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Überraschendes von Dostojewski – bissiger Satiriker und Krimiautor

© SNA / Selimkhanov / Zur BilddatenbankEine Reproduktion einer Zeichnung von Ilja Glasunow "Fjodor Dostojewski"
Eine Reproduktion einer Zeichnung von Ilja Glasunow Fjodor Dostojewski - SNA, 1920, 11.11.2021
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Rund um den Globus wird der 200. Geburtstag des wohl bekanntesten und populärsten russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski begangen. Heute ist er so aktuell wie nie zuvor – als bissiger Satiriker und größter Krimiautor des 19. Jahrhunderts.
Literaturwissenschaftler und Publizisten konzentrieren sich bei der Analyse seines Schaffens oft auf seinen moralischen und sozialen Hintergrund. Hier ist wohl schon fast alles durchforstet worden. Nahezu alle philosophischen Hintergründe der Texte Dostojewskis sind von Literaturkritikern vollständig beschrieben. Doch die belletristische und manchmal auch satirische Seite des Schriftstellers wurde bislang kaum erforscht. Das Phänomen des Schriftstellers und seine weltweite Anerkennung (Dostojewski gehört zu den meistübersetzten russischen Klassikern) beruhen in vielerlei Hinsicht auf der Prosa seiner Werke.
Dostojewski wusste dies offenbar genau, als er das Thema für eines der bekanntesten literarischen Genres wählte. Denn die meisten seiner Werke sind im Grunde Krimis mit einem dramatischen Sujet.
Der Roman „Schuld und Sühne“ ist nicht einfach ein Krimi, sondern eine Geschichte über Erforschen und Reue, die Möglichkeit, die Situation mit den Augen des Verbrechers zu betrachten – der Autor holt den Lesenden quasi in sein Bewusstsein. Und das war lange vor der Entstehung des Kriminalromans „Alibi“ von Agatha Christie – des ersten Krimis, der aus der Sichtweise eines Menschen, der ein Verbrechen beging, geschrieben wurde. Dostojewski schuf dank seines schriftstellerischen Talents dazu noch einen sehr bildhaften Text, sodass der Leser nicht nur die Motive Raskolnikows versteht, sondern auch in seine spezifische Welt eintaucht.
Denkmal für Fjodor Dostojewski in Moskau, Russland - SNA, 1920, 10.11.2021
200. Geburtstag von Dostojewski: Der Mensch ist ein Rätsel und es muss gelöst werden
Ebenso verhält es sich mit den anderen Romanen: „Der Idiot“, ein Krimi, in dem man Mörder Rogoschin auf dem Weg zu seinem Verbrechen begleitet, wie zahlreiche Ereignisse ihn zum “Point of no Return” bringen. „Die Dämonen“ ist eine unglaublich verwirrende Darstellung über eine Terroristenzelle. „Die Brüder Karamasow“ ist ein perfekt gestalteter Krimi, wo jeder der Protagonisten ein Motiv für den Mord an dem Vater hat.
Natürlich können erfahrene Literaturforscher diese Sichtweise auf die Werke Dostojewskis als oberflächlich bezeichnen, wenn die moralischen und philosophischen Seiten in seinen Romanen ausgeblendet werden.
Doch der Leser verfolgt in erster Linie das Sujet, die Tiefe der Gedanken des Autors kommt erst allmählich zutage. Die Virtuosität Dostojewskis als Gestalter eines Sujets wird nicht in Zweifel gestellt.
Er wusste dies ganz genau und beschloss deshalb, in seinen Werken mit seinen Widersachern abzurechnen. Da erschließt sich ein ganz anderer Dostojewski – ein bissiger Satiriker mit unglaublich scharfsinniger Sprache, allerdings auch mit einer unglaublichen Tiefe.
