Teure Ambitionen: Warum Erdogans imperiale Träume platzten

© REUTERS / AFOLABI SOTUNDEDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (Archivbild)
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (Archivbild) - SNA, 1920, 21.01.2022
Ankara hat lange Zeit viel Geld in Kulturprojekte, die der Einheit der Muslime und Türken und der Wiederbelebung des Osmanischen Reiches dienten, insbesondere in postsowjetischen Staaten, investiert. Doch die türkische Regierung musste bei ihrem Expansionsstreben zuletzt zurückstecken.
Die nationale Währung Lira verzeichnete eine drastische Abwertung, die Ersparnisse der Bevölkerung schmolzen dahin. Aufgrund der massiven Wirtschaftsprobleme musste die Türkei bei ihren geopolitischen Ambitionen starke Abstriche machen. Dennoch meldete sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zuletzt mit dem Vorschlag, Räumlichkeiten für Verhandlungen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem ukrainischen Amtskollegen Wladimir Selenski bereitzustellen. Über die Ursachen des Scheiterns der Machtpolitik lesen Sie in diesem Artikel.

Lira im Stich gelassen

Die Inflation stieg auf 36 Prozent - das ist der größte Jahresanstieg seit 2003, seit Amtsantritt Recep Tayyip Erdogans. Während der US-Dollar zu Beginn des Jahres 7,4 Lira kostete, waren es Ende 2021 bereits 18,4 Lira – eine unglaubliche Abwertung der Nationalwährung. Junge Türken sind auf ständiger Jobsuche. Händler schließen ihre Geschäfte, die Türken verpfänden ihren Wohnungen für Kredite und wissen nicht, ob sie diese zurückzahlen können. Löhne werden zwar regelmäßig ausgezahlt, doch das Geld verliert mit jedem Tag an Wert.
Die Wirtschaft, die früher ziemlich erfolgreich schien, platzt aus allen Nähten. Dabei gab es keine offensichtlichen Krisen – weder Zuspitzungen an der syrischen Grenze, noch Proteste oder Putschversuche. Auch die Pandemie verläuft hier wie im Rest der Welt.
Allerdings hat die Türkei eine Besonderheit – Erdogans eigenwillige Ansichten zur Wirtschaft. Der türkische Präsident behauptete, dass zur Bekämpfung der Inflation der Leitzins gesenkt statt angehoben, wie das in anderen Ländern gemacht wird, werden muss. Auf Kritiker wird keine Rücksicht genommen – innerhalb mehrerer Jahre wurden vier Zentralbankchefs ausgetauscht. Sie alle versuchten, dem türkischen Staatschef vom Gegenteil zu überzeugen.
„Es gibt Tausende Bücher über den Umgang mit Volkswirtschaften. Doch es gab kein einzelnes Buch darüber, wie sie zerstört werden können. Diese Ehre gehört Ihnen, Herr Erdogan. Sie sollten ein Buch schreiben, wie man das Geld des Volkes verbrennt, indem Menschen via Bekanntschaften, ohne entsprechende Qualifizierung eingestellt werden“, sagte die Chefin der oppositionellen „Guten Partei“, Meral Aksener.
Erdogan zufolge führen hohe Zinssätze zur Inflation. Die Wirtschaft könne unterstützt werden, indem Arbeitsplätze geschaffen und Investitionen in der Industrie angekurbelt werden. Laut Erdogan brauchen die Unternehmen daher billige Kredite, also einen niedrigen Leitzins. Investoren, die nicht an langfristigen Projekten interessiert sind, sind in der Türkei nicht willkommen.
© REUTERS / UMIT BEKTASStraßenmusiker treten in einer U-Bahn-Station auf, während eine Katze in ihrem Instrumentenkoffer ruht, mit dem sie Geld von Passanten sammeln, in Istanbul, Türkei
Straßenmusiker treten in einer U-Bahn-Station auf, während eine Katze in ihrem Instrumentenkoffer ruht, mit dem sie Geld von Passanten sammeln, in Istanbul, Türkei - SNA, 1920, 21.01.2022
Straßenmusiker treten in einer U-Bahn-Station auf, während eine Katze in ihrem Instrumentenkoffer ruht, mit dem sie Geld von Passanten sammeln, in Istanbul, Türkei
Ein weiterer wichtiger Faktor: Der Elan, mit dem Erdogan seine internationalen Initiativen und kulturelle Expansion verwirklichte. Die Türkei agierte gleich in drei Richtungen vor – im Fokus standen Muslime in Ländern, die zuvor Teil des Osmanischen Reichs waren, und die turksprachige Bevölkerung.
Die Ideen des Panturkismus, die die Integration des „türkischen Raums nach türkischen Regeln“ vorsahen, wurden von Ankara auch im postsowjetischen Raum in Umlauf gesetzt. Die Türkei setzte auf Soft Power – Geschäfte, Wissenschaft, neue Lobby-Gruppen.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion erkannte die Türkei als eine der ersten die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken an. In den lokalen Medien wurden die Einwohner dieser Länder Türken genannt – aserbaidschanische, usbekische, kirgisische. Für die Aufnahme der Verbindungen waren die „Agentur für Zusammenarbeit und Entwicklung der Türken“ (TIKA), Kulturzentren des Junis-Emre-Instituts und die Internationale Organisation für türkische Kultur zuständig.
Diese Organisationen finanzierten humanitäre Projekte, bauten Schulen, Kindergärten, Universitäten, Kulturzentren, Moscheen. Es entstanden viele protürkische religiöse Einrichtungen, die sich mit Wohltätigkeit befassten. Mittels Austauschprogrammen für Studierende sollten neue nationale Eliten, die ihre Ausbildung in Istanbul oder Ankara bekamen, gebildet werden
„Es wurde eine alternative Geschichte unterrichtet. Türkische Lehrer sagten, dass Byzanz nichts erreicht habe, sondern das Osmanische Reich als Vorbild dienen solle. Also eine offene Propaganda des Nationalismus, alles wurde so dargestellt, als ob die Türkei das Machtzentrum sei, um das sich die turksprachigen Regionen zusammentun sollen. Das betraf auch Regionen in Russland“, so Viktor Nadein-Rajewski vom Moskauer Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen.
Turksprachige Völker leben in den russischen Republiken Altai, Baschkirien, Saha, Tatarstan, Tywa und Chakassien. Moskau ist der natürliche Konkurrent Ankaras beim Kampf um die turksprachige Welt. „Die Türkei bemüht sich, den postsowjetischen Raum unter Kontrolle zu nehmen und ihn von Russland zu entfernen“, sagt Wladimir Awatkow vom Primakow-Institut für internationale Beziehungen.

