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Westliche Doppelstandards – Ritterwürde für Kriegsverbrecher, Auslieferungshaft für Whistleblower

© AP Photo / Stephanie LecocqDer ehemalige britische Premierminister Tony Blair
Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair  - SNA, 1920, 02.01.2022
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Der frühere britische Premier, Tony Blair, ist zum Ritter des Hosenbandordens ernannt worden. Eine Ehre, die Königin Elisabeth II. alleine verleihen kann. Doch tausende Briten und andere Menschen protesieren mit einer Petition dagegen. Westlichen Medien ist das praktisch keine Erwähnung wert. Und der Journalist Julian Assange ist weiter in Haft.
Der Hosenbandorden ist – nach dem Orden vom Goldenen Fließ – die wohl bekannteste nichtkirchliche Ordensgemeinschaft der Welt. „The Most Noble Order of the Garter“ gehört zu den wenigen Auszeichnungen, die ein regierender britischer Monarch verleihen darf, ohne seine Regierung konsultieren oder gar um Erlaubnis fragen zu müssen. Zu den Mitgliedern des Hosenbandordens gehören traditionell die engsten Mitglieder der königlichen Familie, Monarchen und Regierungschefs anderer Staaten, herausragende Wissenschaftler und Künstler – und immer wieder auch britische Politiker der ersten Reihe. Die letzten Premierminister außer Dienst, denen diese exklusivste aller königlichen Gunstbezeugungen zuteil wurde, waren Margaret Thatcher und John Major.
Und nun also Tony Blair. Obwohl er als Regierungschef, wie keiner vor ihm, die royale Ordnung Großbritanniens geschleift hat, beispielsweise durch die Reform des Oberhauses, die einem Großteil der Lords und Peers ihren mitunter über Jahrhunderte angestammten erblichen Parlamentssitz kostete. Und obwohl Blair bei seiner Amtsübernahme 1997 noch auf einer Woge der Begeisterung getragen wurde, hat er mit seiner Politik große Popularität gegen offene, tiefe Abneigung in der Bevölkerung „eingetauscht“, wie es zuvor nur Margaret Thatcher „gelungen“ war.

Tony Blair ist in Großbritannien inzwischen ähnlich unpopulär wie Margaret Thatcher

Das ist vor vielem anderen auf die Tatsache zurückzuführen, dass Tony Blair zu denen gehört, die mit dreisten Lügen einen völkerrechtswidrigen Krieg im Irak angezettelt haben, die nicht nur das britische Volk schamlos betrogen haben, sondern die gesamte Weltgemeinschaft, die Terror und Folter den Weg ebneten, um vermeintlich wichtige Interessen oder „Werte“ des transatlantischen Westens durchzusetzen bzw. zu verteidigen. Die Rücksichtslosigkeit und Unverschämtheit mit der Tony Blair dabei agierte, empört Millionen Briten und über die Landesgrenzen des Vereinigten Königreiches hinaus.
Tony Blair kommt zu einem Treffen mit dem zyprischen Präsidenten Nicos Anastasiades im Präsidentenpalast in der Hauptstadt Nikosia, Zypern (Archivbild) - SNA, 1920, 02.01.2022
Ex-Premier Blair zum Ritter geschlagen – Massive Unterstützung für Petition zur Aberkennung
Dass die Königin nun ausgerechnet „Tony Bliar“ (Tony Lügner) bzw. „America's Poodle“ (Amerikas Pudel), wie ihn viele Briten inzwischen verächtlich nennen, ausgerechnet zum Ritter des Hosenbandordens kürt, des prestigträchtigsten Ordens des Königreiches, bringt hundertausende Menschen, nicht nur in Großbritannien so richtig in Rage, weil sie es als arrogante Machtdemonstration verstehen, einer abgehobenen Elite, die zwar viel vom Volk und Volkswillen redet, aber de facto diesem Volk nur zeigt, wie wenig es für diese Elite wirklich zählt.