„Das Krokodil“ ist eine amüsante Erzählung. Sie handelt davon, wie ein kleiner Beamter sich ein Krokodil ansehen will, zu ihm geht und von dem Reptil lebendigen Leibes verschluckt wird. Aus dem Inneren des Krokodils dringt seine Stimme hervor – er hat überlebt. Die Leitung seiner Behörde verdächtigt ihn des Betrugs – vielleicht hält er sich in dem Krokodil wegen aufkommender liberaler Ansichten versteckt? In der Figur dieses hageren, boshaften und bebrillten Beamten wurde eine böse Parodie auf Tschernyschewski gesehen. Dostojewski wies diese Vorwürfe im „Tagebuch des Schriftstellers“ zurück und versicherte, dass er keine konkrete Person gemeint habe.
Hier sollte man dem Schriftsteller glauben – natürlich handelte es sich nicht um Tschernyschewski als Einzelperson, sondern als Typus – eines pedantischen Westlers, der keine logischen Gedanken über die reale Welt hat. Deswegen geht es ihm im Inneren des Krokodils gut.
Im Ergebnis findet er sich mit jeder Lebensform ab. Sogar aus dem Magen des Krokodils kommt er gesund heraus. Und beginnt wieder, allen weiszumachen, dass er wüsste, wie alles in der Realität funktionieren muss.
Der Literatur-Experte Juri Tynjanow erkannte bei Dostojewski eine Parodie auf Nikolai Gogol in dessen späteren Zeit in dem Buch „Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden“, und meinte, dass Dostojewski Gogol in der Figur des Foma Opiskin darstellte. Ein „Schriftsteller mit Ansprüchen“, der Vorlesungen für Geschichten hält und davon träumt, wie sich dabei „30.000 Menschen“ (Parodie auf die Lügen von Chlestakow) versammeln werden.
„Ein kollektiver Moralapostel“ – eine weitere Figur, die von Dostojewski kritisiert wird. Dass einige darin den späteren Gogol sehen, ist wohl begründet. Oder der Schriftsteller Karmasinow in „Die Dämonen“ – hier handelt es sich um beinahe unverblümte Satire. Er liest seine Erzählung „Merci“ mit zahlreichen Naturbeschreibungen, Erinnerungen an die erste Liebe, Namen verschiedener ausländischer Komponisten. Es ist nicht erstaunlich, dass viele in dieser Figur eine Karikatur von Iwan Turgenjew sahen, zu dem Dostojewski ein schwieriges Verhältnis hatte.
Rein äußerlich gingen beide äußerst korrekt miteinander um (Iwan Turgenjew half Dostojewski, der Geld beim Spielen verloren hatte, finanziell aus und Dostojewski zahlte erst mit großer Verspätung zurück). Manchmal tauschten die Schriftsteller Sticheleien aus – mal schrieb Turgenjew ein Epigramm gegen Dostojewski, mal kritisierte Dostojewski Turgenjews Roman „Rauch“. Als Turgenew „Die Dämonen“ las, war seine Verärgerung groß – er sah in Karmasinow eine Karikatur von sich. Da war selbst eine formelle Versöhnung nicht mehr möglich, obwohl Dostojewski Versuche unternahm, das Verhältnis zu ihm zu verbessern.
All diese Elemente im Lebenslauf von Fjodor Dostojewski, die in klassischen Studien häufig nicht erwähnt werden, offenbaren eine weitaus größere Bandbreite des Schriftstellers. Er zeigt sich nicht als „Moralapostel“, sondern als ein reflektierender, kreativer, zum Dialog bereiter Schriftsteller mit einem unglaublichen Erzähltalent.
Gerade dass er vielen Zeitgenossen als unbequem, uneindeutig und umstritten erschien, zeugt von seiner bleibenden Aktualität. Das heißt, dass es immer noch Dimensionen seines Schaffens gibt, die erforscht werden sollten.
Es gibt also noch etwas neu zu entdecken in den Werken Dostojewskis, worüber man mit ihm sogar hätte streiten können. Jedenfalls wäre er dazu sicher bereit gewesen und ging keiner Kritik aus dem Weg. Denn er war sogar bereit, sie in seinen Texten direkt abzuwehren.
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