Türkische Expansion nach Zentralasien und in den Kaukasus

CC0 / Hüseyin Sevgi/pixabay / Flagge der Türkei
Flagge der Türkei - SNA, 1920, 21.01.2022
Flagge der Türkei
Auch Aserbaidschan ist ziemlich stark wirtschaftlich und politisch an Ankara gebunden. „Eine Nation – zwei Staaten“, wird dort gesagt. Ankara unterstützt Baku aktiv im militärtechnischen Bereich.
Kasachstan und Kirgisien wurden von der Türkei in den Rat für Zusammenarbeit der turksprachigen Länder aufgenommen. In der so genannten “Turk-Strategie 2020-2025” ist von Plänen für die politische, wirtschaftliche, touristische und kulturelle Integration die Rede.
Im Kaukasus startete Ankara große Infrastrukturprojekte. In den 1990er-Jahren begann der Bau der Eisenbahnstrecke Baku-Tiflis-Kars. Die Bahnverbindung ist mittlerweile Teil der Initiative Pekings „One Way, One Road“ angeschlossen, die China mit Europa via Aserbaidschan, Georgien, Kaspisches Meer und Kasachstan verbinden soll.
Auch in Adscharien – einer muslimischen Region im christlichen Georgien - engagiert sich die Türkei. Dorthin flossen Investitionen, wurden Moscheen, Hotels, Casinos, Restaurants und Bars gebaut.
Erdogan schlug mehrmals vor, eine kaukasische Plattform des Friedens und Stabilität zur Regelung des Konfliktes zwischen Südossetien und Georgien zu schaffen, an der sich Aserbaidschan, Armenien, Georgien und die Türkei beteiligen sollen.
Die türkische Expansion erreichte sogar Moldawien. Die Türken bauen dort Kindergärten und Schulen, Straßen und bauen einen Hafen am Schwarzen Meer um. Besondere Aufmerksamkeit erfährt zudem Gagausien.
Usbekistan unterzeichnete nach dem Machtwechsel ein großes Paket von Abkommen über militärische und militärtechnische Zusammenarbeit, das die Entsendung von Soldaten zur Ausbildung in der Türkei vorsieht.
Mit der Ukraine wurden 2014 engere Beziehungen geknüpft. Die in der Türkei lebenden Krimtataren protestierten nach der Wiedervereinigung der Krim mit Russland. Es wurden Kultur- und Bildungsprojekte gestartet, eine Stiftung für Kultur und gegenseitige Hilfe der Krimtataren, eine Stiftung für die Entwicklung der Krim und das in Russland verbotene Medschlis des krimtatarischen Volkes gegründet. Vor kurzem vereinbarten Kiew und Ankara gemeinsame Handlungen zur „Entbesetzung der Halbinsel“. Erdogan unterstützte die „Krimer Plattform“ des ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenski.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (Archiv) - SNA, 1920, 19.01.2022
Erdogan lädt Putin und Selenski zu Ukraine-Gespräch ein
Laut türkischen Medien investierte Ankara 2020 rund drei Milliarden US-Dollar in die Ukraine. Awatkow zufolge wird die militärische Zusammenarbeit verstärkt. „Ankara sieht in der Ukraine die Möglichkeit, alte sowjetische Technologien billig zu kaufen, sowie eigene zu verkaufen. Z.B. Drohnen, indem sie sofort bei Kampfhandlungen ausprobiert werden“, so der Experte.