Spontane Protest-Petition gegen Ehrenritterwürde von Blair geht durch die virtuelle Decke

Als der Hof von St. James am Silvestertag die offizielle Mitteilung über die traditionellen Auszeichnungen zum Neujahrstag veröffentlichte, war das wohl für einen gewissen Angus Scott aus dem schottischen Banchory eine Dreistigkeit zuviel, als er auf diese Weise von der Ehrenritterwürde Tony Blairs erfuhr. Scott initiierte sofort eine Online-Petition, mit der er den amtierenden britischen Regierungschef Boris Johnson auffordert, bei der Königin zu intervenieren, um die Ritterwürde für Tony Blair zu widerrufen.
Das Nutzerkonto von Angus Scott bei „Change.org“ firmiert unter dem Satz „Just a very unhappy citizen of the United Kingdom“ (Ein einfach nur sehr unzufriedener Bürger des Vereinigten Königreichs). Die Petition zur Widerrufung der Ritterwürde wird wie folgt begründet:
„Tony Blair hat sowohl der Verfassung des Vereinigten Königreichs als auch dem Gefüge der Gesellschaft des Landes irreparablen Schaden zugefügt. Er war persönlich verantwortlich für den Tod unzähliger unschuldiger Zivilisten und Soldaten in verschiedenen Konflikten. Allein dafür sollte er wegen Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Tony Blair ist die Person, die am wenigsten eine öffentliche Ehrung verdient, insbesondere wenn sie von Ihrer Majestät der Königin verliehen wird.“
Angus Scott
aus der Petition gegen die Verleihung der Ehrenritterwürde an Tony Blair
Auch wenn vielleicht eine ganz andere Person hinter dem Namen Angus Scott steht – das angegebene Twitter-Konto scheint jedenfalls nicht zu existieren – aber die Petition von Scott auf dem Portal „Change.org“ explodierte förmlich. Innerhalb von nicht einmal 48 Stunden unterzeichneten mehr als 200.000 Personen die virtuelle Eingabe. Und obwohl die Zahlen im Sekundentakt weiter steigen, schon jetzt ist es eine der erfolgreichsten Petitionen in der Geschichte dieses Online-Portals. Als der Autor dieses Artikels mit dem Formulieren seines Kommentars begann – 16:45 Uhr Berliner Zeit – lag die Zahl der Unterzeichner bei rund 225.000.

Deutschlands Medien ignorieren im Wesentlichen die Petition gegen Blairs Auszeichnung

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Verhalten der angeblichen westlichen Qualitätsmedien, darunter auch deutsche. Allen voran: die wichtigste deutschsprachige Nachrichtensendung, die ARD-Tagesschau. Das Flaggschiff des deutschsprachigen Nachrichtenjournalismus berichtet bis Redaktionsschluss dieses Artikels nicht einmal über die Namensliste der königlichen Neujahrsverleihungen. Das ZDF fügt am Ende eines Artikels, der lang und breit in einer Liste mehr oder weniger illustrer Namen schwelgt, nur einen etwas verschämt wirkenden Satz ein: „Blair ist in der britischen Bevölkerung vor allem wegen seiner Unterstützung der USA im Irak-Krieg 2003 umstritten.“ Kein Wort zur Petition auf „Change.org“, die am 1. und 2. Januar virtuell durch die Decke geht.
Die größte deutsche Boulevard-Zeitung aus dem Hause Springer, die sich bekanntlich besonders gerne aufplustert, wenn es um die angebliche Überlegenheit westlicher Werte geht, schweigt ebenso über die heftig kritisierte Verleihung an Blair. Das als seriöses Nachrichtenprodukt des Springer-Konzerns konzipierte Blatt „Welt“ offeriert auf seiner Internetseite bei der Suchanfrage „Tony Blair“ eine Ergebnisliste, deren erstes Suchergebnis ein Artikel vom Oktober 2021 ist, von dem unklar erscheint, ob er als besonders derber Sarkasmus gemeint ist: „Das sind die 9 wohl gruseligsten Horrorfilm-Figuren“.
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„Süddeutsche Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“ veröffentlichen am Neujahrstag nur die DPA-Meldung über die Neujahrsauszeichnungen der Queen, natürlich ohne Erwähnung der Online-Petitionen, obwohl zu jenem Zeitpunkt die virtuelle Eingabe von „Change.org“ mehr als 100.000 Unterschriften verzeichnen konnte. Der staatliche deutsche Auslandsrundfunk „Deutsche Welle“ verzichtet, wie die ARD auf die Veröffentlichung der königlichen Auszeichnung.
Lediglich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wird einmal mehr ihrer Sonderstellung in der deutschen Medienlandschaft gerecht und berichtet als einziges deutsches Medium von Rang auch über Petitionen gegen die Auszeichnung für Tony Blair, denn neben der bereits erwähnten gibt es noch weitere Protestaktionen im Netz, die aber bei weitem nicht den Zulauf haben wie die auf „Change.org“.

