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Schenkforschung: Das sagt die Wissenschaft zum „perfekten Geschenk“

CC0 / JillWellington / Pixabay / Weihnachten (Symbolbild)
Weihnachten (Symbolbild) - SNA, 1920, 04.12.2021
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Weihnachten: Schon wieder die Qual der Wahl bei der Geschenkesuche. Worauf kommt es dabei an? Oder gehört das Schenken längst abgeschafft? Der Ökonom Bernd Stauss spricht mit SNA über sein Buch „Das perfekte Geschenk“.
SNA: Herr Stauss, verraten Sie in Ihrem Buch eine Formel für „Das perfekte Geschenk“?
Stauss: Eine Formel für „das perfekte Geschenk“ gibt es nicht. Es gibt einen Aufsatz des amerikanischen Konsumforschers Russell W. Belk aus den 90er Jahren: „The perfect Gift“ (Das perfekte Geschenk). Er hat einige Eigenschaften eines perfekten Geschenks darin genannt. Dazu gehört, dass das Geschenk wirklich auf die Bedürfnisse, auf die Wünsche, auf den Geschmack des Empfängers abgestimmt ist, dass sich der Geber Mühe gibt und im besten Fall ihn auch überrascht.
Sie unterscheiden zwischen einem objektiven und einem symbolischen Wert eines Geschenks. Wie bestimmen sich diese Werte und wie wichtig sind diese jeweils?
In der ökonomischen Betrachtung denkt man bei einem Wert eines Geschenks natürlich an den Preis, also die finanzielle Größenordnung. Aber es ist aus der empirischen Forschung bekannt, dass für viele Empfänger der symbolische Wert entscheidender ist. Das ist der emotionale Wert, der die Nähe und die Intensität der Beziehung zum Ausdruck bringt. Die eben genannten Kriterien wie Einfühlungsvermögen, sich Mühe geben, Überraschen sind wesentliche Elemente dieses emotionalen Wertes.
Sie sprechen noch einen dritten Aspekt an, die Nützlichkeit. Welche Rolle spielt sie?
Er spielt immer weniger eine Rolle. In Zeiten, in denen es den Menschen schlechter geht, da spielt die Verfügung über Gebrauchswerte eine große Rolle. Heutzutage sind sehr viele in der Lage, sich mit einem Klick ihre Wünsche jederzeit zu erfüllen. Da spielt die Nützlichkeit eine geringere Rolle.
Wenn Empfänger gerne ein emotionales, ein symbolisches Geschenk haben wollten, kann es sogar sein, dass nützliche Geschenke – wie Socken oder ein Küchengerät – zu weniger Zufriedenheit führen. Zu bestimmten Anlässen allerdings wird jedoch eine ganze Reihe von Gebrauchsgegenständen wirklich gewünscht: etwa zur Hochzeit, zum Umzug oder zum Auszug eines Kindes, wenn ein neuer Hausstand gegründet wird.
Sie schreiben: Nach Erkenntnissen der psychologischen Schenkforschung erscheint es geradezu unmöglich, ein perfektes Geschenk zu machen. Da gibt es sehr viele Parameter zu beachten. Ist die Suche danach müßig?
Nein, sie ist insofern nicht müßig, weil diese Kriterien, die ich aufgezählt habe, durchaus Leitlinien sind. Es ist ja nicht immer möglich, jemanden zu überraschen, beispielsweise wenn er eindeutig sagt, welches Produkt er gerne haben möchte. Und es ist auch nicht immer möglich, sich in jemanden wirklich einzufühlen, insbesondere wenn er eher am Rande des familiären und freundschaftlichen Netzwerkes steht. Dennoch bleiben die Kriterien sinnvoll, wenn man anderen wirklich eine Freude machen will.
Man will mit einem Geschenk häufig etwas erreichen. Worauf ist beim Schenken zu achten?
Vor allen Dingen: Geschenkt wird freiwillig, wir sind dazu nicht vertraglich verpflichtet. Dennoch gibt es Verpflichtungen, darauf weist die Schenkforschung auch hin. Wir können nicht am Heiligabend oder zum Geburtstag ohne Geschenk hingehen, das wäre wie ein Tabubruch. Andererseits muss man auch Geschenke annehmen. Wenn jemand sagt: „Von dir nehme ich kein Geschenk an“, dann ist die Weihnachtsstimmung gleich hin.
Schon die ursprüngliche anthropologische Forschung hat gezeigt, dass es so etwas wie eine Reziprozitätsregel gibt. Das heißt, wer ein Geschenk annimmt, der verpflichtet sich auch oder fühlt sich verpflichtet – und kommt aus diesem Gefühl nur durch Erwidern raus, durch ein Gegengeschenk. Das spielt sich immer wieder ab. Mit einem besonders teuren Geschenk wird ein Druck erzeugt, möglicherweise auch mit einem entsprechenden Geschenk zu erwidern, oder ein Geschenk mit einem hohen symbolischen Gehalt mit einem ebenwertigen zu erwidern.
