Fakenews vs. Qualitätsjournalismus: Ist er ein Auslaufmodell im Zeitalter der Digitalisierung?

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Zeitungen (Symbolbild) - SNA, 1920, 23.01.2022
Russische und deutsche Journalisten sowie Medienforscher haben unter der Schirmherrschaft des Deutsch-Russischen Forums (DRF) in der Staatlichen Nationalen Forschungsuniversität Saratow über den Qualitätsjournalismus in Russland und Deutschland im digitalen Zeitalter diskutiert, darüber, ob er im Kampf gegen Fakenews noch Chancen hat.
Bei der Eröffnung der Veranstaltung äußerte Elena Jelnaja, Professorin der Gastgeberuniversität, dass „eine neue Phase des Journalismus angebrochen ist, wenn Fakten in den Hintergrund treten“. „Ein Kommentar und eine subjektive Einschätzung des Geschehens treten dagegen in den Vordergrund. Leider ist es heute selten, dass Journalisten dem Leser, Zuschauer oder Zuhörer die Möglichkeit geben, ihre eigene Einstellung zum Geschehen zu bilden. Ein lesender und reflektierender Mensch muss sich einer Vielzahl von Publikationen zuwenden, um sich ein objektives Bild des Geschehens zu machen.“
Sebastian Nitzsche, Stellvertretender Geschäftsführer des Deutsch-Russischen Forums, der nach seinen Worten gerne Zeitungen liest und den Journalismus nutzt, stimmt dem zu:
„Nachrichten werden in einem Maße aufgearbeitet, wo eine eigene individuelle Meinungsbildung gar nicht mehr möglich ist, sondern Meinungen vorgefertigt sind und dem Leser und dem Nutzer dieser Informationen vorgegeben werden. Damit entstehen ganz gefährliche Tendenzen, die eigentlich gar nicht der Sinn dessen sind, was wir wollen, Informationen zu bekommen und dann aus eigenem Intellekt heraus sich eine eigene Meinung zu bilden. Und das geht natürlich nur, wenn qualitativ das Ganze aufbereitet ist.“
„Wenn wir eine Zeitung lesen“, fügte Bernd Heinze, Leiter des Referats für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Deutschen Botschaft in Moskau, hinzu, „Beiträge dort anschauen oder uns in den sozialen Medien informieren, dann glauben wahrscheinlich die meisten von uns, dass wir beurteilen können, ob es sich um ein Qualitätsmedium handelt. Unsere Beurteilungskriterien sind dabei meist subjektiv. Öffentlich-rechtliche Medien, Medien, die im Ruf stehen, investigativ zu sein, oder Medien, die auf eine lange Tradition zurückblicken, empfinden die meisten von uns oft von vornherein als Qualitätsmedien.“
„Neue Medien müssen immer erst über eine gewisse Zeit beweisen“, sagte er weiter, „ob sie wirklich Qualität bieten. Und die Bilder werden hier manchmal als Zeichen für mindere Seriosität gewertet. Aber sind sie auch ein Zeichen für mindere Qualität? Man sieht schon, wie trügerisch das eigene Empfinden sein kann, wie fragil unser innerer Kompass als Gradmesser ist, wenn es darum geht, die Qualität eines Mediums zu messen.“ Teilnehmer des Medienforums aus Russland und Deutschland diskutierten über den Lesernutzen, die spezifische Wertschöpfung eines Mediums und die Relevanz für den Leserkreis, der angesprochen werden soll.

Ist der Qualitätsjournalismus zu Ende?

Franka Kühn, Teamleiterin Kommunikation des Verbraucherzentrale Bundesverbands e.V. in Berlin ist der Ansicht, dass die Meinungsfreiheit an sich nicht in Gefahr sei, wenn Meinungen vorgefertigt seien. Obwohl auch sie zugibt, dass es sicherlich Tendenzen gibt, die dem Qualitätsjournalismus an sich schwer zu schaffen machen. „Und diese Tendenzen führen dazu, dass der Qualitätsjournalismus sukzessiv und langsam Jahr für Jahr in seiner Bedeutung abnimmt.“
Wenn das Vertrauen, dass der Journalismus eine gute Arbeit mache, in der Gesellschaft verlorengehe, dann habe man natürlich ein Problem, „wenn es den Eindruck gibt, daß es eine mediale Elite gibt, die sich politisch verortet und mit einer bestimmten Meinung argumentiert. Und wenn ich mich selber als Nutzer, als Leser nicht mehr wiederfinde, dann gibt es ein Vertrauensproblem und damit natürlich auch ein Problem der Anbieter von Qualitätsjournalismus.“
Die Medienforscherin ist fest davon überzeugt, dass „auch wenn die großen Internet-Plattformen gewinnen, die Verlage aber die Auflagen verlieren und Verluste des Print-Verkaufs nicht mehr zu stoppen sind, dann wird die Qualitätspresse doch eine Zukunft haben. Aber sie wird für eine kleinere gesellschaftliche Nische zur Verfügung stehen, nämlich genau für diejenigen, die sich dafür interessieren und dafür Geld ausgeben, genau für die, die dieses Produkt suchen.“
Dabei merkt Franka Kühn an, es werde schwieriger, diese Produkte zu finden und zu identifizieren. „Viel leichter wird es sein, kostenlosem Content hinterherzulaufen und zu glauben, das sind seriöse Informationen. Da ist man dann selber auch gefordert, genau hinzuschauen, insofern das bisherige System an Printmedien, an Wahrhaftigkeit der Medien, auch an ihrer Bedeutung für die Demokratie wackelt.“

