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Das Jahr 1990, wie es in Russland und Deutschland in Erinnerung geblieben ist – Augenzeugendebatte

© SNA / Nikolaj JolkinAus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“
Aus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“ - SNA, 1920, 31.12.2021
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Auf einer der Buchmessen in Moskau präsentierte der Verleger und Autor Jan Wenzel (Spector Books, Leipzig) sein Buch „Das Jahr 1990 freilegen“ (Preis der Stiftung Buchkunst). Während der Präsentation entfachte eine Debatte über die schwierigen 90er Jahre, die Zeit, in der die UdSSR zerfiel und Deutschland wiedervereinigt wurde.
Die 90er Jahre werden in Russland oft als „die Unheilvollen“ bezeichnet. Irina Prochorowa, Chefredakteurin der Zeitschrift „Die neue Literaturrundschau“ und Leiterin des gleichnamigen Verlags, forderte auf, sich Gedanken darüber zu machen, inwieweit der Untergang der Sowjetunion unvermeidlich war oder ob sich dies durch eine Reihe von Zufällen ereignete. Ihre Schlussfolgerung lautete: „Das waren unwiderrufliche Prozesse, indem das Neue durch das Gitter des Alten hervorkeimte. Die Sowjetunion als Staat war aber nicht mehr funktionsfähig. Schon damals lag mir viel daran, herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, dass ein riesengroßes Land wie unseres auseinanderbröckelte, ohne dass es jemand vorausgeahnt hätte.“
© SNA / Nikolaj JolkinIrina Prochorowa, Chefredakteurin der Zeitschrift „Die neue Literaturrundschau“
Irina Prochorowa, Chefredakteurin der Zeitschrift „Die neue Literaturrundschau“ - SNA, 1920, 31.12.2021
Irina Prochorowa, Chefredakteurin der Zeitschrift „Die neue Literaturrundschau“
„Das Jahr 1991 zeigte hierzulande, dass selbst in totalitären Staaten eine Evolution stattfindet“, behauptet sie, „ein Wandel der Lebensweise, der sogar die Beziehungen innerhalb einer Familie betrifft. Es lag nicht nur an der sozialen Umgebung, die eine parallele Struktur gleich dem heutigen Internet ins Leben rief, in der man Meinungen, verbotene Bücher und Nachrichten austauschte. Es ist erstaunlich, wie unauffällig die Gesellschaft sich von Grund auf verändert hatte und sagte: ‚Nein, den Sozialismus, der uns angeboten wird, wollen wir nicht mehr haben.‘ Der Emanzipationsprozess, der in der Zeit der Perestroika begann, veränderte die Menschen von Jahr zu Jahr.“

