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Wie Europa Russland verliert – alarmierendes Buch des Russlandexperten Alexander Rahr

© SNA / Vladimir TrefilowRusslandexperte Alexander Rahr
Russlandexperte Alexander Rahr - SNA, 1920, 24.11.2021
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„Verblendung. Wie Europa Russland verliert” – so heißt die russische Ausgabe des Buches, das vom Russlandexperten Alexander Rahr in diesen Tagen in Moskau präsentiert wurde. Der deutsche Titel lautete „Anmaßung: Wie Deutschland sein Ansehen bei den Russen verspielt“.
Mit diesem Buch möchte der Autor seine Leser dazu bewegen, sich über die Entfremdung zwischen Deutschland und Russland Gedanken zu machen. „Ich will uns zur Vernunft bringen, damit wir wieder einander verstehen, damit wir einsehen, dass von den deutsch-russischen Beziehungen nicht nur das Wohl unserer Länder, sondern auch die Stabilität in Europa abhängt.“
Seit gut 30 Jahren ist Alexander Rahr damit beschäftigt, in verschiedenen Positionen, angefangen von amerikanischen Institutionen in den 80er Jahren, über die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik bis ins Deutsch-Russische Forum, Brücken zwischen Deutschland und Russland zu bauen. Indem er die Meinungen der Russen über Deutschland in seinem Buch auswertet, kommt er zur alarmierenden Schlussfolgerung, dass die Lage sich stark in der letzten Zeit verschlechtert hat.
Der Rote Platz in Moskau - SNA, 1920, 15.03.2021
Woher rührt die wachsende Entfremdung zwischen Russen und Deutschen?
„Dies ist sehr schlecht, weil Deutschland und Russland für die europäische Stabilität wichtig sind“, so der Osteuropahistoriker. „Wenn ihre strategischen Wechselbeziehungen normal sind, wenn sie einander brauchen und was zusammen unternehmen, etwa die Sicherheitsfragen erörtern, dann kann man auch von einer europäischen Stabilität sprechen. Stecken die deutsch-russischen Beziehungen in einer Krise, leidet ganz Europa darunter.“

Was die Russen über die Deutschen denken

Sein Buch habe er zur Ernüchterung geschrieben und auch, um zu zeigen, wie sich die jetzige Konfliktsituation bewältigen lasse, wie man sie am Festfahren hindern könne. „Die Deutschen sollen den Russen ihr Deutschlandbild nicht übelnehmen. Deutsche Medien formieren ihr eigenes Russlandbild. Es erscheinen zahlreiche Bücher von Journalisten, die in Russland tätig waren. Diese geben aber nur die Sicht eines Intellektuellen wieder, der sich nicht einmal vorgenommen hat, Russland zu verstehen und zu erfahren, wie Russland tickt. Dies wirkt sich darauf aus, wie Russland auch von den deutschen Politikern wahrgenommen wird.“
Rahr stellt fest, dass Deutschland nach dem Mauerfall in der Rezeption der Russen einen besonderen Platz eingenommen hat. „Es war für sie das beliebteste Land von allen, so seltsam es klingen mag im Hinblick darauf, dass die Erinnerung an den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion noch nicht erloschen war. Russen waren bereit, zu dem wiedervereinigten Deutschland pragmatische Beziehungen aufzubauen. Deutsche waren für sie zuverlässige Partner, von denen man vieles lernen konnte. Für die Russen wurde Deutschland sogar zu einer Stütze bei der Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zu ganz Europa.“
Der Publizist fährt fort:
„Wir hatten etwa den Petersburger Dialog, eine bilaterale Diskussionsplattform der Zivilgesellschaften, der inzwischen aufgehört hat zu funktionieren und, wie es heute scheint, nie mehr wiederaufgenommen wird, so sehr ich mir es auch wünsche. Es gibt Nord Stream 2, der von den Russen und Deutschen öfters entgegen der übrigen europäischen Länder gebaut wurde.“
In seinem Buch verweist Rahr darauf, dass gerade Merkel wie seinerzeit Schröder die Nato-Osterweiterung zu verhindern versuchte. „Dessen ist man sich in Russland nicht immer bewusst. Zugleich hat Deutschland nicht nur seit 2014 für antirussische Sanktionen plädiert, sondern auch viel dazu beigetragen, gemeinsam mit Russland ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem zu erarbeiten.“ Der Buchautor betrachtet das deutsch-russisische Verhältnis aus mehreren Gesichtswinkeln. So kommen beispielsweise russische Geschäftsleute vor, die Rahr monatelang darüber befragt hat, was sie von ihrer Zusammenarbeit mit Deutschen in Russland und der eigenen Arbeit in Deutschland halten.
Der Russlandexperte kommt zum Schluss: „Die Russen möchten von den Deutschen manches lernen, es gibt aber Dinge, für die sie nicht zu gewinnen sind. Sie fühlen sich angeekelt von dem Snobismus, den zur Zeit die neue Generation der deutschen Politiker an den Tag legt, von ihrer Art, alle zu schulmeistern und zurechtzuweisen, sich stets als moralisch überlegen zu positionieren. Dies kommt sowohl in der großen Politik als auch bei wirtschaftlichen Kontakten vor.“ Das Buch erschließt alle diese Probleme, und Rahr rechnet damit, dass es zur Berichtigung der deutsch-russischen Beziehungen beitragen wird.
FES-Vorsitzender Martin Schulz in Moskau - SNA, 1920, 17.11.2021
FES-Vorsitzender Martin Schulz: Russland verstehen, um dem Freund-Feind-Denken zu entkommen
So offenbart im Buch ein Diplomat seine mehrjährige Erfahrungen mit Deutschland. Nachdem Gorbatschow die deutsche Einheit begrüßt hatte, und zwar stärker sogar als England, Frankreich und Amerika, war der Diplomat voller Hoffnung. „Auch gestalteten sich die deutsch-russischen Beziehungen danach, in den 90er und Nullerjahren, gut, obwohl man in Russland sich an die Zeit als an die mageren Jahre nicht gern erinnert. Deutschland entwickelte sich aber nach der Wiedervereinigung zur führenden Kraft in Europa, indirekt dank Russland, was nach meiner Überzeugung einer ganzen Generation deutscher Politiker bewusst ist. Diese Einsicht gehört aber allmählich der Vergangenheit an.“