Auch die BBC übt sich im Verstecken der königlichen Ehrenritter-Provokation

Die britische öffentlich-rechtliche BBC, ebenfalls eines der Medien, das sich selbst gerne als flammenumwölkter strahlend weißer Ritter im Kampf gegen die bösen Mächte dieser Welt und für echte, wahrhaftige Informationen und Nachrichten aufführt, informiert ihre Leser nur über die Ehrenritterwürde ihres früheren Regierungschefs, wenn danach ausdrücklich gesucht wird. Die simple Eingabe des Suchwortes „Blair“ auf der BBC-Internetseite führt zur „Late Show with Eve Blair“, die Eingabe von „Tony Blair“ zu einem Interview mit ihm anlässlich des COP26-Klimagipfels von Glasgow. Erst die Eingabe von „blair knight“ führt zu einem Artikel vom 1.Januar 2021 in dem sich der dürre Satz findet: „And Tony Blair is knighted, being appointed to the Order of the Garter.“ (deutsch: Und Tony Blair wird zum Ritter geschlagen und in den Hosenbandorden aufgenommen.)
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Möglicherweise fällt nicht allen Lesern auf, dass dieser Satz mit einem anderen BBC-Artikel vom 1. Januar verlinkt ist, der sich auf der allgemeinen Suchliste mit den Suchwörtern „blair knight“ allerdings erst auf der dritten Ergebnisseite findet – warum auch immer. Immerhin erfahren geduldige Leser in dem Artikel „Blair becomes 'Sir Tony' and joins top royal order“ (deutsch: Blair wird "Sir Tony" und tritt in den höchsten königlichen Orden ein): „Unter Sir Tonys Führung schloss sich das Vereinigte Königreich den von den USA angeführten Invasionen im Irak und in Afghanistan an - eine offizielle Untersuchung des Irak-Kriegs 2003 übte scharfe Kritik an seiner Regierung und den britischen Militärchefs.“
Ein Hinweis auf die diversen Protestpetitionen gegen diese königliche Würde? Fehlanzeige. Dafür findet sich bis zum Redaktionsschluss dieses Artikels auf der BBC-Startseite selbstredend eine „Full Story“ über den Beschluss des Obersten Gerichtshofes der Russischen Föderation die Nichtregierungsorganisation „Memorial“ betreffend: „Die Organisation, die Russlands dunkle Vergangenheit ausgegraben hat“.

Königliche Ehre für einen Kriegsverbrecher - Königliche Haft für einen Journalisten, der den Kriegsverbrecher entlarvte

Da bleibt natürlich kein Platz mehr bei der BBC für die dunkle Vergangenheit des eigenen Landes, die mit dem Namen eines neuen Ehrenritters verbunden ist. Und erst recht bleibt da auch kein Platz mehr für den Blick auf die Tatsache, dass ein Kriegsverbrecher wie Tony Blair mit königlichen Titeln ausgezeichnet wird, während der Journalist und Whistleblower Julian Assange im königlichen Gefängnis von Belmarsh gequält wird, weil er Kriegsverbrecher wie Tony Blair enttarnt hat auf seiner Plattform Wikileaks.
Julian Assange - SNA, 1920, 30.09.2021
Enthüllt: CIA hatte Entführungs- und Mordpläne für Wikileaks-Gründer Julian Assange
Westliche Doppelstandards eben, wie wir sie lieben und kennen.
PS: Stand der Petition auf „Change.org“ bei Redaktionsschluss dieses Artikels – 19:16 Uhr Berliner Zeit: 262.289.
PPS: Nachrichten über diese Petition auf tagesschau.de, heute.de, bild.de, welt.de, tagesspiegel.de, fr.de, taz.de, bbc.com, cnn.com = NULL
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