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„Menschen sollte man nicht nur bürokratisch verwalten: Das rate ich der neuen Bundesregierung“

© Foto : Hilde RektorschekBasketball Handicap-Team
Basketball Handicap-Team - SNA, 1920, 07.11.2021
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Mit nur einem Satz erwähnt die mögliche Ampel-Koalition im Sondierungspapier, wie sie beeinträchtigte Menschen in der Gesellschaft stärken will. „Politik und Verbände müssen mehr tun“, fordert Hilde Rektorschek, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, im SNA-Interview. Sie spricht auch über die Rechtslage und das Marburger Basketball-Handicap-Team.
Die Präsidentin des Bundesverbandes Kulturlogen, Hilde Rektorschek, erwartet von der neuen Bundesregierung, „dass es kein ‚Weiter so‘ gibt. Es gibt auch schon Bestrebungen, dass man (von Regierungs-, Behörden- und Experten-Seite, Anm. d. Red.) nachfragt, was Einrichtungen zur Betreuung beeinträchtigter Menschen eigentlich machen.“ Landläufig werden diese als Menschen mit Behinderung bezeichnet, sie allerdings bevorzugt den Begriff beeinträchtigte Menschen. Das erklärte sie im Gespräch mit SNA News.
Anstatt nur mit den Dachverbänden der Betreuungseinrichtungen zu reden, sollte man vor Ort in die Kommunen gehen um sich einen Einblick zu verschaffen, empfiehlt sie politischen und bürokratischen Entscheidungsträgern. Darunter die bald neue Bundesregierung.
„Um zu sehen: Wo gibt es Fehler in den Betreuungseinrichtungen? Wo knirscht es? Da hat sich einiges an Strukturen verstetigt und verfestigt. Man muss vor Ort in die Kommunen gehen und sich einen Einblick verschaffen. Man redet ja nur noch mit den Dachverbänden. So wie es der neue Bundeskanzler Olaf Scholz ausgedrückt hat: ‚Respekt leben‘. Das heißt für mich, dass wir die Menschen auch respektieren und sie nicht links liegen lassen.“
Im Sondierungspapier von SPD, Grüne und FDP steht nur ein einziger Satz zu der Thematik: „Wir wollen, dass das tägliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen selbstverständlich wird und werden daher die Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern mit Behinderungen weiter ausbauen – auf dem Arbeitsmarkt und durch die Förderung von Barrierefreiheit im Alltag, beim Wohnen und im digitalen Raum.“ Momentan befinden sich die drei Parteien in Koalitionsverhandlungen.

Trägerin des Bundesverdienstordens engagiert sich

Rektorschek gehört zu den vielen Engagierten in diesem sozialen Bereich und hat schon zahlreiche Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten. Kürzlich verlieh ihr der Ministerpräsident von Hessen, Volker Bouffier (CDU), das Bundesverdienstkreuz am Bande.
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„Ich setze mich schon seit über 40 Jahren für benachteiligte Menschen ein. Armut ist mein Thema. Ich kümmere mich um Frauenrechte. Auch um Obdachlose, Frauen ohne Wohnung und Menschen mit Beeinträchtigungen – ich verwende lieber diesen Begriff. Mittlerweile gibt es bundesweit 50 Kulturlogen, die zum Beispiel auch den Menschen mit niedrigem Einkommen die Teilhabe an Kulturveranstaltungen ermöglichen. Das Konzept hat sich als besonders gut auch während der Corona-Pandemie herausgestellt.“
Sie warnt vor der Entmündigung von Menschen mit Beeinträchtigung und kritisiert dabei auch die Arbeit sozialer Wohlfahrtsverbände und deren bisherige Verwaltungsstrukturen. Vor allem, was die Betreuung dieser Menschen angeht. „Ich habe festgestellt, dass Menschen, die in solchen Betreuungs-Einrichtungen wohnen, nach den bestehenden Strukturen der Einrichtungen leben“, sagte sie. „Also: Sie leben nicht das, was sie selber möchten. Ob das nun die Bereiche Wohnen, Arbeitsplatz oder Freizeit sind.“ Die Betroffenen könnten demnach nicht selbst entscheiden, was sie dürfen oder tun möchten.
Für Rektorschek stelle dies ein großes Problem der Bevormundung und Entmündigung dar. „Man hört von Heimbewohnern, Kunden, Klienten und „Konsumenten“ sozialer Dienstleistungen oft das Argument: Wir können nur das machen, was uns die Einrichtungen der Wohlfahrtspflege vorschreiben“, kritisierte sie im Gespräch mit der Redaktion. „Es gibt Einrichtungen, dort wohnt der Beeinträchtigte. Arbeitet dort und hat dort auch seinen Betreuer. Also, das ist eine Abhängigkeit. Ich kann das sagen, habe viel Einblick in solche Abhängigkeitsverhältnisse.“
Außerdem könne nicht sein, dass Jugendliche „abends um 21 Uhr gegen ihren Willen eine Sportveranstaltung oder Weihnachtsfeier verlassen müssen – nur, weil der Fahrdienst sie abholt“, bemängelte sie.

