Den Lesern geraubt: Expertenmeinungen zu Sperrung von „Sputnik Arabic“ bei Facebook

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Facebook (Symbolbild) - SNA, 1920, 25.01.2022
Seit einigen Tagen ist die Facebook-Seite der Nachrichtenagentur „Sputnik Arabic“ für das Posten gesperrt. Deutsche und russische Experten kommentierten den Vorfall und seine Auswirkungen im Gespräch mit SNA.
Die Sperre mag, wie der Internet-Riese versichert, vorübergehend sein, dennoch kann kein Nachrichtenmedium so etwas akzeptieren, so Dr. Andrej Raskin von der Journalistik-Fakultät der Lomonossow-Universität in Moskau.
Jedem läge nämlich viel an der sofortigen Verbreitung seiner Meldungen. „Jede Redaktion ist am Feedback von ihren Nutzern interessiert. Sperrt Facebook jemandes Seite, benachteiligt es dadurch sicher vor allem die Nutzer. Medien, die mit ihrer Leserschaft in ständiger Tuchfühlung bleiben wollen, trifft es schmerzlich. Eine Sperre enttäuscht das Auditorium. Lieber sollte man nach Kompromissen suchen und sich einigen.“
„Man möchte aber auch sich Klarheit darüber verschaffen“, so der Medienforscher, „ob es hier um eine gerechtfertigte Forderung von Facebook handelt oder ob es an seiner Voreingenommenheit liegt, besonders vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Auseinandersetzungen in der Welt. Viel könnte dabei die internationale Solidarität unter den Journalisten leisten, die inzwischen selten geworden ist, insbesondere seitens der Internationalen Journalisten-Föderation oder der UNESCO, die sich sonst stets für die Freiheit der Berichterstattung und der Meinungsverbreitung starkgemacht hatten.“
Raskin fährt fort: „Dazu kommt, dass Facebook kein öffentliches Unternehmen ist. Es orientiert sich an dem eigenen Geschäftsinteresse. Sein Börsenwert liegt bei über eine Billion Dollar. Facebook hat unzählige Anteilseigner, darunter solche Riesen wie Blackrock, die ebenfalls eigene kommerzielle Interessen durchzusetzen suchen.“

35.000 Redakteure betreiben Zensur

Es sei nicht das erste Mal, merkt der Experte an, dass Facebook ähnlich harte Maßnahmen treffe wie beim „Sputnik Arabic“: „Die Social Media Plattform hat 35.000 sogenannte Redakteure angestellt, die Zensur betreiben. Sie handeln aufgrund der eigenen Politik von Facebook und nicht im Interesse der globalen Gemeinschaft. Man hat naiv geglaubt, dass Facebook als amerikanisches Unternehmen im Sinne der ersten Zusatzklausel der US-Verfassung sich für die Redefreiheit einsetzen würde. In Wirklichkeit führt es sich wie eine korporative Struktur auf, mit einer eigenen Politik, die wir nicht ganz durchschauen können.“
„Die Grundsätze, die von Facebook verkündet werden, sind widersprüchlich“, kritisiert Raskin.

„Seine Voreingenommenheit fällt auf: Was die einen dürfen, wird den anderen untersagt. Auch die jüngsten Affären zeigen, dass die Plattform nicht nur von Russland, sondern auch von anderen Ländern zunehmend kritisiert wird. Häufig merken die Medien, die in Facebook ihre Texte publizieren, dass sie an Exklusivität einbüßen. Übrigens trifft es nicht nur auf Facebook, sondern auch auf solche Riesen wie Twitter und Google zu, die ebenfalls eigene harte Regeln befolgen.“

Der Haken lege darin, dass Facebook den Anlass zur Sperre der einen oder anderen Seite gar nicht angebe, hebt der Medienforscher hervor. „Etwas hat ihm missfallen, und Schluss damit. Auch dies beunruhigt das Publikum. Hat man mit einem Großunternehmen wie Facebook zu tun, wünscht man sich mehr Offenheit. Vor allem da alle Gesellschaften, die im Informationsbereich tätig sind, nicht nur Geschäfte machen, sondern auch bestimmte öffentliche Interessen vertreten. So kann hier die Öffentlichkeit mit Recht mehr Transparenz verlangen“, resümiert Raskin.
Sputnik-Logo (Symbolbild) - SNA, 1920, 21.01.2022
Facebook sperrt Seite von Sputnik Arabic für das Posten
Man müsse sich erst darüber im Klaren sein, meint Gunnar Jütte, der Herausgeber der Online-Zeitung „Russland.news“, „dass Facebook oder Youtube immerhin kostenlos von den meisten genutzt werden. Und man kann sich da schlecht auf das Recht der Meinungsfreiheit berufen, denn das sind privatwirtschaftliche Unternehmen, und sie können selbstverständlich ihre eigene Vorstellungen haben, was erlaubt ist und was nicht. Das Hauptproblem ist, dass diese Konzerne wie Facebook, Youtube und auch Google bereits eine Größe bekommen haben, dass sie eine gewisse Meinungsführerschaft übernehmen. Und wenn solche Großkonzerne anfangen, Meinungen zu bestimmen, in dem sie entscheiden, was auf ihren Plattformen verteilt werden darf oder nicht, dann fängt es an, schwierig zu werden.“

Social-Media-Riesen müssen zerschlagen und kontrolliert werden

Der Algorithmus von Google und Youtube sei nicht neutral, so Jütte. „Wenn der Algorithmus vorgibt, Nachrichten über Russland von bestimmten Medien seien schlecht, und sie müssen nach hinten rücken, dann findet man sie erst auf der dritten oder fünften Seite. Umgekehrt kann man andere Nachrichten dann ganz nach vorne bringen, die immer als erste gefunden werden. Das ist bei Facebook und Youtube so. Und da kann natürlich, wie das ja auch während der Corona-Krise häufig ist, dass Youtube sagt, Coronaleugner fliegen raus. Bei Facebook war das ja auch der Fall. Ein privater Konzern ist nicht verpflichtet, alles bei sich zu veröffentlichen, was im Allgemeinen durch die Pressefreiheit vertrten ist.“
Der deutsche Medienvertreter ist der Meinung, dass Konzerne wie Google oder Facebook so weit zerschlagen werden müssen, dass sie kontrollierbar sind. Er erinnert daran, dass es in den 60er und 70er Jahren in Deutschland große Forderungen gab, den Springer-Konzern zu zerschlagen, weil er die Meinungshoheit in Deutschland hatte.
„Denn das geht auch nach amerikanischem Recht, wenn man die großen Konzernen, wie das Öl-Monopol, zerschlagen hat. Und Facebook und Google sind Monopole mit einer unendlichen Finanzkraft. Facebook hat jetzt Instagram noch übernommen. Wenn noch Google und Facebook zusammenschließen würden, wäre die totale Katastrophe.“
„Die Konzerne müssen zersplittert werden“, ist sich Gunnar Jütte sicher. „Je mehr Firmen es sind, umso breiter ist die Meinungsvielfalt. Das wäre wichtig, dass man solche Konzerne zerschlägt, um sie einfach kontrollierbarer zu machen. Es kann nicht angehen, dass ein privater Konzern die Meinungshoheit hat, ohne irgendeine Kontrolle.“
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