Schmerzliche Perestroika und der unerwartete Mauerfall

„Aber die neue Gesellschaft formierte sich unter schwierigen, ja sogar schmerzlichen Verhältnissen“, stellte sie weiter fest. „Man verlor Geld, eine Vielzahl von Berufen verschwand oder wurde schlecht bezahlt. Menschen, die einen hohen gesellschaftlichen Status genossen hatten, der privilegierte Teil der Gesellschaft, wurden im Nu völlig bedeutungslos. Der gesellschaftliche Wandel vollzog sich im Zeichen des Weges zur Normalität, wobei mit der Norm die westliche Welt gemeint war, die oft idealisiert wurde. Man dachte, dort gäbe es das wahre Paradies, Freiheit und Gerechtigkeit, während wir hier unter Warenmangel leiden. Nachdem die Außenwelt sich uns aufgetan hatte, sahen wir, dass auch sie unvollkommen war. Es war ein qualvoller Knick, als sich herausstellte, dass uns noch ein langer Weg bevorstand.“
© SNA / Nikolaj JolkinIrina Prochorowa und Jan Wenzel bei der Buchpräsentation
Irina Prochorowa und Jan Wenzel bei der Buchpräsentation - SNA, 1920, 31.12.2021
Irina Prochorowa und Jan Wenzel bei der Buchpräsentation
Der in Russland bekannte Literaturkritiker und Publizist Alexander Archangelski hatte 1988 die DDR besucht. „In der Sowjetunion gärte damals alles. In der DDR hatte man den Eindruck, dass sich nichts und nie ändern würde. Dort lebte man ruhig, satt, die Menschen schienen zufrieden und regierungstreu zu sein. Kaum verging aber ein Jahr, da fiel die Berliner Mauer. Deutschland begann sich zu vereinigen und die Sowjetunion zu zerfallen.“
Jan Wenzel zu seinem Buch: „Was mich interessiert hatte, war, inwieweit es wichtig ist, in das Jahr 1990 zurückzugehen, um die Gegenwart, aber auch mein eigenes Leben zu verstehen. In diesem Sinne ist das Buch eine Methode, Geschichte sich wieder anzueignen.“ Auf die Frage, ob irgendwelche Mechanismen damals sichtbar waren, die unweigerlich zu den Ereignissen im Jahre 1990 führten, antwortete der Buchautor: „Im Januar 1989 hätte noch niemand geglaubt, dass das Ende der DDR so nah ist, wobei ich damals 16 war, und ich erinnere mich, dass wir damals doch das Gefühl hatten, es kann nicht so weitergehen.“
© SNA / Nikolaj JolkinAus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“
Aus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“ - SNA, 1920, 31.12.2021
Aus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“
Im Gegensatz zu dem Jahr 1989 sei das Jahr 1990 ein Jahr enormer Beschleunigung gewesen, so Wenzel, „aber auch ein Jahr, was immer wieder in der Entwicklung abreißt, also die Perspektive im Januar, ist schon im März nicht mehr gültig. Und die Perspektive im März-April ist im Mai nicht mehr gültig. Das ist heute auch ein Problem, sich an dieses Jahr zu erinnern, weil es immer wieder diese Risse gibt, auch mental. Unsere Erfahrung mit dem Buch war, dass auch die jüngere Generation das sehr intensiv gelesen hat, auch um zu verstehen, was in diesem Jahr passierte. Warum ging es so schnell? Welche Kräfte sind aufeinandergetroffen?“

Enttäuschungen nach der Wiedervereinigung

Und weiter meint der Verleger: „Auch im Ostdeutschland 1990 gab es viele Wünsche und Enttäuschungen, die damit zusammenhängen, dass nach einer kurzen Phase der Bürgerbewegung und der politischen Kreativität ein großer Teil der Bevölkerung sich sehr schnell entschlossen hat, den Weg der Wiedervereinigung zu wählen und damit sozusagen auch für einige Zeit Menschen zweiter Klasse zu werden.“
„Es ist gerade dieser beschleunigte Prozess in der Ökonomie durch die Einführung der D-Mark“, stellt Wenzel fest, „auch dadurch, dass die Betriebe auf dem Weltmarkt von einem Tag zum anderen konkurrieren mussten, der für viele Leute eine tiefe Enttäuschung im Rückblick bedeutet, weil sie ihre Arbeit verloren haben, und ihre Biographien dadurch auch zerbrochen sind. Das ist aber etwas, was man sich auch nicht eingestehen mag, dass man an bestimmten Stellen vielleicht auch zu naiv gewesen ist und daran geglaubt hat, dass die Bundesrepublik ein Aufbringen hilft.“
© SNA / Nikolaj JolkinAus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“
Aus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“ - SNA, 1920, 31.12.2021
Aus dem Buch „Das Jahr 1990 freilegen“
Irina Prochorowa erzählte über ihren Verkehr mit deutschen Intellektuellen Mitte 2000, als der Unmut über diese Abwertung seinen Höhepunkt erreicht hatte. „Deutsche Verleger, alle so Anfang 30, klagten, sie hätten nach der Wiedervereinigung auf Karriereaufstieg gehofft, aber sie bekamen aus dem Westen einen Chef geschickt, unter dem ihnen klar wurde, dass mit einem Aufstieg nicht zu rechnen war. Dasselbe passierte an den Universitäten. Alle Führungspositionen wurden mit westdeutschen Professoren besetzt. Mir war allerdings klar, dass einige Zeit verfließen musste, dass eine andere Generation kommen musste, damit diese Enttäuschung verging. Das war eine dramatische Erfahrung für beide unsere Länder.“

