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Als „Dritter Weltkrieg“ drohte: Panzer-Konfrontation am Checkpoint Charlie im Oktober 1961

© SNA / Alexander BoosCheckpoint Charlie
Checkpoint Charlie - SNA, 1920, 28.10.2021
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Im Oktober 1961 kamen sich – mitten im geteilten Berlin – Panzer der USA und der Sowjetunion bedrohlich nahe. Diese Konfrontation geschah am Checkpoint Charlie: Heute zentraler Ort für den Tourismus in der Hauptstadt, damals Grenzübergang zwischen West- und Ost-Block. Am Mittwochabend erinnerte eine Historiker-Runde daran. SNA war vor Ort.
Nur wenige hundert Meter trennen am 27. und 28. Oktober 1961 die Kanonenrohre von Panzern der US-Armee und ebensolchen Kampffahrzeugen der sowjetischen Truppen. Sie stehen sich am Grenzübergang Checkpoint Charlie bedrohlich gegenüber, mitten in der geteilten Stadt Berlin. Es sind Drohgebärden und Konfrontationen mitten im Kalten Krieg. Kurz nach dem Bau der Berliner Mauer, in einem in zwei souveräne Staaten in Ost und West geteilten Land. Durchdrungen von der Militärpräsenz der Siegermächte, der Alliierten. Kriegsgefahr liegt in der Berliner Luft.
„Selbst die britische Armee schickt Panzer, man spricht damals von zehn Panzern der US-Armee. Nun stehen sich mitten in Berlin bewaffnete Panzer gegenüber. Fotos und Bilder davon gehen um die Welt. Die Panzer-Konfrontation wird zum Sinnbild für den Kalten Krieg. Auch Soldaten der NVA, der Armee der DDR, sowie Truppenteile der Sowjetunion stehen sich bewaffnet am Checkpoint Charlie – auf beiden Seiten – gegenüber. In Ost- und West-Berlin sammeln sich bald viele Schaulustige. Im Ostteil der Stadt stehen die Menschen vor allem auf der Krausenstraße. Schließlich sperrt man sogar die Friedrichstraße, um diese Menschenansammlungen aufzulösen.“
So schilderte die Berliner Geschichtsforscherin Susanne Muhle von der „Stiftung Berliner Mauer“ die damaligen Ereignisse.

Panzer auf beiden Seiten: „Absurde Szene“

Sie gehört zu den Historikerinnen und Historikern, die am Mittwochabend im Asisi-Panorama, direkt am Checkpoint Charlie, in der Hauptstadt mit einer Podiumsdiskussion an die Berlin-Krise 1961 erinnerten. Dazu eingeladen hatten u.a. die genannte Stiftung, das „Alliierten Museum“ und weitere Forschungseinrichtungen und Museen. Eine neue Publikation, die in Kooperation jüngst erschienen ist, widmet sich den damaligen Vorgängen.
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Susanne Schattenberg, Historikerin und Osteuropa-Expertin an der Universität Bremen, beschrieb die Szene am Berliner Grenzübergang und die dortige Panzer-Konfrontation so:
„Man steht sich mit Panzern gegenüber und weiß eigentlich gar nicht, was man da soll. Was für eine absurde Szenerie: Die Panzerführer und Soldaten frieren im kalten Oktober 1961 – auf beiden Seiten. Immer wieder steigen sie aus den Panzern aus, um sich aufzuwärmen.“
Im Blickpunkt dabei vor allem zwei „Berliner“: Lucius D. Clay, US-General und Sondergesandter Washingtons für den US-amerikanisch kontrollierten West-Teil der Stadt – und DDR-Staatschef Walter Ulbricht.
„Zuerst war die Mauer, dann die Konfrontation“, erklärte Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, im SNA-Interview während der Veranstaltung. „Die Akteure vor Ort, also Clay der US-Kommandeur und DDR-Politiker Ulbricht, waren eben auch nicht steuerbar aus Moskau und Washington. Und darin lag tatsächlich eine Gefahr, dass man die jeweilige Klientel sozusagen im Auge haben musste – also die Militärs. Da kommt wieder Clay ins Spiel, der für die USA eine Politik der Stärke haben wollte.“

