Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

Impfpflicht und „ein zeitlich begrenzter Lockdown“ – Intensivmediziner für strengere Maßnahmen

© REUTERS / STANISLAV KOZLIUKCorona-Patient auf Intensivstation
Corona-Patient auf Intensivstation - SNA, 1920, 01.12.2021
Abonnieren
Die epidemische Lage nationaler Tragweite sollte wieder in Kraft treten und die Menschen sollten ihre Kontakte deutlich reduzieren. Das wünschen sich Vertreter des deutschen Intensivregisters „DIVI“. Zugleich haben sie ihre Meinung zum Thema Impfpflicht geändert, da aus ihrer Sicht sonst Jahr für Jahr dieselbe Situation wiederkehren wird.
Am Mittwoch hat die bereits dritte Pressekonferenz der deutschen Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI) innerhalb von nur zehn Tagen stattgefunden. Der Grundtenor der vorherigen Pressekonferenzen blieb erhalten: Die Lage ist ernst und es sind mehr Maßnahmen nötig, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu kriegen, auch wenn die Inzidenz leicht gefallen ist.
Als Grund dafür führte DIVI-Präsident Gernot Marx die bereits sehr angespannte Lage mit über 4600 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen an, die noch nicht den Höchststand der Bettenbelegungen markieren dürften, da dieser zeitverzögert eintritt. Daneben machte er auf die neue Omikron-Variante aufmerksam, zu der bislang nicht ausreichend Daten vorliegen – weder für begründete Sorgen noch für Entspannung. Mit Blick auf die Mutante betonte er, es wäre besser, „auf Nummer sicher zu gehen“.

Epidemische Lage wieder einführen, Impfpflicht und eventuell Lockdown

Ganz grundsätzlich stellte er fest: „Es ist eine epidemische Lage nationaler Tragweite, die wir gerade haben“ und forderte eine bundeseinheitliche Notbremse. Zu den Mitteln der Wahl könne auch „ein zeitlich begrenzter Lockdown“ gehören. Ausdrücklich ablehnend steht das DIVI Schul- und Kitaschließungen gegenüber, die Einrichtungen sollen unbedingt offen bleiben, solange es die Situation erlaubt.
Die Intensivmediziner wollen auch, dass die Situation nicht jedes Jahr mit der kalten Jahreszeit wiederkehrt. Deshalb hieß es vom DIVI-Präsidenten: „Wir haben unsere Meinung zur Impfpflicht geändert.“ Heißt: Aus intensivmedizinischer Sicht ist eine allgemeine Impfpflicht eine sinnvolle Maßnahme, um das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu bewahren und die Versorgung von Nicht-Covid-Patienten wieder zu verbessern. Aktuell werden viele planbare Eingriffe verschoben.

„Kleeblatt“ läuft: Transporte aus „Kleeblatt Süd“ und „Kleeblatt Ost“ haben begonnen

Um Überlastungen von Kliniken zu vermeiden und freie Kapazitäten für Notfälle zu erhalten, laufen bereits seit letzter Woche im Rahmen des „Kleeblatt“-Konzepts Verlegungen von Intensivpatienten aus dem Süden und Osten in den Norden und Westen. Eben sei eine Bundeswehrmaschine in Nordrhein-Westfalen mit Patienten aus Sachsen gelandet, bemerkt dazu Jan-Thorsten Gräsner, der das „Kleeblatt“ überwacht.
Das Kleeblatt ist nichts anderes als die Einteilung Deutschlands in fünf „Blätter“, die miteinander vernetzt sind und zwischen denen Transporte von Intensivpatienten koordiniert werden, sobald regionale Bettenkapazitäten erschöpft sind. Dieser Fall ist für gewisse Teile Bayerns, Sachsens und Thüringens eingetreten.
Ein Thema bei der Verlegung sind auch sogenannte Transport-Traumata. Ein Intensivtransport braucht spezielle Fachkräfte, die die Patienten unterstützen, und geht immer mit einer Belastung für den Patienten sowie seine Familie einher, die womöglich plötzlich hunderte Kilometer entfernt ist. Grundsätzlich sollte das Hauptkriterium die Transportfähigkeit des Patienten sein, und man sollte über das Kleeblatt nicht nur Corona-Patienten transportieren, fand Gräsner. Hier befinde man sich bereits im Dialog mit der Politik. In erster Linie geht es dabei um die Finanzierung von Transporten von Nicht-Covid-Patienten.
Spritze (Symbolbild) - SNA, 1920, 01.12.2021
Studie: Corona-Impfung wirkt besser bei Frauen

