„Beckenbauer des Ostens“ ist tot: Sportwelt trauert um DDR-Fußball-Legende „Dixie“ Dörner

© AP Photo / JOERG SARBACHDer Trainer des SV Werder Bremen, Hans-Juergen Dörner (Archivbild)
Der Trainer des SV Werder Bremen, Hans-Juergen Dörner (Archivbild) - SNA, 1920, 19.01.2022
„Dixie“ Dörner ist tot. Mit ihm stirbt ein Stück ostdeutsche Fußball-Geschichte. Der Libero mit Offensivdrang gilt als einer der besten deutschen Fußballspieler aller Zeiten – nicht nur von der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Dynamo Dresden trauert um seinen „größten Spieler“. Frühere Trainer und Mitspieler zollen Tribut. Ein Nachruf.
Hans-Jürgen Dörner – genannt „Dixie“ lief exakt 100-mal für die DDR-Nationalmannschaft auf und krönte seine internationale Karriere mit einer olympischen Goldmedaille 1976 in Montreal.
„Der deutsche Fußball trauert um eine Ikone“, schrieb das Fußball-Fachmagazin „Kicker“ am Mittwoch. „Der DDR-Fußball hatte keinen Größeren. (…) Dörner galt als einer der besten Spieler der DDR, wurde auch ‚Beckenbauer des Ostens‘ genannt. (…) Er hatte die Gabe, das Schwere leicht aussehen zu lassen – und war Abwehrchef, Ästhet und Antreiber zugleich. Einen wie ihn hatte der DDR-Fußball kein zweites Mal. Dörners Krönungsmesse wurden die Olympischen Spiele in Montreal 1976. Frankreich kam mit Platini, Brasilien mit Junior, Polen mit Lato und Szarmach, Spanien mit Arconada und Juanito, die Sowjetunion mit Blokhin. Aber Gold gewann die DDR, deren Auswahl davor und danach vermutlich nie besser gespielt hat als in jenen Wochen im fernen Kanada.“
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Doch: Beckenbauer des Ostens? Diese Zuschreibung habe Dörner nie gern über sich gelesen, wie weitere Medienberichte aktuell erinnerten. Allerdings seien sich die Fußball-Experten einig: Mit seiner modernen Interpretation des Liberos war „Dixie“ Dörner in den 1970er und 80er Jahren – wie der westdeutsche „Fußball-Gott“ Franz Beckenbauer in der BRD – seiner Zeit weit voraus. Er galt demnach als „Lichtgestalt des Fußballs“ in der DDR.

„Ich war überzeugt, dass man dem anspruchsvollen Dresdner Publikum stets ein paar Kabinettstückchen bieten muss“, sagte Dörner im Rückblick auf seine aktive Karriere. „Ich habe mit Risiko gespielt, aber ich wusste immer, was ich mache. Was den Fußball betrifft, war ich in Dresden immer zufrieden. Den Wunsch nach Veränderung hatte ich nie.“

Diese Treue zahlte sich aus. Dörner wurde letztendlich zum Ehrenspielführer des Vereins gewählt und war seit 2013 Mitglied im Aufsichtsrat von Dynamo Dresden.
Der 1951 in Görlitz in der Oberlausitz geborene Dörner – fand bereits im jungen Alter den Weg ins etwa 90 Kilometer entfernte Dresden. Die sächsische Perle an der Elbe wurde zu seiner fußballerischen und privaten Heimat. Er spielte immer nur für Dynamo.

„Größter Spieler der Vereinsgeschichte“: Dynamo Dresden trauert

Sein Verein teilte den Trauerfall am Mittwoch per Presseerklärung mit. „Es ist unbegreiflich, schockierend und sehr, sehr traurig“, schrieb Holger Scholze, Vereinspräsident von Dynamo Dresden.