Checkpoint Charlie: „Mythen umranken diesen Ort“

Alles begann mit dem einfachen Wunsch, innerhalb der damals geteilten Stadt vom West-Sektor nach Ost-Berlin gehen zu dürfen. Was heute banal wirkt, war im Herbst 1961 ein Politikum, sogar ein möglicher Kriegsgrund. Schließlich verlief mitten durch Berlin die Grenze zwischen Ost und West, die damals die gesamte Welt in zwei Blöcke spaltete: Sozialistische Staaten wie die DDR versus kapitalistische Staaten, darunter die Bundesrepublik.
Bereits am 23. Oktober 1961 erließ das Innenministerium der DDR, mit sowjetischer Billigung, eine Verordnung, wonach zivile Angestellte der US-Militärpräsenz bei Fahrten und Übertritten in den Ostteil Berlins ihre Pässe vorzeigen und genau kontrolliert werden mussten. Dieser Verstoß gegen das sogenannte Vier-Mächte-Abkommen der geteilten Stadt behinderte damit die eigentlich garantierte Bewegungsfreiheit aller militärischen und zivilen Angehörigen der West-Alliierten, also der US-Amerikaner, Briten und Franzosen. Ärger war damit vorprogrammiert.
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„Auch die lokalen Akteure in Berlin, Ulbricht und Clay, waren entscheidend“, beschrieb Bernd Greiner, Historiker, Amerikanist und Politikwissenschaftler vom „Berliner Kolleg Kalter Krieg“ die damalige Lage. „Die zwei waren für den Kreml und Washington unberechenbare Personen.“ Riskierte ein einzelner General der Alliierten in Berlin einen Weltkrieg? So lautete demnach die einstige Sorge in Moskau und bei der US-Regierung.
„Um diesen Ort ranken sich viele Mythen“, erklärte Jürgen Lillteicher, Historiker und Leiter des „Alliierten Museums“ in Berlin, auf dem Podium. „Die Panzer-Konfrontation hat die Kreuzung Checkpoint Charlie weltberühmt gemacht. Alle Museen und geschichtswissenschaftlichen Institutionen deuten dieses Ereignis von damals unterschiedlich. Es hatte das Potenzial einer Eskalation, bis hin zu einem weltweiten Atomkrieg. Hätte man tatsächlich einen Krieg zur Aufrechterhaltung des Vier-Mächte-Status in Berlin geführt?“

„Mit Glück am Weltkrieg vorbeigeschrammt“

Ein „bisschen Glück“ sei dabei gewesen, dass es damals zu keinem Krieg kam, blickte Andreas Etges zurück. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. „Am Ende baut der Osten ‚nur‘ die Mauer“. Bei der Berlin-Krise 1961 hatten ihm zufolge die US-Amerikaner den Eindruck, der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow vertraue US-Präsident John F. Kennedy „nicht so ganz, was Frieden angeht. Die US-Regierung dachte sich: Wenn wir in Berlin keine Stärke zeigen, nimmt uns der Ost-Block nicht ernst, nirgendwo auf der Welt. Es ging immer um die globale Perspektive.“
Greiner pflichtete seinem Vorredner bei. „Dabei ging es immer um die globale Sicht. Auch in Berlin. Das war die Handlungslogik dieser Zeit“, sagte er.
Der Historiker nannte als Vorgeschichte „das schon Monate vorher einsetzende Kräftemessen zwischen Ost und West. Chruschtschow war bekannt dafür, zu provozieren, in dem er beispielsweise sagte: ‚Wir produzieren Raketen wie andere Bratwürste.‘“
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Chruschtschow „war einer, der zwar öffentlich immer polterte, aber im Hintergrund immer wieder einlenkte, wie etwa bei der Kuba-Krise 1962. Er wollte keinen Krieg, war gebrandmarkt durch den Zweiten Weltkrieg, den er miterlebt hatte. Sowohl Kennedy und Chruschtschow waren Getriebene, getrieben von den Hardlinern in Moskau auf der einen, im Pentagon und State Department (US-Außenministerium, Anm. d. Red.) auf der anderen Seite.“

„Weder Chruschtschow noch Kennedy wollten Krieg“

Mittlerweile sei Historikern klar, „dass Ulbricht als im Grunde starker Politiker seine Agenda hatte und auch gute Wege fand, seine Schutzmacht, nämlich die Sowjetunion, in die Richtung zu drängen, die er auch haben wollte“, sagte Morré gegenüber SNA News vor Ort. „Weil auch Ulbricht natürlich die Mechanismen des Kalten Krieges kannte. Und für ihn geht es natürlich um das Überleben und die Überlebensfähigkeit der DDR. Also deswegen ist er einfach für eine Grenzschließung, um die Leute im Lande zu halten. Und er muss sich natürlich der Unterstützung der Sowjetunion vergewissern, denn da sind wir wieder bei der Gefährdung.“
Zweiter von links: Walter Ulbricht, 1. Sekretär des ZK der SED Walter Ulbricht; Zweiter von rechts: Nikita Chruschtschow, 1. Sekretär des ZK der KPdSU, Archivfoto von 1959 - SNA, 1920, 13.08.2021
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Schließlich verständigen sich Chruschtschow und Kennedy, wurde in der Experten-Runde erklärt. „Denn keine Seite will Krieg. Kennedy hatte zuvor gesagt, die Berliner Mauer sei immer noch besser als ein richtiger Konflikt. Aus Sicht der USA waren allerdings die damaligen Maßnahmen und Grenzkontrollen der DDR eine Gefahr für das Vier-Mächte-Abkommen Berlins. Doch stand man wirklich vor einem dritten Weltkrieg? Zeitungen in jener Zeit sprachen eher nüchtern von diesem Ereignis, weniger von einer akuten Kriegsgefahr.“ Letztlich konnten sich beide Supermächte, die USA und die UdSSR, doch noch friedlich einigen.
Das Radio-Interview mit Dr. Jörg Morré zum Nachhören:
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