Zu viele Covid-Patienten sind nicht gut für Intensivstationen

Grundsätzlich unterscheidet sich die bundesweite Belastung laut dem Intensivmediziner Christian Karagiannidis von der im letzten Winter deutlich. Die Belastung ist regional verteilt, im Süden und Osten sei die Belastung besonders stark, in Sachsen sind bis zu 40 Prozent der Intensivbetten durch Covid-19-Patienten belegt, in Bayern über 30. Das sei nicht nur ein Problem für neue Notfälle, sondern prinzipiell zu vermeiden, da einer Studie zufolge ab einem Anteil von 50 Prozent Covid-Patienten auf der Intensivstation die Sterblichkeit zunehme.

Antikörper extrem wirksam gegen schwere Verläufe – bei rechtzeitiger Einnahme

Karagiannidis erwähnte auch etwas, das im Kampf gegen Covid-19 die Sterblichkeit senken hilft. Es geht um Antikörper-Präparate, die im November von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zugelassen wurden. In Deutschland seien diese verfügbar und sollen bei rechtzeitiger Einnahme extrem wirksam sein. Das Risiko einer schweren Erkrankung soll um 70 bis 80 Prozent fallen, bei sehr seltenen Nebenwirkungen. Auch Marx befand das Mittel für „gut und effektiv“, gab aber zu bedenken, dass viele „sich in dem Stadium nicht zur Therapie“ begeben. In anderen Worten: Das Mittel wirkt in der Phase am besten, in der noch nicht klar ist, welchen Verlauf die Erkrankung beim Betroffenen einschlagen wird.

„Mäßig optimistisch“: Ein Abflachen der Inzidenzen zeigt sich

Der Chef-Modellierer des DIVI, Andreas Schuppert, sorgte in der Pressekonferenz auch für ein kleines Bisschen Entspannung: „Wir sehen, was die Inzidenzen angeht, ein Abflachen in Bayern, das sehr wahrscheinlich echt ist und nicht auf Meldeproblemen beruht“, stellt er fest. Deshalb sei man bei DIVI „mäßig optimistich“. Aber den Höchststand der Infektionen erwarten die Mediziner erst zu Mitte Dezember. „Bis sich das auf die Intensivstationen niederschlägt, wird es noch dauern“, betonte Schuppert deswegen. Aktuell gehe man davon aus, dass die Zahl der Intensivpatienten auf 6000 steigen kann. Bis Weihnachten werde man deshalb noch eine Zusatzbelastung auf den Intensivstationen sehen.
Es muss laut Schuppert übrigens nicht unbedingt ein flächendeckender Lockdown her. Die Physikerin Viola Priesemann, Schuppert und viele weitere Wissenschaftler hatten einen gemeinsamen Aufsatz zu unterschiedlichen Corona-Maßnahmen veröffentlicht und kamen dort zum Ergebnis, dass Kontaktreduktion und Maske für kurzfristige Veränderungen nötig sind. „Wir gehen nicht davon aus, dass mit der Delta-Mutante ein flächendeckender Lockdown unvermeidbar ist“, bemerkte Schuppert, fügte aber auch zugleich hinzu, dass regionale Lockdowns sicher nötig sein werden. Bei stagnierenden Impfquoten will er allerdings auch nicht ausschließen, dass zu einem späteren Zeitpunkt ein landesweiter Lockdown nötig sein wird. Das A und O sind auch laut Max gegenwärtig Kontaktbeschränkungen. „Wir haben es alle in der Hand, wie unser Weihnachtsfest ausfällt“, betonte er. „Das Entscheidende ist es, nach 22 Monaten die Kraft zu finden, um diese vierte Welle zu bestehen.“
Newsticker
0
Neueste obenÄlteste oben
loader
Live
Заголовок открываемого материала
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала