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„Der Erfinder des Riffs“ – Beethovens Einfluss auf die Pop- und Rockmusik

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Ludwig van Beethoven gilt als einer der herausragendsten Komponisten der abendländischen Musik. Dennoch wurde sein Einfluss auf die heutige Unterhaltungsmusik sehr wenig untersucht. Der Musikwissenschaftler Thomas Hessling hat dies in seiner Masterarbeit getan und erklärt im Interview seine Ergebnisse.
SNA: „Ludwig van Beethoven in der Pop- und Rockmusik des 20. und 21. Jahrhunderts“. Das ist der Titel Ihrer Masterarbeit. Warum diese zeitliche Eingrenzung? Gab es auch früher Pop- und Rockmusik?
Hessling: Ja, gab es. Wenn man Popmusik als populäre Musik versteht, dann ist es die Popmusik der jeweiligen Zeit. Nehmen wir den Barock oder die Wiener Klassik, dann waren Mozart und seine Walzer oder auch Beethoven und seine Klaviersonaten die Popmusik dieser Zeit.
Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit muss das Thema wegen der vorgegebenen Seitenzahl auf einen gewissen Zeitraum eingegrenzt werden. Bei Popmusik denkt heute jeder an Chartsmusik, die aus dem Radio kommt, und die Rockmusik ist da artverwandt. Diese Art von Pop- und Rockmusik gibt es erst seit Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Daher die Eingrenzung.
Wie ist Ihnen konkret die Idee zu dem Thema gekommen?
Es gab da so einen Heureka-Moment. Ich habe im Januar 2020 die Ausstellung zu Beethovens 250-Jahre-Feier in der Bundeskunsthalle in Bonn besucht. Wir waren mit einem kleinen Team dort und durften diese wunderbare Ausstellung besuchen und begleiten. Es gab tolle Stücke zu sehen. Es war ein wirklich tiefer Einblick in das Leben und Schaffen von Beethoven. Auch Tagebuch-Auszüge wurden gezeigt, Kleidung, die er getragen und Alltagsgegenstände, die er benutzt hatte.
Aber es fehlte ganz klar ein Bezug zu Beethoven in der Pop- und Rockmusik. Ich bin praktizierender Musiker und spiele seit Teenagerzeiten in diversen Ensembles unterschiedliche Instrumente. So wusste ich, dass es Adaptionen von Beethovens Musik in alle Richtungen gibt, bis hin zur Filmmusik. Ich wusste auch, dass sein Werk und seine Kompositionsweisen überall in der Pop- und Rockmusik wiederzufinden sind.
Dazu gab es nichts in dieser riesigen Ausstellung, wo wirklich jedes kleinste Detail seines Lebens beleuchtet wurde. Die Rezeption nach seinem Tod bezog sich immer nur auf die klassische Musik, auf die ernste Musik. Da war überhaupt nichts von der Unterhaltungsbranche zu finden, die heutzutage den Musikmarkt bestimmt. Ich habe mir gedacht: Es kann nicht sein, dass ein so wichtiger Faktor völlig unberücksichtigt bleibt. Daraufhin habe ich die erste Recherche aufgenommen.
Was hat die heutige Pop- und Rockmusik aus Ihrer Sicht Beethoven zu verdanken?
Es gibt zwei Bereiche, erstmal völlig abgesehen von der reinen Musik. Der erste Bereich ist Komposition, Techniken, Zitate, Aufbau eines Songs, eines Liedes. Das sind alles Dinge, die Beethoven, wenn nicht erfunden, dann hat er sie so weit geführt, dass sie heute aufgenommen werden können.
Grundsätzlich ist es für Pop- und Rockmusiker immer sehr interessant, sich mit Beethoven auseinanderzusetzen, weil er ein rebellischer, revolutionärer Komponist war, der in vielerlei Hinsicht sich selbst immer wieder neu erfunden hat. Etwas, was man Madonna als Popstar so nachsagt. David Bowie war auch jemand, der so ähnlich wandelbar in seinen Werken war und der diesen revolutionären Weg auch konsequent umgesetzt hat.
Die zweite Sache ist die Arbeitsweise, seine Methodik, die sich auf die Arbeit in der Musik ausgewirkt hat. Er war der Erste, der Stücke nicht für die Fähigkeiten der Musiker, die in seinen Orchestern zur Verfügung standen, geschrieben hat, sondern an denen die Musiker wachsen mussten. Er hat die Professionalität ins Musikertum eingeführt. Er sagte: Ich komponiere dieses Stück und ihr setzt euch hin und übt das und probt es so lange, bis ihr das könnt. Deshalb setzen wir jetzt fünf Mal die Woche Proben an und wir proben dann sechs Stunden pro Tag. Das war eine völlig neue Sache.
Sie haben hier eine umfangreiche Diskografie der Masterarbeit. Welche Musikbeispiele haben Sie am meisten beschäftigt oder überrascht?
Fast erschlagen hat mich zu Beginn dieser Arbeit die Fülle und die Vielzahl der Zitate. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, Beethovens Musik in die eigene einzubinden. Entweder verwenden Musiker Zitate aus bereits bestehenden Kompositionen von Beethoven.
Oder sie adaptieren ihre Stücke, komponieren etwas in der Art von Beethoven, dabei orientieren sich an Beethovens Komposition und am Aufbau eines Songs, eines Liedes.
