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Studie: China-Berichterstattung in deutschen Medien vorwiegend negativ

© REUTERS / Thomas PeterChinesische Flagge
Chinesische Flagge  - SNA, 1920, 25.10.2021
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Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat deutsche Medien in Bezug auf ihre Berichterstattung über China untersucht. Das Urteil ist vernichtend: es dominieren Klischees, US-amerikanische Sichtweisen bis hin zu Ansätzen von Rassismus.
Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass in deutschen Medien „insgesamt wenig differenziert und zudem vorwiegend von der Perspektive deutscher Interessen bestimmt“ über China berichtet wird. In Bezug auf die gesamte Themensetzung gäbe es „blinde Flecken“, wie etwa beim Nationalen Volkskongress, der als „politisches Spektakel“ und „Ritual der Selbstvergewisserung“ abqualifiziert wird. Kaum thematisiert werden soziale, bildungspolitische und binnenwirtschaftliche Auswirkungen der Corona-Krise in China sowie Fragen der Diagnose und Behandlung von Covid-19. Diese Fragen wurden auch zu einem späteren Zeitpunkt, als Deutschland und andere Länder bereits unter der Pandemie litten und sich Vergleiche geradezu aufdrängten, nicht in den deutschen Medien diskutiert. Vergleiche verblieben meist in der allgemeinen Sphäre des Politischen: Welches System erweist sich als das „bessere“? Dabei konstruieren die deutschen Medien einen Gegensatz zwischen Partei- und Staatsinteressen, die sich um Machterhalt und Stabilität drehen und in der Person Xi Jinpings manifestieren einerseits und den Interessen der Bevölkerung, die in Freiheit Demokratie verortet werden andererseits. Diese Argumentation zieht sich durch nahezu alle Beiträge, selbst wenn entgegengesetzte Tendenzen nahezu erstaunt registriert werden, so die Autoren der Studie.

Klischees und Ängste

Die Geschehnisse in China werden dabei von einer nicht näher spezifizierten ‚westlichen‘ Werteagenda und eurozentristischen Perspektive heraus bewertet. Es erfolgt quasi eine systematische ‚Messung‘ Chinas mit deutschen, europäischen, westlichen Werten, und damit wird der Gegensatz von ‚wir‘ und ‚China‘ als ‚das Andere‘ betont, wobei vielfach ‚das Andere‘ als nicht gleichrangig dargestellt wird. Genau diese ‚Reduktion der Rolle Chinas auf die eigenen (westlichen) Vorstellungen und Erwartungen‘ führt zur Tradierung von Klischees und Ängsten.

Rosa-Luxemburg-Stiftung
Studienautoren
In der Studie wurden 747 Beiträge in sieben deutschen Printmedien – in der Süddeutschen Zeitung, im Tagesspiegel, in der Taz, der Welt, dem Handelsblatt und dem Spiegel– von Januar bis August 2020 untersucht. Bedingt durch den großen Stellenwert der Corona-Krise hatten der Ausbruch der Pandemie und ihre Bekämpfung einen dominanten Platz in der Berichterstattung. Aber auch innenpolitische Themen, vor allem der Einparteienstaat, Propaganda, Meinungsfreiheit und Zensur sowie die Bürgerbewegung in Hongkong wurden breit behandelt. Fast ebenso stark waren Beiträge zu den internationalen Beziehungen Chinas und zu geopolitischen Auswirkungen der Corona-Krise vertreten. Vorrangig wurden die deutsch-chinesischen Beziehungen, die US-amerikanisch-chinesischen Beziehungen und die Beziehungen Chinas zur Europäischen Union (EU) behandelt.