„Politik und Verbände haben zu wenig getan …“

Wenn es um Probleme bei den sogenannten Behinderten-Werkstätten geht, komme es dort „zu schlechter Bezahlung. Zweitens: Auch dort sind die benachteiligten Menschen nur unter sich. Es wird auch nicht darauf geachtet, wo die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen liegen. Man arbeitet dort ganz stupide vor sich hin, hat kaum Kontakt zur Außenwelt. Kommt so gar nicht heraus aus diesem ganzen System.“
Auch die Politik habe in diesem Bereich in den letzten Jahren „nicht genug getan“, bemängelte sie. „Das ist zwar im Gesetz verankert – aber um die Umsetzung und Wirksamkeit, da kümmert sich keiner drum. Es ist für diese Menschen keine Lobby da. Dass Einrichtungen alles in einer Hand haben – das müsste alles nicht so sein, wenn man sich da nur mehr Mühe geben würde. Nur bürokratisch verwalten sollte man keine Menschen. Man sollte darauf achten, was der Mensch mitbringt, was er kann, was er möchte. Darauf sollte man aufbauen. Ich denke, wenn die Menschen unten etwas sagen – das kommt oben bei der Leitung der Einrichtung gar nicht an.“
Dies zu ändern – etwa Räume schaffen für soziale Begegnungen – könnte mitunter auch eine Aufgabe für den Deutschen Städtetag sein, den Zusammenschluss der Kommunen in Deutschland, regte sie als Idee an. „Mit anderen Menschen in prekären Lebenslagen bringen wir ein Bündnis voran, es braucht eine Lobby und Widerstand. Nur wenn wir uns verändern, verändert sich auch unsere Gesellschaft in der wir leben. Die, die vorgeben uns zu vertreten, vertreten hauptsächlich ihre eigenen Interessen.“

Beispiel für gelungene Teilhabe: „Handicap-Team“ trainieren Basketball mit Bundesliga-Profis

Seit 2009 trainiert ein Team, bestehend aus Sportlerinnen und Sportlern mit Handicap, beim Bundesliga-Basketballverein BC Marburg mit. Dieses „Handicap-Team“ trägt auch Spiele und Wettbewerbe aus. Hilde Rektorschek ist nah dran am Team, wie sie im Interview schilderte. „Wir nehmen auch an den Special Olympics teil“, sagte sie. Das ist die weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung, sie ist vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anerkannt.
Auch dort würden diese Olympischen Spiele auf Wunsch der Einrichtungen an Werktagen ausgetragen, „obwohl es am Wochenende für alle Beteiligten, auch Zuschauer, besser wäre“, forderte die Marburgerin.
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Für Rektorschek stellt der Sport eine ideale Möglichkeit der Teilhabe und Integration für beeinträchtigte Menschen dar. Allgemein bekannt sei, dass Sport für Seele und Körper förderlich ist. Sportliche Betätigung diene dazu, das eigene Wohlbefinden zu verbessern. Auch diesen Punkt müssten Verantwortliche wie Verbände stärken statt verhindern, appellierte sie.

