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„Noch mehr Druck und Stress“ – Sozialwissenschaftler warnt vor Folgen von Impfempfehlung für Kinder

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In Deutschland wird weiter darüber diskutiert, ob Kinder gegen Covid-19 geimpft werden sollen. SNA sprach mit dem Professor für Kinderpolitik Michael Klundt über das Thema. Dabei geht es unter anderem um Fragen wie: Welchen Nutzen bringt es, Kindern die Stoffe zu verabreichen? Gibt es Alternativen? Welche Rolle spielen soziale Faktoren?
Prof. Dr. Michael Klundt - SNA
Michael Klundt

hat an der Hochschule Magdeburg-Stendal die bundesweit einzige Professur für Kinderpolitik inne und berät zuweilen Fachausschüsse des Bundestages und diverser Landtage.

Herr Klundt, wird eine Empfehlung für den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder unter zwölf Jahren kommen? Wie sehen Sie die Stimmung dazu hierzulande?
Die Stimmung ist gespalten – insbesondere bei den Eltern. Selbst die Ständige Kommission (Stiko) ist da sehr skeptisch – schaut man sich die Empfehlung der Ständigen Kommission vom August dieses Jahres an, die millionenfach hinausposaunt wurde. In der 20-seitigen Begründung drei Tage später, auf die kein Medium mehr eingegangen ist, gibt es sehr viele sehr kluge Argumente, die einen auch bei der Impfung der 12- bis 17-Jährigen skeptisch machen sollte.
Da steht, selbst wenn man Impfen würde, würde das in Bezug auf die kommende vierte Welle keine besondere Rolle spielen.
Wenn die Kritiker von Kinder-Impfungen als Corona-Leugner gebrandmarkt werden, Ungeimpfte wie Unmenschen dargestellt und mit Rechtspopulisten in Verbindung gebracht werden, dann wissen wir zumindest, dass wir mitten im medialen Mainstream von Corona-Deutschland des Jahres 2021 angekommen sind.
Es drängt sich langsam der Eindruck auf, dass die Lockdown- und Impf-Enthusiasten für die Wirkungslosigkeit ihrer Maßnahmen dringend Sündenböcke benötigen und dazu auch die Instrumentalisierung von Kindern vorantreiben. Die Sündenböcke sind natürlich die Nicht-Geimpften, welche dringend noch mehr bestraft und ausgegrenzt werden müssen.
Eine Art autoritäre Wende findet statt – auch wieder ein Stichwort zur Stimmung im Lande. Die bislang weitgehend ignorierten psychosozialen Leiden und Rechte der Kinder werden plötzlich von Leuten hervorgehoben, die sie über ein Jahr lang völlig ignoriert haben. Allerdings erst jetzt, um die Kinderimpfung zu legitimieren – wenn es sein muss, auch gleich gegen die Eltern. Wir haben eine ganz spannende Lage im Lande, die differenziert betrachtet werden muss.
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Bei Kindern verlaufen Sars-Cov-2-Infektionen überwiegend mild. Die Gesellschaft, die Medien und auch die Politik fordern aber nun eine Impf-Empfehlung für Kinder. Was erhofft man sich davon?
Stiko- Vorsitzender Thomas Mertens und seine Kollegen haben auch in der letzten Zeit weiterhin sehr gute, kritische Informationen zu der Impf-Empfehlung für Kinder gegeben. Laut Forschungsstand überwiegen Risiken und Nebenwirkungen der Impfstoffe für Kinder gegenüber denen einer Sars-Cov-2-Virusinfektion.
Warum erhofft man sich weiterhin so viel von der Impfung? Es handelt sich hierbei meiner Meinung nach um eine Art Ersatzhandlung. Wir haben in unserem Gesundheitssystem – in unserem Bildungssystem sowieso – in den letzten Jahren Investitionen unterlassen, wir haben Fehler gemacht. Wir behandeln unser Personal in dem Gesundheits- und Pflegesystem schäbig. Wir müssten sie ganz anders ausbilden und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern.