Junge Russen über Deutschland

Am spannendsten fand Rahr die Meinung der jungen Russen, die er auch befragte und eine interessante Entdeckung machte: „Früher hatten junge Russen, die Deutschland kannten bzw. besuchten, Studenten, Geschäftsleute, die dort tätig waren, gemeint, sie könnten sich mit jungen Deutschen immer verständigen, weil sie eine gemeinsame Sprache mit ihnen fänden. Zum Unterschied von ihren Eltern und Großeltern redeten sie nicht über Probleme, sondern darüber, was ihnen wichtig war, über das Leben nicht im 20., sondern im 21. Jahrhundert.“
Was hörte aber der Politologe aus den Antworten der jetzigen jungen Russen heraus?
„Sie sagten zu mir: Selbst jüngere Generationen von Deutschen beginnen, uns zu schulmeistern. Dabei wiederholen sie die Moralpredigten der älteren Generationen gegenüber den Russen. Die jungen Russen akzeptieren es nicht. Die Kommunikation fällt ihnen immer schwerer, im Geschäftsbereich wie in der Politik und sogar in der Wissenschaft.“
„Jedoch verfügen wir über eine gute Grundlage für zukünftige Beziehungen“, ist sich der Russlandexperte sicher. Darüber stellt er Betrachtungen an, teilt seine Erfahrungen mit, schockiert manchmal den Leser wie im letzten Kapitel, in dem er seine Helden gewissermaßen miteinander kollidieren lässt. Rahr gibt zu, das Gespräch künstlich zusammengestellt zu haben, doch sei er Zeuge ähnlicher Debatten gewesen. Der eventuelle Amtsnachfolger von Merkel und der von Putin: Wie werden sie die künftigen deutsch-russischen Beziehungen auffassen? Er möchte dem Leser die Risiken zeigen, die aus der weiteren Verschlechterung der Beziehungen resultieren, aber auch die Chancen für ihre Verbesserung. „Ich möchte hoffen, dass der deutsche wie der russische Leser meinem Buch einen Wert abgewinnen kann.“
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Auch in der Zeit der Entfremdung will das Deutsch-Russische Forum in Russland weiter aktiv arbeiten

Wie wird die deutsche Russland-Politik nach Merkel aussehen?

Laut dem Politologen habe Deutschland Glück gehabt mit einem russischen Staatschef, der zu ihm ein besonderes Verhältnis entwickelt habe. Als Autor des Buches "Wladimir Putin - Der ,Deutsche‘ im Kreml" wisse er es gut. „Putin hat Deutschland nicht nur liebgewonnen, sondern hat sich gern mit ihm befasst. Nach seinem Machtantritt hat er auf Deutschland gesetzt: Einigt man sich mit Deutschland, wird es allen in Europa gut gehen. Auch hält Putin bis zuletzt die Tür offen. Als ich ihn während der jüngsten Sitzung des Diskussionsklubs ,Waldai‘ nach dem Schicksal des Petersburger Dialogs fragte, meinte er, die Tür stehe immer offen. Nur dass einige in Europa, auch in Deutschland, sie schließen wollen.“
Der Publizist fügt hinzu:
„Sie brauchen Russland in Europa nicht, wollen es nicht. Europa soll aus der Sicht der atlantischen Eliten auf anderen Idealen basieren, auf dem gemeinsamen Raum von Vancouver bis Donezk, also die Ukraine mit eingeschlossen und Russland nicht. Ich bin dagegen. Mit dem derart deutschlandfreundlichen Präsidenten bleibt uns trotz allem eine Chance, bei vielen strittigen Fragen doch weiterzukommen.“
Allem Anschein nach wird Deutschland eine Merkel, die so oder anders für Europas Zusammenschluss gesorgt hat, nicht zum zweiten Mal bekommen. Was haben also die Russen von der neuen deutschen Regierung zu erwarten? Wird sie Russland nicht für ihren strategischen Partner, sondern für einen strategischen Gegner bei den Europa-Angelegenheiten ansehen? Diese SNA-Fragen beantwortet Alexander Rahr so: „Gott sei Dank ist in den intellektuellen Kreisen Frankreichs und Deutschlands die Idee vorhanden, ein kontinentales Europa von Lissabon bis Wladiwostok aufzubauen, also mit der Ukraine und Weißrussland. Diese Idee sagt mir eher zu als die transatlantische. Vor allem da Amerika das Interesse an Europa verliert. Die USA möchten zwar Europa nicht laufenlassen, es sind jedoch nicht mehr die transatlantischen heiligen Bande, die während des Kalten Krieges sie aneinander gefesselt haben.“
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