Kritik an sozialen Wohlfahrtsverbänden

Der Blogger und Rollstuhlfahrer Raul Krauthausen ist durch Funk und Fernsehen deutschlandweit bekannt und setzt sich nach eigener Aussage seit Jahren „für Inklusion und Barrierefreiheit“ ein. Er kenne solche Benachteiligungen aus dem eigenen Alltag. So schrieb er im September in einem Gastbeitrag für den „MDR“: Seit Jahren mache er die Beobachtung, „dass die Belange von Menschen mit Behinderung von der Politik nicht ernst genug genommen werden. Es wird zwar viel über Teilhabe und Inklusion gesprochen, aber am Ende des Tages bleibt für die Betroffenen nicht viel in den Gesetzestexten übrig.“
Die Wohlfahrtsverbände, die mehrheitlich für die Betreuung beeinträchtigter Menschen verantwortlich sind, sieht er äußerst kritisch. „Fast alle Wohlfahrtsverbände in Deutschland argumentieren, man müsse sensibilisieren, für die Belange der Menschen mit Behinderung, Verständnis für sie wecken“, schreibt er auf seinem Blog. Doch: „All diese Kampagnen und das Gerede über Inklusion verschieben ein wichtiges Problem auf den Sankt-Nimmerleinstag: Elementare Rechte von Menschen mit Behinderung werden ignoriert. (…) Es geht um das Barrieren-Brechen im Alltag. Schulen müssen barrierefrei gemacht werden, die Straßen und die Verkehrsmittel, Kinos, Restaurants und Bars – damit wir uns überhaupt begegnen können.“
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Dieser Kritik schloss sich Rektorschek im SNA-Interview an. „Wohlfahrtsverbände sollten besser betreuen bzw. begleiten. Mit mehr Angeboten – nicht nur das, was die Strukturen hergeben. Auch die Frage, wie kommen die beeinträchtigten Menschen mit der Digitalisierung klar.“ Besonders wichtig sei auch: „Wie kann Potentialentfaltung gelingen? Bestimmt nicht indem man die Menschenwürde verletzt. Letztlich ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“
Sie nannte das Betreuungssystem für beeinträchtigte Menschen in Norwegen als leuchtendes Beispiel – auch für Deutschland. In dem skandinavischen Land werden demnach Menschen mit Beeinträchtigungen begleitet und gefördert. Ihnen steht Hilfe zu, wenn es beispielsweise um die Suche nach einer Arbeit oder einer Wohnung geht.
Aktuell verdichten sich übrigens Hinweise, dass die sozialen Dienstleistungen beim nächsten Armuts- und Reichtumsbericht auf ihre Wirkung hin genauer untersucht werden sollen.

„Neue Bundesregierung sollte …“

Darüber hinaus sei es kaum nachzuvollziehen, dass Wohlfahrtsverbände häufig gar nicht wüssten, wo sich in ihrem jeweiligen Aufgabengebiet obdachlose Menschen aufhalten. Beispielsweise, wenn sie ein Impfangebot gegen das Coronavirus in Anspruch nehmen können. „Diese haben dann mich gefragt“, berichtete Rektorschek aus ihrer Praxis in Marburg.
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„Herr Krauthausen bestätigt alles das, was ich auch erlebe“, bestätigte sie. Er sage außerdem: „Es ist alles nicht nach dem Gesetz, was dafür eigentlich vorgesehen ist. Es funktioniert nicht in der Praxis. Obwohl ich mich da schon viel engagiere und immer wieder bei den entsprechenden Stellen nachfrage: Können wir nicht dieses oder jenes tun?“ Als Antwort bekäme sie häufig, dass dies „die Vorgaben“ wären.
„Ich würde der neuen Bundesregierung mit auf den Weg geben, dass Sie mehr Menschen wie Herrn Krauthausen zuhört“, empfahl Kulturlogen-Präsidentin Rektorschek der neuen Bundesregierung.
Ein Blick auf die deutsche Gesetzeslage verrät: Viel zu spät – nämlich erst in vier Jahren – tritt das neue Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft. Das kritisieren Rektorschek und Krauthausen. „Das klingt zwar schön, aber bis heute wurde die Privatwirtschaft nicht verpflichtet, barrierefrei zu sein“, moniert der Blogger:
„Von der zukünftigen Bundesregierung wünsche ich mir, dass Menschen mit Behinderung nicht nur angehört, sondern auch beteiligt werden. Dass deren Meinungen und Expertise auch in die Gesetzgebung mit einfließt. Dass sie es endlich mal anpackt, die Privatwirtschaft zur Barrierefreiheit zu verpflichten.“

