Kommt das Ende der Glatze? Forscher züchten Haare aus Stammzellen

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Glatze (Symbolbild) - SNA, 1920, 20.01.2022
Statt Haare von einer Stelle auf eine andere zu transplantieren, könnten in Zukunft Bestandteile von Haaren (Follikel) im Labor herangezüchtet und dann an die betroffenen Stellen implantiert werden. Das ist der aktuelle Ansatz von Unternehmen in der Stammzellforschung. SNA News hat mit dem Gründer eines der Unternehmen gesprochen.
Haartransplantationen von anderen Körperstellen gegen Kahlköpfigkeit könnten bald der Vergangenheit angehören. Zumindest arbeiten gegenwärtig verschiedene Unternehmen daran, sogenannte Haarfollikel mit Stammzellen zu züchten, die dann bequem in die Kopfhaut gepflanzt werden können. Als Haarfollikel werden die Strukturen bezeichnet, welche die Haarwurzel umgeben und dadurch das Haar in der Haut verankern. Diese sollen dafür sorgen, dass die Haare nicht ausfallen, sondern immer wieder nachwachsen.

Haare aus Stammzellen

Über diese Entwicklungen hatte zuerst das Fachmedium „MIT Technology Review“ berichtet. Einen ersten Erfolg bei dieser Forschung hat das Unternehmen „dNovo“ zu verzeichnen, das laut Eigendarstellung solche Follikel erfolgreich auf nackte Mäuse verpflanzen konnte. Auf dem folgenden Foto ist eine Maus zu sehen, die „dNovo“ zufolge ein Haarbüschel aus menschlichem Haar trägt:
© Foto : dNovoNackte Maus mit menschlichem Haarbüschel an der Seite
Nackte Maus mit menschlichem Haarbüschel an der Seite - SNA, 1920, 20.01.2022
Nackte Maus mit menschlichem Haarbüschel an der Seite
Aber Stopp – das ist schon ein sehr fortgeschrittenes Stadium. Um dorthin zu kommen, müssen zunächst dem Patienten Körperzellen entnommen werden. Durch die Zugabe bestimmter Faktoren werden die Zellen dann in Haarstammzellen „umprogrammiert“. „Das ist eine direkte Umwandlung“, erläutert Ernesto Lujan, Gründer und Geschäftsführer von „dNovo“ im Gespräch. „Wir können also direkt von Zelltyp A zu Zelltyp B gehen, ohne den Umweg über pluripotente Stammzellen zu gehen. Unsere Daten stammen von Bindegewebszellen der Haut, die zu Haarstammzellen umprogrammiert wurden.“
Die herangereiften Haarfollikel, aus denen die Haare herauswachsen, können schließlich auf den Kopf des Patienten verpflanzt werden. Das Besondere daran: Da es sich genetisch um Zellen des behandelten Patienten handelt, ist laut den Forschern von Abstoßungsreaktionen nach der Einpflanzung nicht auszugehen.

Stammzellen und Krebs

Auch die Gefahr von Krebs, insbesondere von Teratomen, Mischtumoren aus verschiedenen Zelltypen, die sich aus Stammzellen entwickeln können, ist laut Lujan unwahrscheinlich: „Wir sind noch in der präklinischen Phase, aber wir halten das Risiko für gering, da wir keine solchen negativen Entwicklungen an unseren Mäusen beobachten konnten. Außerdem zeichnet sich unser System dadurch aus, dass wir keine pluripotenten Stammzellen einsetzen, die zu Teratomen führen können.“
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Aus Transplantation wird Implantation

Wenn sich das Verfahren in einer klinischen Studie bewähren sollte, könnte in Zukunft die Transplantation als eine Versetzung von Haaren der Implantation neuer herangezüchteter Haarfollikel weichen: „Unser Reprogrammierungssystem für Haar hat das Potential die Art, wie wir Haarausfall behandeln, grundlegend zu verändern“, so Lujan.
„Die meisten gegenwärtigen Lösungen verlangsamen den Haarausfall lediglich oder transplantieren Haare von einer Stelle des Kopfes auf eine andere. Aber diese Methoden schaffen kein neues Haar. Unser Ansatz könnte diese Grenzen durch neue Haar-Stammzellen überwinden. Allerdings befinden wir uns noch in einem frühen Stadium und es steht noch einiges an Forschungsarbeit an, bevor die Lösung kommerzialisiert wird.“
Die Stammzellforschung nimmt auch in anderen Bereichen zu, etwa mit Blick auf die Altersforschung, wo es um die Verjüngung von Gewebe und generell den Kampf gegen das Altern geht. Ebenso laufen Versuche, die Fruchtbarkeit von Frauen dadurch zu erhöhen, dass Körperzellen zu Eizellen umprogrammiert werden.
Erfolge bei der Behandlung von Krankheiten durch differenzierte Stammzellen sind bislang aber sehr dünn gesät. Zu fortgeschrittenen Behandlungen zählen etwa Versuche aus Japan, Zellen der Netzhaut Blinden zu implantieren sowie eine Diabetes-1-Behandlung in den USA mit Betazellen, die nach Darstellung des Unternehmens Vertex Pharmaceuticals möglicherweise erfolgreich war. Ob die Haare aus dem Labor also ihren Weg zu den Haarchirurgen finden, ist noch nicht abzusehen.
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