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„Das ist alles Schattenboxen“: Der unsichtbare Dritte bei „Anne Will“

© AP Photo / Michael SohnFDP-Chef Christian Lindner
FDP-Chef Christian Lindner - SNA, 1920, 25.10.2021
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„Ist Rot-Grün-Gelb finanzierbar?“ – so lautete das Thema der jüngsten „Anne Will“-Talkshow. Diese Frage blieb für die Zuschauer ohne Antwort. Ein Grund dafür lag wohl in der lückenhaften Gästeliste – obgleich selbst der designierte Kanzler zur Talkrunde gehörte.
Die Leitfrage des Talks nach der Finanzierbarkeit der Ampel-Koalition – eine an und für sich wichtige, aber eher trockene Materie – schien die Moderatorin viel weniger zu interessieren als das Phänomen, das auch die meisten Kommentatoren nach dem Erscheinen des Sondierungspapiers der Koalitionspartner in spe beschäftigt. Nämlich: Wie kam es dazu, dass der kleinste der Partner, die FDP, laut diesem Dokument ziemlich alle programmatischen Ziele durchgesetzt hat, während die beiden größeren, vor allem die Grünen, eine ziemlich magere Ausbeute vorweisen können?
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Zur Untermalung dieser Sicht wurde gleich zu Beginn ein Tweet von Grünen-Urgestein Christian Ströbele eingeblendet, der sich zum Inhalt des Sondierungspapiers wie folgt äußerte:

„Lindners Porsche nicht zu bremsen. Bleibt wohl bei freie Fahrt für freie Bürger – auf Kosten von Umwelt- und Klimaschutz. Auch mit gerechteren Welt wird’s wohl nix. Wieder keine Reichen-, Vermögenssteuer. Reich bleibt reich, Arm arm.“

„Wir sind jetzt mit einer Partei in der Regierung, die andere Vorstellungen hat. Und das muss man ganz ehrlich einräumen“, gab der Grünen-Chef Robert Habeck zu. „Gerade im steuer- und finanzpolitischen Bereich treffen da ganz schön die Welten aufeinander.“ Mit den Liberalen in der Regierung könne es keine Reformen bei der Vermögens- oder Erbschaftssteuer geben. „Damit fehlt auch der Spielraum für Entlastungen an anderer Stelle. Und diese kann es nur dann geben, wenn der Wirtschaftsaufschwung wieder für mehr Steuereinnahmen sorgt.“

Habeck ist "ganz fürchterlich genervt" - Scholz reagiert gelassen

Ansonsten nerve ihn „dieses Spielchen“ mit der Fragerei, warum FDP-Chef Christian Lindner ziemlich alle Wünsche im Sondierungspapier unterzubringen vermochte, „ganz fürchterlich“, regte sich der Grünen-Parteichef auf. Schließlich sei dies bloß ein Dokument, das besagt, dass man sich zutraue, einen Koalitionsvertrag miteinander zu schließen, und zwar „mit Partnern, die erst einmal üben müssen, miteinander klarzukommen“.

"Klar, das ist nicht das grüne Wahlprogramm. Aber wir haben 14 Prozent geholt und müssen jetzt mit einer anderen Partei koalieren", sagte Grünen-Chef Habeck.

Als Anne Will den designierten Kanzler Olaf Scholz mit der gleichen Frage zu piesacken versuchte, reagierte dieser nicht „genervt“, sondern ironisch-gnädig: Es sei „schon ok, dass Sie hier Ihre Obsession verfolgen“.
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Im Übrigen brauche sich die SPD nicht als Verlierer bei den bisherigen Unterredungen zu betrachten, meinte Scholz und zählte die Ziele auf, die die Partei bisher durchzubringen vermochte: „Die Kindergrundsicherung, ein stabiles Rentenniveau, den Mindestlohn und die Aufstockung der Wohnungsbauförderung…“
Als Verlierer wirkte der Wahlsieger an dem Abend auch gar nicht – im Gegenteil: Er klang stets souverän und schon nahezu pathetisch. Beim Zuhören drängte sich fast schon der Eindruck auf, Olaf Scholz könne sich bei seiner zukünftigen Rolle als Kanzler mindestens mit einem Otto von Bismarck messen – jedenfalls was die Wirtschaft anbelangt:

„Das ist doch jetzt keine niedliche Veranstaltung, sondern das ist jetzt eine solche Modernisierung Deutschlands, wie sie wahrscheinlich am Ende des 19. Jahrhunderts das letzte Mal in dieser Dimension stattgefunden hat, als der ganz große industrielle Aufschwung damals stattfand unter ganz anderen Umständen. Und das müssen wir jetzt hinkriegen (…) Das darf man überhaupt nicht geringschätzen, Das ist die größte Modernisierungsaufgabe, die wir für Deutschland haben, und alle drei Parteien, die jetzt über die Koalition verhandelt haben, haben sich jetzt exakt das vorgenommen, das finde ich die richtige Aufgabenstellung zur richtigen Zeit. Und das erfordert viel Kraft und Mut…“

Mag sein, dass gerade dieses Zitat eines Tages in deutsche Geschichtslehrbücher eingehen wird. Eher wahrscheinlich aber, dass der berühmte „Scholzomat“ im Laufe der sich anbahnenden Amtszeit als Kanzler noch viele derartige Zitate produzieren wird.

Lindners lautloser Schatten

Diese und weitere Wortergüsse von Olaf Scholz konnten allerdings nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass eine Antwort auf die Hauptfrage der Sendung offenblieb. Nicht zuletzt lag das wohl an einem Riesenversagen der „Anne Will“-Redaktion, die keinen FDP-Vertreter für die Talkrunde aufzutreiben vermochte. Als Folge schwebte quasi ein lautloser Schatten Christian Lindners über dieser „niedlichen Veranstaltung“ am Sonntagabend.
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Wohl nicht zufällig sprach Habeck auch von einem „Schattenboxen“, als er nach eventuellen Vereinbarungen über personelle Besetzungen in der künftigen Koalitionsregierung gefragt wurde. Konkret: wer – er oder Lindner – das Amt des Finanzministers übernehmen soll.

„Wir haben nur über Inhalte geredet, nicht über Personen und nicht über Ressorts. Das ist alles Schattenboxen“, versicherte der Grünen-Chef. Und schob vorsichtshalber nach: „Ich würde hier nie die Unwahrheit sagen.“

So blieb leider auch offen, wo Habeck sonst bereit wäre, die Unwahrheit zu sagen.
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