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Kein „Nussknacker“ zu Weihnachten wegen Haremsdamen und Blackfacing: Russen wundern sich

© SNA / Ilja Naimuschin / Zur BilddatenbankDas Märchen-Ballett „Der Nussknacker“
Das Märchen-Ballett „Der Nussknacker“ - SNA, 1920, 02.12.2021
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Der Weihnachtsklassiker „Der Nussknacker“ von Tschaikowski wird am Berliner Staatsballett wegen Mangels an politischer Korrektheit nicht mehr gezeigt. Bemängelt wurden der Chinesische und der Arabische Tanz in der Inszenierung, die sich dort seit 2013 großen Erfolgs erfreut hatte.
Laut „Bild“ nimmt die kommissarische Staatsballett-Chefin Christiane Theobald dazu wie folgt Stellung: „Es gab im Original zum Beispiel Blackfacing bei zwei Kindern im zweiten Akt. Das führte schon 2015 zu E-Mail-Verkehr mit Beschwerden. Völlig zu Recht.“ Einige haben es als rassistisch empfunden. Beim Blackfacing handelt es sich um die Schminke, die weißen Schauspielern aufgetragen wird, wenn sie Schwarze darzustellen haben. Dieser Brauch war in den USA schon im 19. Jahrhundert geläufig, als es da noch die Sklaverei gab. Im heutigen Amerika (und nicht nur dort) gilt es als rassistisch, sich so zu schminken.
„Auch der orientalische Tanz mit den Haremsdamen und einem Solisten mit brauner Körperschminke sind Dinge, die man so heute nicht mehr unbesprochen auf die Bühne stellen kann“, so Theobald weiter. Ferner fand man auch den Chinesischen Tanz bedenklich, bei dem die Tänzer auf der Bühne kleine Trippelschrittchen machen. „Das wurde in der Zeit, in der die Choreographie entstanden ist, nicht kritisch hinterfragt. Aber heute müssen wir das erklären“, behauptet sie.
Hier ist wichtig zu präzisieren, dass es nicht um eine moderne bzw. umstrittene Auslegung von „Der Nussknacker“ geht, sondern um seine klassische Aufführung. Vor acht Jahren wurde sie von den russischen Choreographen Wassili Medwedew und Juri Burlaka als Nachbildung der Originalversion aus dem späten 19. Jahrhundert gestaltet, die vom legendären Marius Petipa stammt. Weder die 1,5 Millionen Euro, die seinerzeit für sie ausgegeben wurden, noch der Umstand, dass die Aufführung ein Kassenerfolg war, ja nicht einmal, dass die Vorlage ein Märchen von E. T. A. Hoffmann ist, konnten ihre Absetzung vom Spielplan verhindern.
Nikolaj Ziskaridse, ein überzeugter Anhänger der Klassik und in Russland berühmter Solotänzer und Ballettpädagoge, hat sich für das Heiligtum eingesetzt: „Es ist ausgewachsener Unsinn. Aida muss eine Äthiopierin und Otello ein Mohr sein. Fehlt das, geht der Sinn dieser Werke verloren. Demgemäß wird die ursprüngliche „Nussknacker“-Version an der Akademie des russischen Balletts heute wie ursprünglich mit einem Mohren gezeigt und es wird nie anders sein.“
Doch scheint der Kontext der Originalaufführung von 1892 in das heutige Weltbild nicht hineinzupassen und gilt als politisch unkorrekt. So hat die Leitung des Theaters beschlossen, die Inszenierung von Grund auf zu revidieren, selbst unter der schweren Verletzung der Urheberrechte. „Dass man aber die symbolhaft orientalischen Tänzerinnen ausgerechnet als ‚Haremsdamen‘ auffassen kann“, schreibt die angesehene Tageszeitung „Kommersant“, „hätten sich die russischen Choreographen nie träumen lassen. Wenige sind bereit zuzugeben, dass wegen der zwei oder drei Szenen, die ein paar Minuten dauern, das ganze kolossale Ballett vom Spielplan genommen werden muss: Es ist so, wie Kopfschmerzen durch die Guillotine heilen.“