Muss man große Internet-Plattformen regulieren?

Die Medienforscherin ist sich sicher, dass man die großen Plattformen auch regulieren müsse. „Wenn man sie als Medien, als Meinungsmacher, als Sprachrohr der Gesellschaft akzeptiert, dann muss man sie regulieren. Man kann nicht tolerieren, dass dort zu Mord, zu Hass, zu Häme, zu Diskriminierung aufgerufen wird. Wenn man sich anschaut, dass mittlerweile Wahlen über Social-Media beeinflusst werden, dann kann man das nicht tolerieren. Der Umkehrschluss ist, dass man sagt Okay, dann gehen eben alle zusammen in die Diktatur. Dort kann man instrumentalisierte Meinungen verbreiten.“
„Wenn man aber den fairen Meinungsaustausch haben will“, urteilt Kühn, „dann kann man diese Art von Meinungsäußerung nicht tolerieren. Wenn man jemanden beleidigt, mit Hass zuschüttet, da gibt es in Deutschland strafrechtliche Sanktionen. Im anonymen Netz, in anonymen Social Media Accounts ist das aber möglich. Und wenn man sich das als Gesellschaft so leistet, dann hat man zwar viel Aufmerksamkeit und vielleicht auch viele Nutzer und viele emotionale Diskussionen, das ist aber dem Meinungsaustausch überhaupt nicht zuträglich.“
„Ich bin fest davon überzeugt“, so Kühn, „wir werden es als Gesellschaft auf Dauer nicht ertragen. Wir werden es nicht aushalten. Deswegen ist Europa ja dran, über bestimmte Gesetzgebungspakete die großen Datenkraken zu begrenzen. Aber das ist ein schwerer Auftrag, und das ist ein langer Weg noch. Da muss noch einiges in der Regulierung passieren. Ob man das noch gewinnen kann, diese gewaltige Marktmacht von großen Plattformen, die ja nicht nur Social-Media-Kanäle betreiben, wird man sehen.“

Wie sind Kriterien des Qualitätsjournalismus?

Ein Diskussionsteilnehmer äußerte, nicht nur das Kriterium der Unabhängigkeit sei für die Bewertung der Qualität eines Mediums relevant. „Es ließen sich viele Beispiele anführen“, sagte er, „wo Medien, die von außen gesehen absolut unabhängig sind, mangelhafte Inhalte veröffentlichen, während finanziell und politisch abhängige eine hochwertige Berichterstattung aufweisen. Der Inhalt ist die Hauptsache, weil es an sich keinen unabhängigen Journalismus geben kann. Jede primäre Information wird sekundär, wenn sie in das menschliche Bewusstsein gelangt. Je nachdem, wie man denkt, wie man das Problem sieht, welche Stereotype man hat, wie man erzogen wurde usw., verarbeitet man diese objektive Wirklichkeit zu seiner Vorstellung von ihr.“
Als Journalist habe man häufig keine Zeit für die Verifizierung der Information, so der Diskussionsteilnehmer, „sodass man oft ungewollt Fakenews veröffentlicht, man vermittelt unzuverlässige Angaben, auch weil man nicht die erforderlichen Kenntnisse besitzt und nicht nur, weil man politisch und finanziell abhängig ist. Auch im medialen Raum, der zum Internet hinüberfließt, kann ein hochwertiger Journalismus stattfinden. Warum sollten wir auch die Printmedien als die angeblich hochwertigen den elektronischen als angeblich minderwertige gegenüberstellen? Wechseln doch im Westen wie in Russland hochprofessionelle Journalisten von den herkömmlichen zu den elektronischen Medien.“
Axel Springer (Archivbild) - SNA, 1920, 17.01.2022
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