifik nach einer Triebwerks-Panne zurückkehren. Der Aufwand, die Probleme dieses Schiffs in den Griff zu bekommen, rechnet sich nicht mehr.
Viele Raketenkreuzer „Ticonderoga” werden aufs Altenteil geschickt. Laut Gilday werden sieben von 22 Schiffen in die Reserve geschickt - „San Jacinto“, „Lake Champlain“, „Monterey“, „Hue City“, „Anzio“, „Vella Gulf“ und „Port Royal“. Ihre Betriebsdauer von 35 Jahren rückt dem Ende näher, ihre Instandhaltung kostet mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar im Jahr. Die Modernisierung allein von „Hue City“ und „Anzio“ würde weitere 1,5 Milliarden US-Dollar erfordern.
Fünf Patrouillenboote der Cyclone-Klasse - „Tempest“, „Typhoon“, „Squall“, „Firebolt“ und „Whirlwind“ – sind seit den 1990er Jahren im Einsatz. Sie werden entweder ausgemustert oder ins Ausland verkauft. In der US-Kriegsflotte werden einige Exemplare bleiben, doch auch sie sind kaum viel jünger und werden in der nächsten Zeit ebenfalls aus dem Verkehr gezogen.
Das größte Schiff, das in diesem Jahr aussortiert wird, ist das Landungsschiff „Whidbey Island” mit einer Wasserverdrängung von 16.000 Tonnen. Schon 36 Jahre hat es auf dem Buckel. Seine letzte Fernfahrt absolvierte es im Juli 2016, um am „Sea Breeze”-Manöver im Schwarzen Meer teilzunehmen.
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