Wenn jemand Beethovens „Ode an die Freude“ spielt, wie das Bright Eyes gemacht haben, dann verwenden sie kein Orchester. Sie bleiben bei ihren Instrumenten wie Schlagzeug, Bass, Gitarre, Gesang, was in ihrem normalen musikalischen Umfeld verwendet wird, und adaptieren das Ganze dann so.
Am meisten hat mich die starke Verwendung der „Hochkultur-Musik“ im Hip-Hop überrascht. Mir war nicht bewusst, dass Beethoven so oft im Hip-Hop gesampelt wurde. Ich bin mit dem Genre des Hip-Hop nicht so sehr vertraut.
Mir aus dem Rock-Bereich waren einige Zusammenhänge mit der Musik von Beethoven gar nicht bekannt. Zum Beispiel „Like a Rolling Stone“, nicht nur von Bob Dylan im Original. Es gibt unglaublich viele Coverversionen. Was verbindet sie mit Beethoven?
Es gibt zwei Bezüge zu Beethoven. Bob Dylan hat ja nicht umsonst den Nobelpreis für Literatur bekommen. „Like A Rolling Stone“ ist eines seiner früheren Werke, in denen auch der Text ganz weit im Vordergrund steht, sich weltweit großer Beliebtheit erfreut und von unzähligen Künstlern gecovert wurde. Das ist der erste Bezug.
Beethoven hat einen Zyklus an die ferne Geliebte geschrieben und hat zum Ersten Mal dort ganz stark eine Verbindung zwischen Text und Musik hergestellt. Und zwar der Text steht im Vordergrund. Also die Anpassung an den Text war der kompositorische Hintergrund, das war was ziemlich Neues.
Der zweite Punkt ist das berühmte Intro der „Fünften Symphonie“ Beethovens, dieses typische „Tatatata“, was man immer mit Beethoven verbindet. Das war nachweislich das erste Riff der Welt, solange niemand das Gegenteil beweist. Das Riff bestimmt einen Rocksong. Und jemand wie Bob Dylan hat ein durchgehendes Riff verwendet, basierend auf vier Akkorden bei „Like a Rolling Stone“, die sich in derselben tonalen Umgebung befinden.
Das ist bei Beethovens Fünfter zum Ersten Mal in der Musikgeschichte der Fall. Das war für ihn ein sehr mutiger Schritt, weil er seine komplette Komposition, Technik, seine Komposition Kunst auf ein Skelett heruntergeschraubt hat und mit aller simpelsten Mitteln diesen Aufbau seiner Symphonie gewählt hat. Dieses Motiv durch alle Stimmen gehen zu lassen und dann wieder zurückzuführen im Kreis, bis es am Ende wieder auftaucht. Bei „Like a Rolling Stone“ ist der Song Aufbau ganz genauso.
Kann man also plakativ sagen: Beethoven hat das Riff erfunden?
Ja, das ist auch eines der Ergebnisse meiner Arbeit. Kann man genau so stehen lassen, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Was sind die anderen Ergebnisse Ihrer Arbeit?
Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Typen der Pop- und Rockmusiker, die Beethovens Musik in ihre eigene in irgendeiner Form haben einfließen lassen. Das sind erst mal die Autodidakten, die sich alles selbst beigebracht haben: komponieren oder Instrumente spielen. Wie eine Schar Kinder, die sich aus Beethovens Werken hier und da mal bedienen, in ihre eigenen Songs einbauen, in den Hip-Hop Song eine Loop laufen lassen. Oder wie Deep Purple das gemacht haben: im Hintergrund eines Rocksongs Beethovens „Siebte Symphonie“ laufen lassen.
Auf der anderen Seite gibt es die studierten Musiker, wie David Garrett oder Steve Vai, die Komposition tatsächlich gelernt haben, die Musiktheorie gelernt haben, die ihre Instrumente auf virtuosem Niveau beherrschen. Die gehen richtig in die Tiefe und nehmen Beethovens Werke auseinander. Sie schreiben sie um, verwenden sie, verstecken sie auch manchmal ein bisschen in ihren eigenen Songs, ohne dass man gleich draufkommt.
Mich hat sehr überrascht, dass die moderne Konzert-Form auf Beethoven zurückgeht. Dass man vorher Tickets kaufen kann, sich da hinsetzen kann, auch als jemand, der nicht zum Adel gehört. Er hat den kompletten musikalischen Kosmos für das Bürgertum geöffnet. Das klassische Festival hat er erfunden. Er hat sich nicht darauf einschränken lassen, ein Stück an einem Konzert-Abend zu spielen. Sondern er hat auch mal auf dem Klavier von anderen Leuten eine Komposition gespielt. Das ist so die Grundform des Rock-Festivals.
Aber was mich am allermeisten überrascht hat: Das ist sein Arbeitsethos. Er war ein Arbeitstier, der jeden Tag nach einem ganz strengen Arbeitsplan gearbeitet hat, und zwar überdurchschnittlich viel auch für heutige Verhältnisse. Er musste da auch wirklich um jede Note ringen und hat dieses Arbeitsethos auf die Musiker übertragen, mit denen er gearbeitet hat. Das schlägt sich bis heute wieder. In Kurt Cobains Tagebuch ist ein Eintrag zu finden, in dem er sagt, dass eine Band, die in der heutigen Musikwelt irgendwas schaffen will, mindestens fünf Mal die Woche proben muss – so wie das auch Beethovens Orchester früher machen mussten.
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