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Der Fußballstar und das „Moralgedönse“: Eine „schräge Diskussion“ im ZDF-Talk

© REUTERS / WOLFGANG RATTAYFC-Bayern-Spieler Joshua Kimmich
FC-Bayern-Spieler Joshua Kimmich - SNA, 1920, 29.10.2021
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Bayern-Starkicker Joshua Kimmich will sich nicht impfen lassen. Wie schlimm ist es für ihn, vor allem aber für die epidemische Lage in Deutschland? Bei „Maybrit Illner“ entfaltete sich eine „schräge Diskussion“ um die moralischen Aspekte der Impfkampagne.
„Julian Nagelsmann, der Trainer von Bayern München, in Quarantäne, obwohl doppelt geimpft. Joshua Kimmich, wahrscheinlich gesund, aber nicht geimpft, erntet jetzt ein Meer an Kritik. Ist das eine schräge Diskussion?“ – so lautete die erste Frage der Moderatorin in die Runde. Ohne es wohl wirklich zu wollen, lenkte sie damit das Gespräch von der eigentlichen Leitfrage des Talks ab. Dieses gestaltete sich dann immer mehr in der Tat als eine „schräge Diskussion“.
Inwieweit kann das Geständnis eines Fußballstars, er wolle sich vorerst nicht impfen lassen, weil er gewisse Bedenken über Langzeitfolgen habe, die Impfbereitschaft der Bevölkerung beeinflussen? Boris Palmer, Tübingens grüner Oberbürgermeister, meldete sich als Erster in der Talkrunde zu Wort und wollte die Debatte um Kimmich gleich am Anfang im Keim ersticken. „Da hat einer was gesagt, was empirisch falsch ist“, meinte er. „Seine Bedenken halte ich für falsch, die kann man fachlich widerlegen, und damit wäre für mich diese Debatte zu Ende.“
Tübingens Bürgermeister Boris Palmer - SNA, 1920, 22.04.2021
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Und fügte hinzu: „Wir geraten in dieser Gesellschaft zu leicht in Erregung.“ Dies sei für eine „Erregungs- und Empörungsdemokratie“ symptomatisch, die in der Bundesrepublik herrsche.

"Kimmich ist für viele ein Vorbild"

Für manche in der Talkrunde war aber der Fall Kimmich damit nicht erledigt. Etwa für Johannes B. Kerner. „Er hat sich in der Argumentation mit den Langzeitfolgen einfach vergaloppiert“, äußerte der TV-Moderator. „Damit hat er dem querdenkenden Teil der Bevölkerung Vorschub geleistet.“ Dennoch gehöre der Talkmaster „nicht zu denen, die jetzt Joshua Kimmich am Nasenring durch die Arena ziehen“. Ob sich aber der Athlet von einem Johannes B. Kerner am Nasenring ziehen lassen würde? Eher kaum.
Auch Alena Buyx, Chefin des DeutschenEthikrates, sah sich verpflichtet, ihren Senf zum Fall Kimmich zu geben. "Kimmich ist für viele ein Vorbild", betonte sie. "Er sollte sich besser beraten lassen."

„Es gibt keinen moralischen Impfzwang, aber schon eine moralische Impfpflicht“, predigte die junge Professorin. „Eine Impfung ist keine Privatsache."

Sibylle Katzenstein, Ärztin aus Berlin-Neukölln, die nach eigenen Worten bereits mehrere Tausend Personen geimpft hat, drosselte mit ihrer Bemerkung den pathetisch-demagogischen Grad des Talks ganz erheblich:

„Das Moralgedönse überzeugt niemanden (…) Ich habe noch keinen Patienten gehabt, der sich zur Impfung bewegen ließ, weil ein Herr Spahn sich als Vorbild impfen lässt oder weil sich ein Herr Kimmich nicht impfen lässt.“

Sie persönlich habe durchaus Verständnis für Kimmichs Zweifel, fügte die Ärztin hinzu: „Ich glaube, dass er vielen Menschen aus der Seele spricht. Es gibt Bedenken über Langzeitfolgen.“

Zweifel an der 2G-Regel

Irgendwann dann erinnerte sich der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, dass das Geplänkel über Kimmich die Runde „vom eigentlichen Thema abbringt“. Immerhin lautete die Leitfrage der Sendung: "Kein Schutz, keine Freiheit – Lockdown für Ungeimpfte?" Andersrum hätte die Frage so lauten können: „War die Abschaffung der kostenfreien Tests richtig?“ Oder: „Ist die 2G-Regel wirklich der effektivste Schritt zur Pandemiebekämpfung?“
Supermarkt Rewe in Berlin (Archivbild) - SNA, 1920, 19.10.2021
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Natürlich rühmte Peter Tschentscher, der Erste Bürgermeister Hamburgs, als Pionier der weitgehend obligatorischen 2G-Option in Deutschland, diese Regel: „Dadurch ist wieder ein normaleres Leben möglich.“ Die Neuköllner Ärztin Katzenstein widersprach:

„Ich möchte lieber in einem Restaurant sitzen, in dem alle frisch getestet sind, als in einem, das vollgepackt ist mit 2G-Leuten.“

In ihrer Praxis sehe sie nämlich immer wieder doppelt Geimpfte, die sich infiziert haben, weil sie nach der Impfung nachlässiger geworden seien.
Und damit hat sich der Kreis in der Talkrunde geschlossen: Der doppelt geimpfte Bayern-Trainer Nagelsmann muss nun mit einem positiven Test in die Quarantäne, der ungeimpfte Fußballer Kimmich darf weiter kicken. Im Endeffekt war die ganze Veranstaltung also keine überzeugende Werbung für die Impfkampagne.
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