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„DeRegCOVID“: „Das weltweit einzige Register“ für Covid-19-Autopsien – Exklusiv

© Depositphotos / Sudok1Arzt neben einem Patienten (Symbolbild)
Arzt neben einem Patienten (Symbolbild) - SNA, 1920, 30.10.2021
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Seit April 2020 beschäftigt sich ein zentrales Register in Deutschland mit Autopsien von Corona-Toten, die bundesweit obduziert werden. Seit neustem werden dabei auch Impf-Durchbrüche und mögliche Impfnebenwirkungen unter die Lupe genommen. Der Leiter des Registers hat den Aufbau des Registers und sein Potenzial im SNA-Interview erklärt.
In Deutschland befindet sich seit April 2020 ein zentrales elektronisches Register für Covid-19-Tote im Aufbau. Sein Name lautet „DeRegCOVID“ und diese Abkürzung steht für „deutsches Register für Covid-19 Obduktionen“. Seine Funktionen: zentrale elektronische Infrastruktur für die Erfassung von Covid-19-Obduktionen in Deutschland und Vermittlerstelle für Forschungsanfragen und Meldungen. Inzwischen umfasst das Register über 30 Zentren, an denen Autopsien im Zusammenhang mit Covid-19 durch Pathologien, Neuropathologien und Rechtsmedizinen durchgeführt werden. Wie arbeitet das Register, welche Ergebnisse hat es vorzuweisen und welche Ziele verfolgt es auf lange Sicht? Darüber hat SNA mit dem Leiter des Registers, Peter Boor, in einem Interview gesprochen.

Zentrale Auswertung und Vermittlung von Daten und Bioproben

„Unser Register funktioniert als eine zentrale elektronische Vermittlungsstelle. Es hat zum einen die Aufgabe, die Zentren, die Covid-19-Obduktionen durchführen, zu unterstützen. Diese Zentren bilden das eigentliche Herzstück des Registers, weil sie die Obduktionen elektronisch an das Register melden. Diese werden bei uns zentral ausgewertet und der Fachgesellschaft und Institutionen wie dem Robert-Koch-Institut oder dem Bundesministerium für Gesundheit zur Verfügung gestellt.“
Prof. Dr. Peter Boor - Pathologe
Leiter des Deutschen Zentralregisters für Covid-19-Obduktionen am Uniklinikum Aachen
Eine weitere Aufgabe ist die Vermittlung von Bioproben, also Geweben, Organen oder Körperflüssigkeiten Verstorbener an Wissenschaftler, die in der Covid-Forschung aktiv sind. Schließlich hat „DeRegCOVID“ mit über 1100 Autopsien auch Informationen wo, welche und wie viele Covid-19-Proben aus den Obduktionen gelagert werden, von denen es mittlerweile mehr als 17.000 gibt.

Sterben an oder mit Covid-19?

Bereits im November 2020 bezog die Aachener Uniklinik, an der Boor arbeitet und wo das Register auch angesiedelt ist, Stellung zu Gerüchten, Menschen stürben vorwiegend nicht an, sondern nur mit Covid-19. Konkret meinten diese Gerüchte, dass für den Tod von Infizierten nicht das Virus und Folgen der Viruserkrankung, sondern Vorerkrankungen schuld waren, dass die Personen also vereinfacht gesprochen auch ohne Infekt verstorben wären. Damals bereits betonte Boor, dass nach der wissenschaftlichen Literatur bis circa 85 Prozent der untersuchten Covid-19-Toten tatsächlich an Auswirkungen des Virus gestorben waren.

Wie werden überhaupt Covid-Tote nachgewiesen?

Was aber sind die häufigsten Todesursachen bei der Erkrankung und wie lassen sie sich trennscharf von altersbedingten Todesursachen abgrenzen, wenn etwa ein Patient an einem Herzinfarkt verstirbt. Dieser kann ja einer Überlastung des Organs durch Infektionen von Herzmuskelzellen geschuldet sein, aber ebenso auch ohne Infekte bei älteren Menschen auftreten. „Gerade diese Analysen laufen jetzt. Da will ich noch nicht die Ergebnisse vorab sagen. Wir hoffen, dass wir die nächsten Wochen dann gerade diese Auswertungen auch zur Verfügung stellen können“, bemerkt Boor dazu. Grundsätzlich gilt laut dem Pathologen: Bei der Obduktion müssen die Krankheitsgeschichte des Patienten sowie die zeitlichen Abläufe bei der Erkrankung berücksichtigt werden. „In der Obduktion schauen wir uns dann sehr gründlich den gesamten Körper und alle Organe und Gewebe makroskopisch und unter dem Mikroskop an. Mit molekularen Methoden untersuchen wir zudem bestimmte molekulare Prozesse und schauen auch, wo überall im Gewebe das Virus zu finden ist“, so Boor.
Corona-Pandemie in Deutschland (Archivbild) - SNA, 1920, 06.02.2021
Meiste Corona-Toten mit oder an Virus gestorben? – deutscher Pathologe klärt auf
Grundsätzlich gelte: Hat ein Patient eine koronare Herzkrankheit und erleidet dann einen großen Herzinfarkt, aber das Bild der Lunge ist dabei nur minimal verändert, dann zählt der Verstorbene nicht als Covid-19-Toter. „Aber wenn wir zum Beispiel sehen, dass die Lungenerkrankung tatsächlich führend ist, dann ist es da keine Frage, dass es Covid-bedingt ist“, betont der Leiter des Obduktionsregisters.
Wichtig ist bei den mehr als 1100 Obduktionen des „DeRegCovid“, dass es sich um eine nicht-repräsentative Stichprobe handelt, die keinen Anspruch erhebt, epidemiologische Aussagen zu treffen. Will heißen: Die Zahl ist zu niedrig und berücksichtigt nicht gleichermaßen alle Regionen Deutschlands, um aus den Fällen auf das gesamte Infektionsgeschehen im Land Rückschlüsse ziehen zu können. Dennoch spiegelt sie in etwa die bekannte Altersverteilung von schweren Erkrankungen und Todesfällen wider, bei der die Gruppe der Über-60-Jährigen führend ist. Laut Boor ist das Bild folgendes:
„Die allermeisten Fälle sind zwischen 60 und 80 Jahren alt. Aber wir haben auch Patienten zwischen 40 und 60 Jahren und das sind häufig auch klinisch die interessanten Fälle, wo die Obduktion helfen kann zu erklären, warum gerade da ein fataler Verlauf war.“
Prof. Dr. Peter Boor - Pathologe
Leiter des Deutschen Zentralregisters für Covid-19-Obduktionen am Uniklinikum Aachen