All diese Maßnahmen geschehen erstaunlicherweise nicht. Stattdessen kapriziert man sich jetzt nur auf die Impffrage, als wäre das der einzige „Gamechanger“. Je wirkungsloser die Impfungen werden, desto stärker wird noch weiter für das Impfen geworben und alle anderen Maßnahmen geraten damit in den Hintergrund.
Es ist bemerkenswert, dass kaum jemand in den Medien auf das Interview in der „Zeit“ von voriger Woche mit Christian Drosten eingegangen ist. Dieses Interview ist phänomenal an mehreren Stellen. Er sagt zum Beispiel ganz klar: Wir hätten keine Pandemie der Ungeimpften, wir hätten eine Pandemie. Erster Punkt, wo er sich kritisch äußert. Zum ersten Lockdown sagt er: Die eingebundenen Wissenschaftler, auch er, hätten gar nicht gesagt, die Schulen müssten geschlossen werden. Das war laut ihm ein rein politischer Beschluss. Auch das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen.
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Zu der zweiten Welle, dem zweiten Lockdown Ende 2020 sagt er, das hätte die zweite Welle gestoppt. Darüber kann man diskutieren. In Frankreich wurden ja die Schulen Ende des letzten Jahres, Anfang dieses Jahres offen gehalten ...
Auf die Frage der „Zeit“-Korrespondenten, ob es Alternativen gegeben hätte, kommt eine wahnsinnig spannende Antwort von Drosten. Die wurde medial überhaupt nicht berücksichtigt. Er antwortet auf diese Frage nicht so, wie wir es seit anderthalb Jahren hören: nämlich sterben lassen, ihr wollt wohl die Intensivstation volllaufen lassen und so weiter. Der Virologe sagt sinngemäß: Man hätte auch sagen können, die Schulen bleiben offen, aber wir setzen richtig harte Homeoffice-Kriterien im Dienstleistungsbereich durch. Wir nehmen die Wirtschaft in die Pflicht, nicht die Schulen.
Ein bemerkenswerter Satz, womit er das untermauert, was ich seit über anderthalb Jahren sage. Nämlich, dass man selbstverständlich über Alternativen sprechen kann. Es ist keine Alternative zu den jetzigen und bisherigen Regierungsmaßnahmen, dass man nichts macht und damit noch mehr Tote in Kauf nimmt. Da braucht es andere Maßnahmen, wir müssen selbstverständlich auch über Arbeits- und Wirtschaftswelt sprechen. Das möchte aber die hegemoniale neoliberale Politik natürlich nicht machen. Also konzentriert sie sich nur auf die Ungeimpften und tut so, als seien sie das einzige Problem.
Bei der letzten Impf-Empfehlung im August gab es einen heftigen Druck aus der Politik auf die Stiko und sie ist folglich eingeknickt. Könnte das jetzt auch der Fall sein?
Es ist gut möglich. In der Begründung vom August 2021 steht explizit drin, unter den 4,5 Millionen 12- bis 17-Jährigen sind innerhalb von anderthalb Jahren insgesamt genau zwei Jugendliche oder Kinder gestorben. Sie waren schon vorher offensichtlich schwerst erkrankt, und befanden sich zum Teil schon auf Palliativstation. Das war die Zahlengrundlage, die das Risiko für diese Altersgruppe aussprach.
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Drosten wird in der „Zeit“ gefragt, ob er denn eine Abwägung zwischen dem Infektionsrisiko und den Schäden von Kindern durch den Lockdown für legitim halte. Als hätte er in den letzten anderthalb Jahren nicht die Zeit gehabt, sich zu bestimmten Dingen kritisch zu äußern.