Einige haben viel Spaß dabei, ein Geschenk auszusuchen. Andere wollen sich die Mühe ersparen und beschließen, sich gegenseitig nichts zu schenken. Was halten Sie von derartigen Abmachungen?
Zum Weihnachtsfest gehört auch die Kritik an diesem Konsumrausch und Geschenkezwang. Insbesondere Paare und Erwachsene sagen immer wieder gegenseitig: „Na, möglicherweise den Kindern noch, aber bei uns gibt es nichts. Diesmal schenken wir uns wirklich nichts.“ Das klingt rational und auch nachhaltig, wenn man auf vieles verzichtet und keine unnützen Geschenke bekommt.
Aber Geschenke haben immer eine Botschaft und nicht schenken hat auch eine. Und dahinter kann auch der Gedanke stecken: „Wir halten es nicht mehr für nötig und auch nicht mehr für sinnvoll, uns wirklich Gedanken zu machen, womit wir dem anderen eine Freude machen können.“ Das ist eine relativ deprimierende Botschaft.
Darüber hinaus wird das Versprechen häufig gebrochen und das wird problematisch. Es ist weniger ein Problem, wenn beide es brechen, jeder hinter dem Rücken bringt doch noch ein kleines Geschenk hervor. Aber wenn nur einer das Versprechen bricht, dann ist ausgerechnet derjenige, der das Geschenk erhält der Düpierte. Er wird sich in der Regel ärgern, statt sich zu freuen. Insofern: Wir schenken weiter.
Ein Wunschzettel kann das alles vereinfachen. Ist das legitim oder ist das eher so Pfuschen?
Wunschzettel für Kinder ist zwingend erforderlich, weil wir viele unserer Wünsche per Klick gleich erfüllen können. Kinder können das nicht, die warten darauf, die hoffen auf manches. In dem Wunschzettel machen sie auch in der Rangreihung deutlich, was ihnen wirklich wichtig ist.
Da sollten die Erwachsenen eben auch versuchen, dies zu erfüllen. Lieblingswünsche nicht zu erfüllen, statt das Plastikschiff eines bestimmten Spielzeugherstellers doch lieber die viel hübschere Holzvariante zu schenken, das geht in der Regel in die Hose.
Bei Erwachsenen ist das ambivalent. Ein Vorteil ist, dass der Geber sich entlastet, muss sich keine weiteren Gedanken machen. Die Beschaffung ist einfach und der Empfänger kann sicherstellen, dass er wirklich nicht etwas erhält, was er gar nicht haben wollte. Andererseits ist es auch für beide Seiten ambivalent, weil es letztlich doch ein bisschen banal ist und mehr wie eine Bestellung als die Erfüllung eines Wunsches erscheint. Das ist abzuwägen.
Aber in manchen Fällen geht es gar nicht anders. Vor allem, wenn der Empfänger nicht wirklich gut bekannt ist, ist es sinnvoll, ihn zu fragen: „Was hättest du denn gerne?“ Oder wenn der andere quasi interesselos erscheint. Und in Last-Minute-Situationen ist es vielleicht auch noch eine Hilfe.
Gibt es vielleicht noch ein paar Faustregeln, die Sie dem Schenkenden jetzt vor Weihnachten an die Hand geben könnten?
Das Wichtigste ist: Es ist der Empfänger, der das Geschenk bewertet. Der steht im Vordergrund und der Geber sollte nicht seinen eigenen Geschmack, seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellen. Wer selber gerne Krimis liest und sie immer verschenkt, unabhängig davon, ob der andere gerne Krimis liest, das geht nicht gut.
Das Gleiche gilt für Selbstgemachtes, selbst Erstelltes. Einerseits ist das ein Zeichen der Mühe, des Zeitaufwandes, was durchaus eine persönliche Dimension hat. Aber man sollte es nicht einfach verwenden, um sich selbst zu feiern. Nur weil man gut malen kann, muss der Empfänger nicht unbedingt gerne diese Bilder bei sich aufhängen wollen. Also es kommt auf den Empfänger an.
Es ist ebenfalls ratsam, pädagogische Absichten möglichst zu vermeiden, insbesondere unter Erwachsenen. Wenn wir das Verhalten des anderen ändern wollen und er sich endlich nachhaltiger verhalten soll, ihm zum Beispiel Bücher über die Klimakrise oder Verhaltensregeln zu schenken ist zwar moralisch wertvoll, führt aber in der Regel nicht zu Zufriedenheit.
Auch ein schon erwähnter Punkt ist zu bedenken: Geschenke sind Informationsmedien. Sie sagen auch etwas über uns aus, über unseren Geschmack. Darüber, ob wir großzügig oder kleingeizig sind oder welche Sicht wir eigentlich auf den Empfänger haben und in welcher Beziehung wir zu ihm stehen. Also es lohnt sich schon ein bisschen zu überlegen, welche Information und welche Botschaften mit dem Geschenk verbunden sind.
Bernd Stauss war Inhaber des Lehrstuhls für Dienstleistungsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sein Buch „Das perfekte Geschenk - Zur Psychologie des Schenkens“ ist im Springer Verlag erschienen.
Das komplette Interview mit Professor Bernd Stauss zum Nachhören:
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