Impf-Durchbrüche und Impf-Nebenwirkungen

Seit Juni 2021 erfasst das Register auch Daten zum Impfstatus der obduzierten Personen. Diese Daten sind sowohl mit Blick auf sogenannte Impf-Durchbrüche interessant, also Covid-19-Erkrankungen trotz vorheriger Impfung, als auch bei der Frage nach möglichen Nebenwirkungen der Impfstoffe. Zu beiden Fragestellungen laufen gegenwärtig Untersuchungen in Deutschland: „Wir haben im Forschungsnetzwerk ein Projekt, das sich mit Impf-Durchbrüchen befasst, aber das ist noch nicht so weit, dass wir die Ergebnisse melden können“, erläutert Boor. „Wir haben auch bereits angefangen, die Nebenwirkungen nach Impfungen zu erfassen. Aber auch da sind wir gerade am Anfang und auch da haben wir noch nicht ausreichend Fälle, die jetzt auch zentral gemeldet werden, dass wir hier schon eine Auswertung liefern könnten“, so der Pathologe.
Corona-Impfstoff - SNA, 1920, 24.09.2021
Eine Konferenz, die keine war? Pathologen distanzieren sich von Vortrag über Impftote

Warum nur Covid-19? Das Register hat Potenzial in alle Richtungen

„Unser Register ist so ausgelegt, dass wir nicht nur Covid-19-Obduktionen erfassen können, sondern grundsätzlich alle durch Autopsien erfassten Daten oder Krankheiten erfassen könnten“, reißt Boor im Interview auch das künftige Potenzial von „DeRegCOVID“ an, das in diesem Fall freilich auch einen neuen Namen erhalten müsste. Dabei muss das Register nicht nur eine Operationszentrale der Pathologen im Schlummermodus für künftige Pandemien sein, es kann auch andere brennende Fragestellungen aus der Medizin lösen helfen.
Eine erste Entwicklung gibt es bereits in Zusammenarbeit mit dem RKI, wo eine „seltene, aber auch fatale infektiöse Erkrankung“ untersucht wird, so Boor. Neben anderen Infektionskrankheiten, bis hin zu besonders schweren Influenzawellen, wären auch nicht-infektiöse oder seltene Erkrankungen ein mögliches Aufgabengebiet für das Netzwerk der Autopsie-Zentren. In letzterem Fall gebe es nicht viele Patienten, sodass man „wirklich eine nationale Initiative haben“ müsse, um die seltenen Fälle zu sammeln. Auch Tote aus besonders feinstaubbelasteten Gebieten könnten obduziert werden. Am Ende des Tages ist alles auch eine Frage der Finanzierung. Entweder müssten die Obduktionen besser vergütet werden oder bei neuen Fragestellungen auch neue Projekte eröffnet werden, über die der Zusatzaufwand für die Pathologie-Zentren vergütet wird.

Deutschland war Erster - Folgt die internationale Vernetzung?

Gerade mit Blick auf seltene Krankheiten stellt sich die Frage, ob eine Internationalisierung des Ansatzes nicht zweckdienlich wäre. Dafür müssten allerdings auch andere Staaten mit zentralen Obduktionsregistern nachziehen.
„Ich persönlich war im Kontakt mit verschiedenen Kollegen in verschiedenen Staaten und ich weiß, dass es zum Beispiel in den USA mehrere Initiativen zu einem ähnlichen Register gab, aber soweit ich weiß, sind alle gescheitert“, bemerkt Boor. Ähnliches habe es auch in einigen EU-Staaten gegeben, wobei hier gegebenenfalls noch an Registern gearbeitet wird.

„Soweit wir wissen, sind wir bislang das einzige wirklich funktionierende aktive Register, das es gibt. Das heißt, wir sind sehr offen und hatten schon von vornherein die Idee, uns international zu vernetzen. Aber aktuell haben wir noch niemanden, mit dem wir uns vernetzen könnten.“

Prof. Dr. Peter Boor - Pathologe
Leiter des Deutschen Zentralregisters für Covid-19-Obduktionen am Uniklinikum Aachen
Die bislang 1100 erfassten Autopsien zeigen auch, welcher Raum nach oben besteht, denn diese bilden knapp ein Prozent aller Todesfälle mit Coronabezug ab (Das RKI zählt 95.359 Todesfälle, Stand 27.10.2021 – Anm. d. Red.). Zugleich wird jede Autopsie seit 2021 mit pauschal 1200 Euro vergütet. Da kämen bei 96.000 schonmal 115 Millionen Euro an Mehrausgaben zusammen. Die ebenfalls teure Lagerung der Bioproben ist in dieser Summe noch gar nicht enthalten. Auch die Zahl teilnehmender Zentren könnte noch wachsen: Um die 400 Institute und große Universitätspathologien gibt es gegenwärtig in Deutschland.

Das Interview mit Peter Boor zum Nachhören:

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