Was antwortet Drosten? Natürlich. Offensichtlich sind diese Abwägungen im Laufe der letzten anderthalb Jahre sehr viel zu kurz gekommen. Man wird sehen, ob die Stiko dann wieder auf diesen politischen Druck einknickt. Im Sommer war es so, ganz klar.
Kaum jemand hat offensichtlich in die Begründung der Empfehlung reingeschaut. Diese 20 Seiten sind wirklich voll von interessanten Gedanken. Genauso wie der Bericht für das Bundeskabinett der Interministeriellen Arbeitsgruppe zwischen Bundesgesundheits- und Bundesfamilienministerium. Die sagen auch, Kinder und Jugendliche haben ein geringes Risiko für schwere Covid-19-Krankheitsverläufe und dadurch bedingte Krankenhaus-Aufnahmen.
Doch die sozialen Einschränkungen der Pandemie belasten junge Menschen besonders stark. Die wissen sehr wohl zu differenzieren, was die Krankheit erzeugt und was unsere Maßnahmen erzeugen. Nicht die Pandemie hat ja die Schulen geschlossen, sondern die Reaktionen darauf.
Die Industrie wurde deshalb nicht geschlossen. Insofern war es nicht die Pandemie, die das entschieden hat. Hier gibt es klare Kriterien. Hier geht es um Priorisierung, hier geht es um Kindeswohlvorrang, der missachtet worden ist und immer noch offenbar missachtet wird.
Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittel (LGL) meint, Kinder müssten geimpft werden, damit weiterhin Unterricht stattfinden kann. Damit wäre der Schulbetrieb an die Impfung gekoppelt. Bis jetzt wurde immer gesagt, das wäre nicht legitim. Wie sehen Sie das?
Ich weise in diesem Fall erneut auf die Empfehlung der Stiko und ihre Begründung hin, die sich explizit dagegen ausspricht, dass der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht wird. Die haben das schon in der Empfehlung deutlich geschrieben, in der Begründung noch ausführlicher. Den Schulbetrieb an die Impfung zu koppeln, wäre eine klare Verletzung dieser Vorgaben der Ständigen Kommission und daher nicht akzeptabel.
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Was würde eine Impfempfehlung in Kombination mit 2G für die Kinder ab fünf bedeuten?
Es bedeutet natürlich noch mehr Druck, noch mehr Stress für Kinder, Jugendliche, für ihre Eltern. Es wird steigende Angst vor Ausgrenzung, Stigmatisierung auf dem Schulhof und sonst wo geben. Förderlich für die Gesundheit und kindeswohlstärkend wäre das aus meiner Sicht offensichtlich nicht. Die psychischen, psychosozialen Erkrankungen werden wohl wieder ansteigen. Das wäre jetzt zumindest meine Vermutung. Ich habe da große Bedenken.
Der Europarat selbst hat sich noch mal gegenüber Deutschland geäußert und gesagt: Die Bundesrepublik habe nicht nur, wie versprochen, die Kinderrechte nicht in die Verfassung eingeführt, sondern sie sei explizit viel stärker als offenbar alle anderen gegenüber Kindern, Jugendlichen und Bildungseinrichtungen vorgegangen. Das schrieb die Kommissarin des Europarates und bekam sogar als Antwort von der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Lambrecht: Das stimmt, ja.
Die mediale nicht Behandlung dieses Briefwechsels ist auch wieder symptomatisch. Die IZA-Studie von vor ein paar Tagen zeigt ebenfalls: Geöffnete Schulen sind nicht etwa Garant für steigende Inzidenzen, sondern fürs Gegenteil. Und sei es nur, dass wir relativ frühzeitig erkennen können, wo welches Inzidenzgeschehen da ist, sodass wir frühzeitig handeln können. Auch das ist ein gutes Argument für offene Schulen.
In Kürze erscheint bei Beltz Juventa: Michael Klundt (2022): Vergleichende Kinderpolitik-Wissenschaft. Kinderrechte und Kinderarmut in Corona-Zeiten. Weinheim/Basel (i.E.)
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