China ist schuld an der Pandemie

Neben innenpolitischen Aspekten thematisieren die China-Beiträge in deutschen Medien ab April vermehrt die internationalen Dimensionen der Pandemie. Die Kritik an Chinas Umgang mit Corona spitzt sich zu, auch unter dem Einfluss der US-amerikanischen Vorwürfe, China sei schuld am Ausbruch der Pandemie. Chinas Unterstützung anderer Länder wird als Propagandaoffensive umgedeutet, sein Vorgehen – gemünzt auf Diplomatie und Wirtschaft – als zunehmend aggressiv eingeordnet, konstatieren die Autoren der Studie. Erst im Sommer wird in den deutschen Medien zumindest die allmähliche wirtschaftliche Erholung Chinas als überwiegend positiv wahrgenommen.
Negativ konnotierte Ausführungen sind bei nahezu allen Themen, insbesondere jedoch in Bezug auf die Charakterisierung chinesischer Innen- und Außenpolitik zu finden. Dazu dienen Topoi wie „Vertuschung“, „Zensur“, „Abriegelung“ und „Propagandaoffensive“, die immer wieder aufgegriffen werden und Negativassoziationen beim Lesepublikum hervorrufen. Nur ein kleinerer Teil der Beiträge zum Corona-Geschehen und zu wirtschaftlichen Indikatoren ist positiv konnotiert, analysieren die Autoren der Studie. Rassistische Untertöne zeigen sich weniger in den Texten und in den abgebildeten Fotos als in den beiden, in die Analyse mit einbezogenen Karikaturen. Ebenfalls klingt ein rassistischer Unterton im Klischee „Chinesen essen alles, auch Ekliges“ an, heißt es in der Studie.
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US-Framing

Es sind vorrangig Perspektive und Framing, die das Chinabild bestimmen. Die chinesische Außenpolitik wird ebenso selten wie innenpolitische Themen vor dem Hintergrund historischer und aktueller Komplexität der Konflikte gewertet. Stattdessen wird das wirtschaftlich rasch wachsende Land mit seiner Einforderung einer internationalen Gleichrangigkeit unter dem Einfluss der USA als Bedrohung nicht nur des US-Führungsanspruchs sondern der gesamten Welt dargestellt. So erfolge in einigen Beiträgen ein entsprechendes Framing Chinas als „Bedrohung“, heißt es in der Studie. Beispielsweise würde durch den vielfachen Gebrauch des Adjektivs „aggressiv“ die Konstruktion Chinas nicht nur als „systemischer Rivale“, sondern auch als „Feind“, gegen die sogenannten Werte der westlichen Wertegemeinschaft – wie auch immer diese gefasst werden – befördert.

Mehr mit, als über Chinesen reden

Abschließend versuchen die Autoren der Studie Vorschläge für eine ausgewogenere China-Berichterstattung zu formulieren. Eine ausschließlich deutsche, eurozentrische oder generell westliche Perspektive der Berichterstattung über China sollte hinterfragt werden. „Das erfordert sowohl die Darstellung von mehr unterschiedlichen chinesischen Positionen als auch eine Ausweitung des berichteten Themenspektrums auf die in China selbst als wichtig erachteten Problembereiche“, heißt es in der Studie. Auch sollte man den Kreis der China-Experten, die zu Wort kommen, erweitern um Spezialisten mit mehr interkulturellen und chinesischen Sprachkenntnissen, „um die vielfältigen Entwicklungen in China besser in den chinesischen Kontext einordnen zu können und Fehler in der sprachlichen und kulturellen Übersetzung zu vermeiden.“ Generell gilt laut den Studienmachern: „Statt nur über China und Chines*innen sollte mehr mit Chines*innen gesprochen werden.“
Außerdem sollte die Faktenrecherche präziser verlaufen; es sollten nicht Meldungen ungeprüft wiedergegeben werden, deren falscher Inhalt später nicht mehr dementiert wird.
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Die Autoren der Studie beklagen auch Doppelstandards, das Messen mit zweierlei Maß: „Während etwa der Wuhan-Lockdown als ‚drastisch‘, ‚drakonisch‘ und als Verletzung der Menschenrechte geschildert wird, werden die Lockdowns anderer Städte, etwa von Mailand, zwar auch als ‚drakonisch‘ und ‚restriktiv‘, letztlich aber als ‚zu akzeptierende Einschränkungen der Bewegungsfreiheit‘ und als notwendig für die Bekämpfung der Pandemie dargestellt.“
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