Gesetz für Barrierefreiheit tritt erst 2025 in Kraft

In Marburg „wird bereits viel für Barrierefreiheit gemacht“, nannte Rektorschek als positives Beispiel. „Die Stadt liegt am Hang, da wird in der Bauweise darauf geachtet. Aber ich weiß, dass es in vielen Städten nicht so ist.“ Insofern seien die hessische Stadt und dort aktive Vereine und Initiativen möglicherweise ein bundesweites Vorbild, was Inklusion und Teilhabe beeinträchtigter Menschen angeht.
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz wird erst ab Juni 2025 verpflichtend, wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mitteilt. Im Juli dieses Jahres wurde es im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Mit Barrierefreiheit ist die Gestaltung der Umgebung derart gemeint, sodass sie auch von Menschen mit Beeinträchtigungen ohne zusätzliche Hilfen genutzt und wahrgenommen werden kann.
Das Gesetz ist nach eigener Aussage die Umsetzung einer EU-Richtlinie „über die Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen. Eine inklusive Gesellschaft, in der alle Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen, ist unser Ziel – in Deutschland und Europa.“ Es fördere angeblich „die gleichberechtigte und diskriminierungsfreie Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, Einschränkungen und älteren Menschen.“ Demnach müssten bislang alle Unternehmen, die in der EU Dinge produzieren, verkaufen oder Dienstleistungen anbieten, „nicht nur ganz unterschiedliche Anforderungen für Barrierefreiheit beachten, teilweise widersprechen sich die Anforderungen sogar.“ Somit richtet das Gesetz selbst auch den Blick auf bisherige Mängel, was die Benachteiligung von beeinträchtigten Menschen angeht.
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„Der Deutsche Behindertenrat (DBR) fordert, dass Barrierefreiheit und Diskriminierungsschutz in den politischen Fokus gerückt und im neuen Koalitionsvertrag verankert werden“, berichtete „Kobinet-Nachrichten“, ein Magazin für Behindertenpolitik, im Oktober. Nur so werde die Bundesrepublik dem Ziel einer inklusiven Gesellschaft in den nächsten vier Jahren tatsächlich näherkommen und „seinen Verpflichtungen hinsichtlich der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gerecht“.
„Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz werden in Deutschland erstmals Private zu Barrierefreiheit verpflichtet“, heißt es bei der „Bundesfachstelle Barrierefreiheit“. Allerdings gelte diese Regelung nur für ausgewählte Produkte und Dienstleistungen. Darunter etwa Geldautomaten, Ticket-Maschinen, Lesegeräte für elektronische Texte, Computer-Ausrüstung – um nur einige zu nennen. Dies umfasse viel zu wenig Angebote im Alltag, kritisiert Blogger Krauthausen.
An dieser Stelle müsse die neue Bundesregierung nachbessern und dafür Sorge tragen, dass diese rechtlichen Grundlagen in der Praxis auch gelebt werden, so die SNA-Gesprächspartnerin.
Das Radio-Interview mit Hilde Rektorschek (Bundesverband Kulturloge Marburg) zum Nachhören:
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