Versäumte Chancen der Perestroika und Wiedervereinigung

Jan Wenzel ist der Meinung, dass die Wiedervereinigung als Chance genutzt werden musste, beide Gesellschaften zusammenzuführen. „Die Wiedervereinigung ist aber in einer Form passiert, wo die Ostdeutschen die westdeutsche Gesellschaft übernehmen sollten. Was man im Rückblick sieht, ist es, dass eine große Chance vergeben wurde, Europa neu zu gestalten. Es gab in der Bürgerbewegung im Januar eine Initiative, die beiden Militärmächte aufzulösen und das sozusagen miteinander zu verbinden, also wirklich eine Aushandlung zwischen Ost und West zu einem europäischen Sicherheitssystem zu beginnen. Wenn man zurückgeht, tut man das manchmal auch mit dem Wunsch, diese Entwicklung zu reparieren.“
© SNA / Nikolaj JolkinDas Buch „Das Jahr 1990 freilegen“
Das Buch „Das Jahr 1990 freilegen“ - SNA, 1920, 31.12.2021
Das Buch „Das Jahr 1990 freilegen“
Zu den verpassten Chancen in Russland meint Prochorowa: „Für den Aufbau einer neuen Welt fehlten uns die erforderlichen Fertigkeiten. Es bleibt zu bewerten, inwieweit wir damals diese Chancen nutzen konnten. Man muss die Unerfahrenheit der Leute berücksichtigen, die damals in die politische Szene gekommen waren. Während wir lernten, kam es zur Revanche, weil die politisch aktiven Partei- und Wirtschaftsfunktionäre bzw. die Spitze des Komsomol sich auf das Regieren verstanden — wir haben wenig davon verstanden.“
„Das zweite Moment: Wir fühlten uns geplagt durch die totale Ideologie, die uns unaufhörlich aufgezwungen wurde. In den 90er Jahren hatten wir dagegen das Gefühl, von jeder Ideologie befreit zu sein. Wir haben den kapitalistischen Mechanismus angelassen, der uns in eine schöne Zukunft führen wird — so dachten wir und versäumten es, die neue Ordnung zu legitimieren, und sei es rein symbolisch, die Frage zu beantworten, an welcher Gesellschaft wir bauen und welche Freiheit wir brauchen.“
Leider sehe sie auch bei der heutigen Gesellschaft keinen Willen zur Umformulierung der Idee der demokratischen Ordnung. „Der Ausstieg aus einer totalitären Gesellschaft ist eine sehr schwierige Aufgabe, der auch mit großen Auswüchsen verbunden ist. Ungeachtet der ganzen Dramatik der postsowjetischen Periode hat sich an der russischen Gesellschaft jedoch einiges stark geändert. Ohne es selbst zu bemerken und von einer falschen Nostalgie beherrscht, hat sie doch aufgehört, sowjetisch zu sein, und lebt jetzt in weiteren Freiheitsschranken.“

Was vermisst der Buchautor Wenzel im heutigen Deutschland?

„Zum Beispiel der Runde Tisch“, sagte er im SNA-Interview, „eine sehr interessante Form der Interaktion und der direkten Kommunikation zwischen einer etablierten Politik, waren doch alle Parteien der Volkskammer vertreten, und Teilnehmer der neuen Bewegung. Da gab es auch unterschiedliche Bemühungen, Demokratie weiterzuentwickeln. Das ist etwas, was ich vermisse. Was ich sehr stark mit diesem Jahr 1990 auch verbinde, ist der Wille zur Abrüstung, was nicht nur in Ostdeutschland, sondern in den verschiedenen osteuropäischen Ländern auch sehr wichtig war.“
© SNA / Nikolaj JolkinJan Wenzel, Verleger und Autor bei der Präsentation seines Buches
Jan Wenzel, Verleger und Autor bei der Präsentation seines Buches - SNA, 1920, 31.12.2021
Jan Wenzel, Verleger und Autor bei der Präsentation seines Buches
Diese enorme Ressourcenverschwendung könne sich die Menschheit nicht leisten, ist sich der Publizist sicher, „die Energie, die Rohstoffe und dieses Geld sowie die Kreativität, die für Rüstung ausgegeben werden, sind etwas, was uns fehlen. Das hätten wir 1990 in anderer Weise erledigen können durch eine radikalere Abrüstung und die Friedensbewegung, die es in der DDR und im Westen gab. Dies wünsche ich mir heute in dieser Vehemenz auch zurück, verbunden mit der jungen Bewegung für den Klimawandel. Der Klimawandel und Abrüstung sind Dinge, die zusammengehören.“
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