Kompletter Wahnsinn

„Angesichts der neuen Ethik in Deutschland verzichtet die deutsche Gesellschaft leicht auf die Traditionen der Vergangenheit, und die Theater kämpfen um die Toleranz und gegen die Geschlechterstereotype in vorderster Frontlinie“, meint der Politologe Alexander Rahr. „In Deutschland erscheinen viele Kritiken auf die Suspendierung bzw. Absetzung des ‚Nussknackers‘, dies geschieht aber vor dem Hintergrund des großen Beifalls aller Organisationen, insbesondere der jungen Leute, die die ganze Welt verändern und umbauen möchten. Man wird halt von einer Welle der aggressiven, gegen alles Herkömmliche gerichteten Politik überrollt.“
Rahr tritt als ein Mann von traditionellen Werten gegen dies alles auf und scheut sich nicht, es offen zu äußern. „Ich glaube, dass es sich in anderen deutschen und westeuropäischen Städten wiederholen wird. Die einen empfinden es als kompletten Wahnsinn, die anderen bekommen Angst und meinen, man solle sich irgendwie umorientieren, um die eigene Karriere in Zukunft sicherzustellen. Man ist eingeschüchtert, weil man eingesehen hat, vor allem als Kulturschaffender oder Medienvertreter, dass man mit keinem Fortkommen rechnen kann, falls man nicht anders denken und schreiben lernt.“
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Keine rationale Erklärung

Eine Revision, ein Umdenken der Klassik ist während des globalen gesellschaftlichen Wandels unvermeidlich. Man denke nur daran, was vor 100 Jahren in dem jungen Sowjetrussland vorging, als die Menschen der neuen Epoche die Stereotype der Vergangenheit radikal bekämpften, doch die Klassik hat es überlebt. „Der Nussknacker“ wird auf die Bühne des Berliner Staatsballetts unbedingt zurückkehren, ist sich der Moderator des russischen Fernsehsenders „Kultura“, Nikolai Alexandrow, sicher.
Für derartige Exzesse gebe es keine rationale Erklärung, meint er. „Es scheint nicht ganz klar, wie man überhaupt Schauspiele bzw. Balletts aufführen soll, die so oder anders mit Nationaltänzen zu tun haben. In einer ganzen Reihe klassischer Balletts kommen Tänze von Kebsweibern, kommen auch Sklavinnen vor. Auch sie könnten diese, aus der Sicht des gesunden Menschenverstandes komische Reaktion auslösen. Eine jede Idee, es sei eine Klassen-, Rassen- oder Geschlechtsidee, bis ins Absurde getrieben, wirkt befremdend. Sie verhält sich unversöhnlich gegenüber anderen Ideen, einer anderen Weltanschauung. Es handelt sich um eine ins Gegenteil verkehrte Toleranz: Solche Toleranz gegenüber dem Anderen wird selbst zu einer Art Diktat.“
Anstelle des „Nussknackers“ will man den Berlinern in der Weihnachtszeit das Ballett „Don Quixote“ anbieten. Von Kritikern wird diese Aufführung als würdig bewertet. Die Handlung spielt aber unter der sengenden spanischen Sonne und nicht im Winter. Also vermittelt sie nicht die Weihnachtsstimmung. „Diesen Kassenschlager, dieses während der Weihnachtsferien meistbesuchte Ballett vom Spielplan zu nehmen, ist dasselbe wie die Kinder um den Weihnachtsmann zu bringen“, schreibt „Kommersant“. „Dieser Skandal rund um den klassischen ‚Nussknacker‘ ist in Europa nicht der erste. Anfang November haben die Choreographen und die Direktion des Schottischen Balletts bekanntgegeben, die Kostüme und die Choreographie im Chinesischen und Arabischen Tanz ändern zu wollen und mit der Rolle des Paten Drosselmeier eine Frau zu betrauen.“
Inzwischen hat sich vor der Kasse des Bolschoi Theaters in Moskau eine riesige Warteschlange nach Eintrittskarten für den „Nussknacker“ gebildet, weil der Besuch dieses Balletts zu den wichtigsten Neujahrstraditionen der Moskauer gehört.
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