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Ex-Klinikleiter: Seit Jahren fehlen Vorsorgekapazitäten für Pandemien – Interview

© Depositphotos / Sudok1Arzt neben einem Patienten (Symbolbild)
Arzt neben einem Patienten (Symbolbild) - SNA, 1920, 20.11.2021
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Ex-Klinikleiter Klaus Emmerich von der Initiative „Bündnis Klinikrettung“ warnt vor einer „extrem kritischen Lage“ in deutschen Krankenhäusern. Er beklagt die seit Jahren fehlenden Vorsorgekapazitäten für Pandemien. Vor diesem Hintergrund seien Klinikschließungen, die der Bund Emmerich zufolge fördert, ein Skandal.
Die Lage an den deutschen Kliniken sei „sehr ernst“, bewertet Klaus Emmerich, ehemaliger Klinikleiter zweier regionaler Krankenhäuser in Bayern, die Situation. „Die Krankenhäuser sind auf den Intensivstationen mit einer großen Anzahl an Corona-Patienten belegt. Es gibt manche Krankenhäuser, die überhaupt keine Patienten mehr aufnehmen können. Insbesondere im süddeutschen Raum ist das momentan gang und gäbe. In Oberbayern gibt es bereits ein Verbot von geplanten Operationen und geplanten Krankenhausaufenthalten, weil die Kapazitäten für Corona freigehalten werden müssen. Bayern hat ja bekanntlich schon einen Inzidenzwert von über 600. Und das macht die Sache schon extrem kritisch“, sagt Emmerich im SNA-Interview.
Er befürchte, dass es bald zu einer Triage-Situation in den Kliniken kommen könnte. Zur Triage kommt es, wenn Ärzte gezwungen sind zu entscheiden, wem sie zuerst helfen. Diese Situation führt Emmerich darauf zurück, dass ein wesentlicher Teil der Bevölkerung bisher nicht geimpft sei. Zum anderen bemängelt er eine „sehr verfrühte Bereitschaft, alles wieder zu öffnen und die Gefahren, die damit verbunden sind, zu übersehen“.
Dabei gehe es hier um Menschenleben und um eine Überlastung des Klinik-Systems, „das ja auf Pandemien nicht vorbereitet sei“, merkt der ehemalige Krankenhausleiter an.

Fehlende Vorsorge-Kapazitäten

Emmerich verweist auf das vom „Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit“ (ZOES) veröffentlichte „Grünbuch 2020 zur öffentlichen Sicherheit“. Darin kritisieren Experten u.a. im Auftrag des Bundesinnen- sowie des Bundesforschungsministeriums genau solche Zustände: „Weiterhin fehlen die Kapazitäten und Ressourcen, insbesondere Beatmungsplätze für intensivpflichtige Patientinnen und Patienten und Schutzausrüstung für medizinisches und pflegerisches Personal in Arztpraxen und Kliniken, anderen stationären und ambulanten Einrichtungen, für Pflegedienste und Behörden, so dass die erforderliche Daseinsvorsorge zur Abwehr eskalierender Infektionskrankheiten nicht ausreichend gegeben ist“, heißt es in dem Buch.
Spritze (Symbolbild) - SNA, 1920, 19.11.2021
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Es werden auch Beispiele genannt: So seien trotz des insgesamt „moderaten Verlaufs der Influenzapandemie (Erregertyp H1N1) im Jahr 2009“ die Behandlungsplätze für „extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) durch schwer erkrankte Patientinnen und Patienten zeitweise vollständig ausgelastet“ gewesen. „Das Gesundheitssystem ist nur aufgrund des moderaten Krankheitsverlaufs nicht zusammengebrochen“, so die Autoren.
Das sei ein Riesenproblem in Deutschland „und das kennen wir leider schon seit Jahren“, so der Ex-Klinikchef. „Wir konnten das immer ablesen anhand der Influenza zum Jahreswechsel. Wenn wir eine große Grippewelle zum Jahreswechsel hatten und die Patienten isoliert werden mussten und aus Zweibettzimmern künstlich Einbettzimmer gemacht wurden, weil der Patient die anderen nicht anstecken sollte, dann hatten wir Patienten auf den Gängen liegen, weil die Betten nicht mehr ausreichten. Das ist gang und gäbe und wir hatten genau das gleiche Problem, über das wir jetzt bundesweit diskutieren.“

Trotzdem werden Klinken weiterhin geschlossen

Das ist nach Ansicht von Emmerich ein Skandal, dass in einem der reichsten Länder der Welt Vorsorgekapazitäten nicht vorhanden seien:
„Das hätte man spätestens nach der ersten Pandemiewelle diskutieren und weiterverfolgen müssen. Hat man aber nicht getan.“
So habe die Initiative „Bündnis Klinik Rettung“, die Emmerich im Oktober 2020 mitgegründet hat, auf diese Diskrepanz die Bundesregierung und den Bundespräsidenten schriftlich hingewiesen.
Trotzdem würden sogar Kliniken weiter schließen, so Emmerich. Mitten im Pandemiejahr 2020 seien den Hochrechnungen des „Bündnisses Klinikrettung“ zufolge 20 Einrichtungen geschlossen worden. Im laufenden Jahr seien bisher mindestens sieben Kliniken von Schließungen betroffen gewesen. Viele weitere Krankenhäuser seien gezwungen gewesen, ihr Leistungsspektrum deutlich zu verringern. So hätten Klinken in Geislingen in Baden-Württemberg sowie im bayrischen Mayenburg beispielsweise die Notfallversorgung eingestellt.
„Ist die Notfallversorgung der Stufe eins stationär eingestellt, dann gibt es dort nur noch ambulante Notfallversorgung. Aber das hat in einer Pandemie natürlich gewaltige Folgen. Diese Krankenhäuser kommen für eine Pandemie in schwerer Ausprägung eigentlich nicht mehr in Frage“, sagt Emmerich.
Hinzukomme, dass das Bundesgesundheitsministerium immer noch mit 500 Millionen Euro auf Bundesebene - zuzüglich 250 Millionen Euro auf Landesebene – die Schließung von Krankenhäusern und die Umwandlung in niederschwellige Gesundheitseinrichtungen fördere, bemängelt der Gesundheitsökonom.

Interview mit Klaus Emmerich „Bündnis Klinkrettung“ zum Nachhören:

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