Kräfte reichten nicht aus

2021 musste Ankara das Tempo drosseln. Erstens konnte die Türkei ihre eigens zugewiesene Führungsrolle nicht mehr gerecht werden – es mangelt katastrophal an Ressourcen dazu. Die Rezession verschärft sich, die Arbeitslosigkeit nimmt zu.
Zweitens, erkennt man in der Türkei, dass die turksprachige Welt inhomogen ist. Während diese Völker in den 1990er-Jahren zur Türkei als großen Bruder aufschauten, hat der Elan nun deutlich nachgelassen. Zentralasiatische und transkaukasische Länder rechneten damit, dass sie via Türkei engere Beziehungen zum Westen haben werden. Nun begriffen sie, dass Ankara keine Chancen auf einen EU-Beitritt hat, und revidierten ihre Außenpolitik.
Kasachstan näherte sich mehr Russland und China als der Türkei an. Turkmenien kennzeichnet sich durch Neutralität. Die Beziehungen zwischen Ankara und Kirgisien verschlechtern sich, weil in der ehemaligen Sowjetrepublik sich Anhänger des islamischen Prediger Fethullah Gülen verstecken, der von den Türken für einen Putschversuchs im Sommer 2016 für verantwortlich gehalten wird.
Baku kooperiert zwar mit Ankara, hat aber auch enge Verbindungen zu Moskau. Dieses Gleichgewicht ist für den Schutz der Innenpolitik vor Einmischungen der USA und der EU notwendig.
Türkische Sicherheitskräfte - SNA, 1920, 05.12.2021
Vor Erdogan-Rede: Bombe unter Polizeiauto entdeckt
In seinen Botschaften an die Bürger rief Erdogan dazu auf, Geduld zu zeigen, bis seine Finanzpolitik Früchte bringt. Im Dezember versprach er, die Situation in der ersten Hälfte 2022 zu stabilisieren. Doch bislang sind das nur Worte. „Wir haben keine Zuversicht am morgigen Tag, wir wachen morgens auf, und der Dollar und Euro schlagen Rekorde. Für Lebensmittel gehen mittlerweile rund 40 Prozent der Einnahmen drauf“, beschwert sich Ilhan aus Ankara.
Vor diesem Hintergrund fallen die Popularitätswerte Erdogans und seiner Partei. Zum ersten Mal sanken die Zustimmungswerte des Präsidenten auf 38,6 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit 19 Jahren. Bessere Zahlen haben die Bürgermeister Ankaras und Istanbuls, Mansur Yavas und Ekrem Imamoglu – jeweils 60 und 51 Prozent, sowie die Chefin der „Guten Partei“ Meral Aksener mit 38,5 Prozent. Derweil wurde die Lira als die schwächste Währung der Welt eingestuft – damit kann man keine osmanische Ambitionen finanzieren.
Elena Popowa
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