„Wir können es noch gar nicht begreifen, dass ‚Dixie‘ Dörner nicht mehr unter uns sein soll. Sein Tod stürzt unsere Sportgemeinschaft in tiefe Trauer. Mit ‚Dixie‘ Dörner ist nicht nur der größte Spieler der Vereinsgeschichte von uns gegangen – wir haben auch einen Menschen verloren, der unser aller Herz erobert hatte. Über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg hat er sich auf und neben dem Platz für die Farben unserer Stadt und unseres Vereins in beeindruckender und herausragender Art und Weise eingesetzt.“

Für seinen Stammverein Dynamo Dresden bestritt Dörner zwischen 1968 und 1986 wettbewerbsübergreifend sagenhafte 558 Partien – vor allem in der DDR-Oberliga – und erzielte dabei 101 Tore. Im gelb-schwarzen Dress sollte er zur Legende reifen, wurde in dieser Zeit mit Dynamo fünfmal DDR-Meister und gewann ebenso oft den FDGB-Pokal. 1977, 1984 und 1985 war er „DDR-Fußballer des Jahres“.
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„Du warst Deiner Zeit weit voraus“ – Stimmen aus der Fußball-Welt

Dresden, der Osten und gesamt Fußball-Deutschland trage momentan Trauer, klang es am Mittwoch unisono in den Medien. Auch Ede Geyer, früherer Spieler und Trainer von Dynamo Dresden und langjähriger Weggefährte von Dörner, konnte seinen Kummer nicht verbergen, als er vom Tode Dörners erfuhr. „Die Nachricht hat mich umgehauen, ich bin tief betroffen und fassungslos“, sagte der frühere Coach von Energie Cottbus. „Dixie und ich haben viele Kämpfe ausgetragen. Er hatte das gewisse Etwas und war eine Inspiration für viele Fußballer.“
Auch Dynamo-Dresden-Legende Matthias Sammer, der nach der Wende beim VfB Stuttgart und für Borussia Dortmund erfolgreich war, fand nur lobende Worte für die Klub-Ikone:

„Du warst Deiner Zeit weit voraus“, sagte Sammer wertschätzend zu ihm an Dörners letztem Geburtstag im Januar 2021: „Pep Guardiola hätte seine Freude an Dir gehabt.“

Im Oktober 2019 „wurde Dörner in die ‚Hall of Fame‘ des Deutschen Fußballmuseums aufgenommen“, berichtete der „MDR“ am Mittwoch. Unfassbar traurig sei es, dass „unser Dixie nach schwerer Krankheit von uns gegangen ist“, schrieb ein Leser als Kommentar unter dem Artikel. „Seit 1972 bin ich Fan unseres Vereins und habe grandiose Spiele mit Dixie erlebt. Er war und ist Kult bei unserem Verein. Ein außergewöhnlicher Mensch und Sportler. Stets werden wir ihn in unserem Herzen weitertragen. Du bist und bleibst unvergessen.“

„Verpasster“ DDR-Erfolg und erster „Ossi-Trainer“ der Bundesliga

Nach der Wiedervereinigung übernahm Dörner bei Werder Bremen als erster „Ossi“ einen Trainerposten in der Bundesliga. Spätere Trainerstationen hießen FSV Zwickau, Al-Ahly Kairo, wo er ägyptischer Pokalsieger und Vizemeister wurde, VfB Leipzig und Radebeuler BC. An seine ganz großen Erfolge als Spieler konnte Coach Dörner allerdings nicht mehr anknüpfen.
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„Nur eine Sache wurmte ihn bis zum Tod“, schrieb „T-Online“ über Dixie. „Wegen einer Gelbsucht hatte er die WM 1974 und damit auch den 1:0-Sensationssieg in Hamburg über den großen Bruder BRD verpasst.“ Damals hatte der Magdeburger Jürgen Sparwasser das für alle Ewigkeit einzige Siegtor der DDR-Auswahl gegen Westdeutschland erzielt. Der Dresdner hätte dabei so gern auf dem Platz gestanden, wie er immer wieder betont hatte …
Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner verstarb in der Nacht zu Mittwoch nach langer Krankheit im Alter von 70 Jahren in Dresden. Er hinterlässt seine Lebensgefährtin und drei Kinder.
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